Siemens klang am Donnerstag wie sonst nur Politiker. „Wir tun jetzt wirklich alles, damit der Flughafen BER schnell eröffnet wird“, sagte der oberste Konzernsprecher Oliver Santen. Es galt, Irritationen zu begegnen. Denn der neue Siemens-Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser hatte in einer Diskussion mit Studenten der Münchner Technischen Universität einen Satz gesagt, der Zeithorizont für die Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens in eine neue Dimension katapultiert. Wann der neue Berliner Flughafen fertig werde, sei „nicht relevant“, sagte Kaeser. Sein Sprecher bestätigte am Donnerstag, dass der Satz so gefallen ist. „Es reicht vollkommen, wenn er in fünf bis zehn Jahren eröffnet wird“, fügte der Siemens-Chef hinzu, als er über die Frage philosophierte, ob man in Deutschland noch Großprojekte könne. Er sprach sich für „mehr natürliche Gelassenheit“ im Umgang mit solchen Großprojekten aus. Der Zeitplan sei zu ehrgeizig gewesen.
Worte des Chefs von Deutschlands größtem Industriekonzern haben sowieso schon Gewicht. Heikel werden Kaesers Aussagen besonders dadurch, dass Siemens gerade dabei ist, das größte Problem für die Inbetriebnahme anzugehen und das nicht funktionierende Zusammenspiel im Brandschutz zwischen Feuermeldern, Entrauchung und Frischluftzufuhr im Terminalgebäude neu zu organisieren. Kaeser habe nichts zum aktuellen Auftrag gesagt, hieß es aus der Münchner Siemens-Zentrale. „Wir wollen den Flughafen retten.“ Immerhin reichte die Meldung aus München, um das Rote Rathaus und die Umgebung des noch kommissarischen Flughafen-Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus Wowereit aufzuschrecken. Mitarbeiter des Regierenden Bürgermeisters ließen sich von Siemens bestätigen, dass das Ganze nicht so gemeint gewesen sei. „Es kann nicht sein, dass eine beteiligte Firma so etwas sagt“, so Senatssprecher Richard Meng: „Wir teilen die Einschätzung nicht, dass es egal ist, wann etwas fertig wird.“
Siemens will nicht vorschnell neuen BER-Starttermin nennen
Andere am Projekt beteiligte erachten die Aussage Kaesers als echtes Foulspiel. Siemens arbeite seit Jahren am BER, habe viel Geld verdient und eben auch nicht warnend die Finger gehoben, als dauernde Umplanungen die Gebäudetechnik überforderten und deutlich wurde, dass das Design des Terminalgebäudes die Entrauchung sehr erschwert.
Die Fachleute aus der ostdeutschen „Building Technologies“-Sektion, die seit Jahren am Flughafen beschäftigt sind und im Oktober den Vertrag über den Neustart unterschrieben haben, sind zwar sehr vorsichtig, was einen möglichen Zeitplan für die noch ausstehenden Arbeiten angeht. Die fünf bis zehn Jahre, die ihr Vorgesetzter im Plausch mit den Studenten in die Welt gesetzt hat, halten sie jedoch für wenig realistisch. Wobei sich die offizielle Kommunikationsstrategie des Konzerns und die offenbar wenig durchdachten Äußerungen des Vorstandschefs doch an einem Punkt treffen: Siemens will vermeiden, zu große Erwartungen in der Öffentlichkeit zu schüren und sich unter Druck zu setzen, indem man vorschnell einen möglichen Starttermin nennt. 18 Monate hat sich Siemens für die Leistung ausbedungen. Die Frage ist aber immer noch, ab wann die Uhr tickt für die Gebäudetechnikexperten um den Ostdeutschland-Chef Jörg Marx. Siemens will vermitteln, wie stark das eigene Vorankommen von der Vorarbeit anderer Firmen und des Flughafens selbst.
Siemens muss 90 Kilometer brandsicheres Kabel verlegen
Zwei Themen müssen sie am Flughafen lösen, damit die Gutachter die Sicherheit des Brandschutzsystems positiv bescheinigen und in der Folge die Beamten des Bauaufsichtsamts von Königs Wusterhausen die Genehmigung für den Betrieb des BER erteilen können. So wird die Entrauchungsanlage, die in kleineren Räumen im Brandfall den Rauch verwirbelt, in kleinere Einheiten zerteilt. Diese Aufgabe übernehmen die Planer des Flughafens. Siemens hatte bisher die Steuerung der Entrauchungskanäle, -ventilatoren und -klappen übernommen.
Nun ist der Auftrag erweitert worden, Siemens Technik soll auch die Zufuhr von Frischluft steuern. Das System muss dafür sorgen, dass sich je nach Gefahrensituation Fenster, Klappen und Türen öffnen oder schließen. Dazu müssen mehr als 90 Kilometer brandsicheres Kabel neu verlegt werden, um über sieben sogenannte „Informationsschwerpunkte“ 400 Anschlusspunkte für Fenster und Türen an den zentralen Rechner anzubinden. Würde es sich beim Terminal um einen Rohbau handeln, ginge das relativ einfach, so die Techniker. Weil aber das Gebäude fertig ist, muss man nun genau planen, wo die neuen Kabel entlanglaufen können. Gegebenenfalls müssen Decken neu aufgestemmt und Wände durchbrochen werden. Man rede gerade darüber, den Weg der Kabel zu klären, beschreiben die Siemens-Experten den Stand. Auch die Türen und Fenster, die benutzt werden sollen, seien bekannt. Der Konzern selbst hat nun die Ausführungsplanung übernommen.
Bis die ersten Kabel gezogen werden, wird es noch Monate dauern. Grundsätzlich ist Siemens davon überzeugt, dass es funktionieren wird. Fragt sich nur, wie schnell. Im Gesamtprojekt sind zahlreiche sogenannte Meilensteine verabredet, die einzuhalten sind, wenn der Fahrplan funktionieren soll. Und vor allem benötigen die Siemens-Mitarbeiter wichtige Vorgaben des Flughafens, um damit anfangen zu können, das System zu programmieren. Dazu gehört zuerst die Brandschutzmatrix, die festlegt, was passiert, wenn in der linken Ecke eines Raumes ein Brand ausbricht und welche Klappe sich öffnen muss, wenn es in der rechten Ecke qualmt. Vom Flughafen hieß es, man sei dabei, diese Matrix zu erarbeiten. Auch das wird dauern.





