BER-Debakel

„Mehdorn ist unser Vorsitzender und genießt unser Vertrauen“

Der Aufsichtsrat berät am Freitag erneut über die BER-Fertigstellung – und über die Zukunft Mehdorns. Vor der Sitzung spricht Verkehrsstaatssekretär Bomba dem BER-Chef sein Vertrauen aus.

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Der Bund hält trotz erheblicher Differenzen vorerst an Hartmut Mehdorn als Chef der Berliner Flughäfen fest. Verkehrsstaatssekretär Rainer Bomba (CDU) sagte am Freitag vor der Aufsichtsratssitzung in Motzen: „Herr Mehdorn ist unser Vorsitzender (der Geschäftsführung) und er genießt unser Vertrauen, bis irgend etwas anderes entschieden wird. Und das steht momentan nicht an.“

Das Verhältnis zwischen Geschäftsführung und Aufsichtsrat ist belastet, seit das Kontrollgremium eine externe Überprüfung der Arbeit Mehdorns veranlasst hat. Mehdorn spricht von „Inquisition“ und „Misstrauenskultur rund um den BER“.

Zuvor hatte Hartmut Mehdorn in den vergangenen Tagen viel über sich lesen müssen. Dass er kurz vor der Ablösung als BER-Manager steht. Dass der Bund bereits einen Headhunter eingeschaltet hat, um einen Nachfolger zu finden. Und auch Brandenburg ihn loswerden möchte. Aus den Zeitungen erfuhr er auch, dass sein bis zum Frühjahr 2016 laufender Drei-Jahres-Vertrag als Geschäftsführer der Flughafengesellschaft im kommenden Februar nicht verlängert werden soll.

Offenbar hält nur noch Berlin als einer der drei staatlichen BER-Eigentümer zu dem Mann, der den Pannen-Flughafen in Schönefeld endlich startklar machen soll.

Inzwischen gilt deshalb nicht mehr als ausgeschlossen, dass der Ehrgeizige mit impulsivem Naturell den derzeit wohl schwierigsten Job Deutschlands vorzeitig hinwirft.

Mehdorn fordert politische Rückendeckung

Erste Anzeichen gibt es dafür schon. „Ein Aufsichtsrat muss Vertrauen in seine Geschäftsführung haben“, forderte Mehdorn vor knapp einer Woche den nötigen Rückhalt ein. Er machte deutlich: „Entweder er traut seiner Geschäftsleitung, oder er sucht sich eine neue. Dazwischen gibt es nichts.“ In einem Brief an den scheidenden Aufsichtsratschef Klaus Wowereit (SPD) beschwerte er sich darüber, dass das immer ungeduldiger werdende Gremium im Sommer externe Gutachter eingesetzt hat, um die Vorgänge am BER zu kontrollieren.

In einem Schreiben an das Bundesverkehrsministerium wirft Mehdorn seinen Arbeitgebern auch „Inquisition“ und „Zynismus“ vor. Es geht längst nicht so voran, wie es sich die Flughafen-Eigentümer von dem ehemaligen Bahn- und Air-Berlin-Chef wohl erhofft hatten. Und das bekommt der jetzt zu spüren. Bei dem studierten Maschinenbauer ist es eigentlich so: Je schwieriger eine Aufgabe, desto reizvoller scheint sie für sein Ego zu sein. Trotz aller Probleme beim BER verkündet er deshalb gern: „Ich bin fit, mir geht’s gut“. Eine öffentliche Demontage, wie in den vergangenen Tagen erfolgt, die könnte dem 72-Jährigen nun doch zu weit gehen.

Zumal ihm bei der heutigen Sitzung des Flughafen-Aufsichtsrats im brandenburgischen Motzen neue Niederlagen drohen. Etwa beim Wirtschaftsplan für 2015, den die Aufsichtsräte – wie bereits durchgesickert ist – nur abgespeckt genehmigen werden. Die Sitzung wird Brandenburgs Flughafenkoordinator Rainer Bretschneider (SPD) als Vize-Aufsichtsratsvorsitzender leiten.

