Mamas & Papas

Warum die Bildungspolitik mit ihrem Latein am Ende ist

Mit Schulreformen toben sich seit Jahrzehnten Politiker jeder Couleur aus. Leidtragende der Experimente sind die Eltern und Schüler.

Bildungspolitiker lieben Experimente an Bürgern

Bildungspolitiker lieben Experimente an Bürgern

Foto: Marijan Murat / dpa

Wenn Bildungspolitik bessere Menschen schaffen würde, dann wären wir alle vier Dalai Lama. Feiert diese Bundesrepublik 2019 ihr 70-jähriges Bestehen, blicken wir auf ein halbes Jahrhundert Erfahrungen mit fortgesetztem Bildungsreformwahn zurück.

Meine Bildungsbiografie begann mit einer sehr katholischen Grundschule, die widerwillig konfessionsfremde Kinder aufnahm, weniger aus ökumenischer Überzeugung, sondern weil die Antibabypille noch nicht auf dem Markt war. Wir 1964er sind der geburtenstärkste Jahrgang aller Zeiten. Beim Frühappell hatten wir uns Hand in Hand in militärischer Zweierreihe aufzustellen. Ganz hinten standen das einzige Mädchen türkischer Herkunft und der Protestant, also ich. Eigentlich hätten wir uns diskriminiert fühlen und eine Internetpetition initiieren müssen, aber das Land war noch nicht so weit.

Auf dem Gymnasium dann Mengenlehre statt Mathematik, schließlich ein Kulturschock namens reformierte Oberstufe. Töpfern und Sport, Erdkunde und Philosophie waren damals beliebte Abiturfächer. Wer sich den Schnitt mit Fremdsprache oder Naturwissenschaft versaute, war selber schuld. Es folgte die Medizinerschwemme und folgerichtig der Numerus clausus für alles. Die Chefin hat Abitur in Hamburg gemacht, was immerhin besser war als Bremen. Bildungsreform hat selten mehr Bildung gebracht, aber immerhin war dauernd was los. Als ich auf Erstsemester mit bayerischem Abitur traf, verstand ich zum ersten Mal, was es mit diesem Heinrich Böll auf sich hatte. Wir hatten bei Walther von der Vogelweide aufgehört.

Bildungsfrust und Akademiker light

Unser Sohn Karl hat vor etwa 15 Jahren die vorübergehend erfundene nullte Klasse mit Frühenglisch absolviert, Berlins Antwort auf die Globalisierung. „Knees and Heads and Toes, Heads and Toes…“, wir summen es bis heute gern. Der Junge hätte bis zur sechsten Klasse in der Grundschule bleiben sollen, so sah es das Gesetz vor. Besorgte Eltern transferierten ihren Nachwuchs aber nach der vierten Klasse auf grundständige Gymnasien. Wir lernten, dass „Ausnahmegenehmigung“ ein anderes Wort für „Normalfall“ ist. Detail am Rande: Wegen einiger Jahre Leistungssport wechselte der Junge von einem G8- auf ein G9-Gymnasium. Wir hatten längst aufgegeben, nach dem Sinn zu fragen.

Karls erste Erfahrungen mit dem Bachelor-System lassen sich mit einem Wort zusammenfassen: Bildungsfrust. Wer das gute alte Studium erlebt und zeitweise genossen hatte, mochte die vielfachen Klagen der jungen Studenten anfangs nicht ernst nehmen, dass das geballte Bachelor-Programm zu erstens gewaltigem Stress und zweitens minimalen Chancen auf dem Arbeitsmarkt führte. Hatte nicht die Industrie genau diesen Akademiker light gefordert, um ihn dann als zu jung, zu schlecht ausgebildet, zu unerfahren zu ignorieren? Unser kleiner Sohn, derzeit sechste Klasse, ist vergleichsweise schadlos davongekommen. Jahrgangsübergreifendes Lernen ging mangels Personal an ihm vorbei. Und an Samstagsunterricht dank G8 haben wir uns auch gewöhnt.

Fassen wir unsere Erfahrungen zusammen: Noch in jedem Wahlkampf haben Vertreter aller Parteien betont, dass Bildung sehr wichtig und kostbar sei, um gleich darauf die nächste Reform loszutreten. Bildungspolitiker lieben Experimente an Bürgern, weshalb sie nicht den Spirit ändern, sondern Strukturen. Reformen aber führen selten zu besseren Leistungen, immer jedoch zu neuen Regeln, die vor allem Stress für Lehrer und mithin für Kinder und Eltern bedeuten. Die Lebenserfahrung besagt exakt das Gegenteil: Neue Regeln garantieren keine besseren Ergebnisse, alte Strukturen nicht automatisch schlechte. Gute Lehrer, und die gibt es, kommen mit jedem Irrsinn zurecht. Die anderen sind irgendwann mit ihrem Latein am Ende, wofür man viel mehr Verständnis hätte, ginge es nicht um die eigenen Kinder.

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