Pannenflughafen BER

Was sich seit der verschobenen Eröffnung am BER getan hat

Heute vor genau einem Jahr hätte der neue Hauptstadtflughafen BER ans Netz gehen sollen. Es kam bekanntlich anders. Wir zeigen, was seither an Deutschlands berühmtester Baustelle passiert ist.

Foto: euroluftbild.de / dpa

Wenn alles nach Plan gelaufen wäre, gäbe es in Berlin heute nur noch den einen Großflughafen. Am 3.Juni vor genau einem Jahr hätte der neue Hauptstadtairport BER in Betrieb gehen und die beiden alten Flughäfen Tegel und Schönefeld schließen sollen. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) wäre sehr wahrscheinlich noch Aufsichtsratschef der Flughafengesellschaft und hätte am heutigen Montag resümiert, wie gut der BER für die Hauptstadtregion doch sei.

Doch es kam bekanntlich anders. Wowereit muss froh sein, dass er nur den Chefposten im Aufsichtsrat abgeben musste und nicht auch das Amt des Regierenden Bürgermeisters. Wie lange Tegel in Betrieb bleibt, ist völlig offen. Und geht es nach den Plänen des neuen Flughafenchefs Hartmut Mehdorn, hat Berlin bald vielleicht sogar drei Flughäfen. Denn Mehdorn will den BER gern schon im Herbst in Betrieb nehmen und die beiden alten Flughäfen dennoch weiter offen lassen. Wir zeigen, was sich sonst noch auf der wohl berühmtesten Baustelle Deutschlands getan hat.

Geschäftsführung

An der Spitze der Flughafengesellschaft ist bis heute keine Ruhe eingekehrt. Seit Mitte März ist der ehemalige Bahn-Chef Hartmut Mehdorn neuer Flughafenchef. Er will mit seinem Beschleunigungsprogramm „Sprint“ das Tempo auf der Baustelle erhöhen und spätestens im Herbst einen neuen Eröffnungstermin nennen. Doch ob ihm Technikchef Horst Amann dann noch zur Seite steht, ist fraglich. Dieser ist seit August 2012 im Amt. Viel passiert ist seither nicht auf der Baustelle. Sehr zum Unmut der Gesellschafter. Amann betonte stets, dass er erst eine gründliche Bestandsaufnahme der Mängel machen will, bevor er die Arbeiter auf die Baustelle zurückholt. Angeblich sind die vorhandenen Pläne völlig chaotisch. Mit ihnen lasse sich laut Amann der BER nicht fertig bauen. Doch nun gibt es Gerüchte, dass dies einigen im Unternehmen dann doch etwas zu lange dauert. Mehdorn drückt nämlich aufs Tempo. Jeden Morgen um 9 Uhr lässt er seine Bereichsleiter zur Lagebesprechung antreten. Ob Amann dabei noch lange mit am Tisch sitzen wird, gilt in Flughafenkreisen nicht mehr als sicher. Mehdorn stellt sich nämlich gerade seine eigene Führungsmannschaft zusammen. Jüngster Zugang ist der frühere Chef des Flughafens Paderborn, Elmar Kleinert. Der 52-Jährige tritt heute als neuer Betriebsleiter der Berliner Flughafengesellschaft an. In dieser Funktion kümmert er sich um alle operativen Fragen von der Passagierführung im Flughafen bis zu Andockmöglichkeiten für Flugzeuge an den Flugsteigen.

Brandschutz

Die Brandschutzanlage ist in ihrer Komplexität weltweit einmalig. Es erstaunt daher nicht sehr, dass sie auch die große Schwachstelle am BER ist. Die meisten Schwierigkeiten macht der Rauchabzug. An einigen Stellen will man daher nun die geschossübergreifende Entrauchung abschaffen und stattdessen den Rauch für jedes Stockwerk einzeln absaugen. Auch die Sprinkleranlage, mit der Brände in den Terminalgebäuden gelöscht werden sollen, soll nun in mehrere Abschnitte geteilt werden, damit es bei Ausfällen Notlösungen gibt. Diesen Umbau hat das zuständige Bauordnungsamt schon seit Jahren gefordert. Die am Bau der Brandschutzanlage beteiligten Firmen, zu denen renommierte Industriebetriebe wie Bosch und Siemens gehören, weisen eine Mitschuld an den Problemen übrigens von sich.