Mehdorn kann auch Erfolge verzeichnen

Der bisherige Chef, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), soll erst zum Schluss dazukommen und verabschiedet werden. Erstmals im Aufsichtsrat dabei sein wird hingegen sein Nachfolger Michael Müller (SPD), wie auch Brandenburgs Finanzstaatssekretärin Daniela Trochowski (Linke) und der frühere Daimler-Manager Axel J. Arendt, der als Favorit für den Aufsichtsratsvorsitz gilt. Ein neuer Chef soll aber erst im Januar oder Februar gewählt werden.

Mehdorn kann aber auch Erfolge verbuchen. Seine Pläne, den schon bei der Eröffnung zu kleinen Flughafen zu erweitern, stoßen auf Zustimmung. Neben dem Nordpier am BER soll ein zusätzlicher Abfertigungs-Pavillion entstehen. Für die Billigflieger. Er will das Terminal von Schönefeld-Alt in den BER miteinbeziehen. Außerdem hat er eine Einigung mit dem Bund zum Regierungsflughafen erzielt, sodass er das Terminal von Schönefeld in den BER miteinbeziehen kann.

Auch der Sanierung der alten Landebahn am Flughafen Schönefeld steht offenbar nichts mehr im Wege. Das Projekt soll an diesem Freitag von den Behörden genehmigt werden. Demnach können die Arbeiten an der Nordbahn wie von Mehdorn geplant am 2. Mai 2015 beginnen. Während der sechsmonatigen Bauzeit sollen die Flugzeuge die eigens für den BER gebaute Piste nutzen. Zuletzt hieß es noch, das Projekt müsse wegen der schleppende Lärmschutzmaßnahmen für die Anwohner verschoben werden.

Auch ein Eröffnungstermin für den neuen Hauptstadtflughafens steht auf der Tagesordnung der Aufsichtsratssitzung, so wie Mehdorn es ursprünglich für die letzte Sitzung im Jahr 2014 angekündigt hatte. Dass ein konkretes Datum genannt wird, gilt jedoch mehr als unwahrscheinlich. Allenfalls „ein Terminband“, also eine unverbindliche Zeitspanne für die möglicherweise schrittweise Eröffnung des BER, könnte verkündet werden. Aber selbst das ist nicht sicher.

„Ohne Termin werden wir aber keine Eröffnung hinkriegen“

Experten gehen längst davon aus, dass eine Inbetriebnahme des 5,4 Milliarden Euro teuren Neubaus nicht vor Mitte 2017 möglich ist, einige rechnen gar erst mit einer BER-Eröffnung 2018. In diesem Fall würden die Nacharbeiten nach der kurzfristigen Eröffnungsabsage im Mai 2012 länger dauern als die eigentlich geplante Bauzeit.

Flughafenchef Mehdorn und die Aufsichtsratsmitglieder schieben sich für dieses Desaster gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Der Manager äußerte Zweifel, dass der Aufsichtsrat an diesem Freitag den lange angekündigten Eröffnungstermin nennen will: „Ich habe die Sorge, dass es Ängstlichkeiten gibt – so nach der Devise: Bloß nicht noch einmal eine Verschiebung. Ohne Termin werden wir aber keine Eröffnung hinkriegen.“ In Aufsichtsratskreisen hingegen heißt es: Das liegt nicht an uns, es liegt am zu langsamen Fortschritt beim Umbau der nicht funktionierenden Brandschutzanlage und der noch nicht einmal begonnen Neuverlegung der Kabel.

Mehdorn selbst sieht die Probleme am BER vor allem in der Vergangenheit begründet. Auch durch politisch gewollte Veränderungen sei das Terminal immer größer geworden, ohne dass die haustechnischen Anlagen den Veränderungen systematisch angepasst wurden. „Es war so, als würde man ein Fahrrad mit fünf Mann beladen und sich wundern, dass sich das Gefährt kaum noch steuern lässt“, heißt es in einem 27-seitigen Positionspapier, das der Berliner Morgenpost vorliegt.

2012 habe sich das Flughafenprojekt „in einem mehr als desolaten Zustand“ befunden. Er selbst wiederum habe die Flughafen-Gesellschaft nach seinem Amtsantritt im März 2013 personell und inhaltlich komplett neu aufgestellt. Mehdorn stellt klar: Er hat zur Fertigstellung des BER alles Notwendige auf den Weg gebracht, er hat das Projekt voll im Griff. Vielleicht gibt er ja doch noch nicht auf.