Er will 2000 Muslime jubeln gesehen haben, als die Türme des World Trade Centers einstürzten. Er nennt eine Arbeitslosenquote von 42 Prozent, obwohl die Statistiken etwa fünf Prozent ermitteln. Vietnam-Veteran John McCain sei kein Kriegsheld gewesen, Obama nicht in den USA geboren – Lügen, Verdrehungen, Schmähungen ohne Ende.

Doch was macht Donald Trump, wenn er beim Verbreiten von Unsinn erwischt wird? Weiter leugnen, ausweichen, dementieren. Selten war das Geschwätz eines Politikers lückenloser dokumentiert. Doch nie war tumbes Gerede egaler als heute. Zugegeben, die Wahrheit war in der Demokratie nie ganz zu Hause; inzwischen aber scheint sie vollständig ausziehen zu wollen.

Willkommen im „postfaktischen Zeitalter“, ein Begriff, der sich derzeit in Talkshows und Rotweinrunden ausbreitet. Postfaktizismus lässt sich als „situatives Wahrheitsempfinden“ übersetzen. Studien, wissenschaftliche Analysen, Recherchen, die dem eigenen Weltbild zuwiderlaufen, gelten nicht, weil sie von „denen da oben“ zurechtgefälscht seien, glaubt der Postfaktiker. Passt wiederum eine Information ins eigene Fühlen, wird sie als korrekt wahrgenommen.

Wird etwa Trump zum Verlierer eines TV-Duells erklärt, lügen die Medien. Würde dagegen Trump zum Sieger erkoren, ist die Realität plötzlich wieder da. Wahrheit gilt nur dort, wenn sie passt. So wird die edle Profession des Fact-Checking überflüssig. Die neue Disziplin heißt Fact-Feeling und fragt: Welche Information könnte wem in welches Weltbild passen?

Wenn aber Lüge und Wahrheit ihre Definitionsmacht verlieren – auf welcher Grundlage soll jemand zum Regierungschef gewählt werden? Ganz einfach: Die Jünger der postfaktischen Ära schaffen mit ihrer Wahlstimme Fakten. Wird ein Wahrheitsjongleur wie Trump tatsächlich zum US-Präsidenten gewählt, dann ist Zahltag. Rasch spürten die US-Bürger am eigenen Leben, ob der Neue tatsächlich hält, was er verspricht. Wenn nicht, wird er eben wieder abgewählt. Auch der Postfaktiker kommt dauerhaft nicht an der Realität vorbei.