Software

Hartmut Mehdorn macht sich demnächst sogar selbst auf den Weg in die USA, um die Probleme mit der Software in den Griff zu bekommen. Beim Probebetrieb kam es nämlich regelmäßig zu Schwankungen der Systemstabilität. In der Folge fielen mehrere wichtige Geräte und Systeme am Flughafen aus. Das betraf nicht nur den Brandschutz. Verantwortlich dafür ist laut Mehdorn die Firma Alcatel Lucent. Der französische Konzern stellt Systeme und Geräte für die Telekommunikation her und liefert das LAN-Netz für den BER. Auf dieser elektronischen Datenautobahn bewegen sich die Informationen für die verschiedenen Anlagen des Flughafens in Bruchteilen von Sekunden hin und her. Dabei handelt es sich um das Herzstück des ganzen Flughafens. Mehdorn will daher voraussichtlich Anfang Juli zum Sitz von Alcatel in Palo Alto an der amerikanischen Westküste reisen, um sich die Softwareprobleme erklären zu lassen und um dem Management den Ernst der Lage klarzumachen.

>>>So laut ist Ihr Kiez: Der Flugroutenradar der Morgenpost<<<

>>>Das große Morgenpost-Special zum Flughafen BER<<<

Finanzen

Seit Anfang Mai kümmert sich Heike Fölster als neue Finanzchefin um das Zahlenwerk der Berliner Flughafengesellschaft. Dieser Posten wurde neu geschaffen, und das war auch bitter nötig. Denn unter Führung der ehemaligen Geschäftsführer Rainer Schwarz und Manfred Körtgen ging der Überblick über die Kosten verloren. Keiner konnte zuletzt verbindlich sagen, ob das vorhandene Geld für die Fertigstellung des BER reichen wird.

In Gesellschafterkreisen gilt es als so gut wie sicher, dass die Gesamtkosten von den veranschlagten 4,3 Milliarden Euro am Ende auf mehr als fünf Milliarden Euro steigen werden. Sehr wahrscheinlich werden die Gesellschafter Berlin, Brandenburg und der Bund auch noch einmal Geld nachschießen müssen. Fölster soll hier für Klarheit sorgen. Genügend Erfahrung in Finanzbuchhaltung verschiedener Firmen bringt sie mit. So war sie zuvor unter anderem für die Finanzen des Flughafens Hamburg sowie des weltweit agierenden Konzerns Germanischer Lloyd zuständig.

Aufsichtsrat

Im Januar gab Klaus Wowereit den Vorsitz im Aufsichtsrat an Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) ab. Dieser fällte seither einige Entscheidungen, die ganz und gar nicht Wowereits Zustimmung fanden. Und die dieser zum Teil auch wieder rückgängig machte. Ganz so, als wäre er noch immer der heimliche Chef des Kontrollgremiums. So verhinderte Wowereit zwei umstrittene Personalentscheidungen, da ihm die damit verbundenen Honorarzahlungen zu hoch vorkamen. Dazu gehörte unter anderem das Engagement des ehemaligen Fraport-Chefs Wilhelm Bender als Chefberater. Völlig offen ist noch der Ausgang des Streits über das Nachtflugverbot. Platzeck nahm nämlich überraschend das Brandenburger Volksbegehren für ein strengeres Nachtflugverbot am BER an und zog sich damit den Unmut der anderen Gesellschafter zu. Berlin hat bereits angekündigt, hier keine Zugeständnisse machen zu wollen. Im Roten Rathaus befürchtet man, dass dies sonst für den BER ein nicht wieder gutzumachender Standortnachteil werden könnte.

Termin

Klarheit gibt es darüber frühestens im Herbst. Mehdorn weiß nach eigenen Angaben, dass die Flughafengesellschaft hier „nur noch einen Schuss“ hat. Ihm wäre es am liebsten, den BER etappenweise ans Netz zu bringen. Aus dem Grund verhandelt er unter anderem mit der Airline Easyjet, ob diese vielleicht sogar schon in diesem Herbst ihre Flugzeuge vom BER und nicht vom alten Flughafen Schönefeld aus starten lässt. Berlin hätte dann mit Tegel, Schönefeld und dem BER wieder drei Flughäfen. Und damit wäre man ungefähr wieder da angekommen, wo man vor der Schließung von Tempelhof war.

Wie entwickelt sich der Flugverkehr in Berlin? Wer lärmt in meinem Kiez? Der interaktive Flugrouten-Radar der Berliner Morgenpost gibt Antworten. Darin werden Flugbewegungen von 96% aller Flüge der Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld in 3-D dargestellt und statistisch ausgewertet.