Mamas & Papas

Herbstferien sind für Eltern eine echte Herausforderung

Was man mit den Kindern so alles anstellt, wenn draußen schon das Schmuddelwetter eingesetzt hat, erklärt Hajo Schumacher.

Zwei schulfreie Wochen bei einsetzendem Schmuddelwetter - eine Herausforderung

Zwei schulfreie Wochen bei einsetzendem Schmuddelwetter - eine Herausforderung

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

Wir sind eine pflichtbewusste Familie, was bisweilen in Vergessenheit gerät, auch bei den Kindern. Daher zitiere ich gern ewige Perlen pädagogischer Weisheit, die uns damals auch nicht geschadet haben: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Von nichts kommt nichts. Und aller Laster Anfang ist weder „L“ noch Stoßstange, sondern … richtig … Müßiggang, ein schönes deutsches Wort, das bei unserem auf Chillen scharfen Nachwuchs leider nur einen leeren Blick hervorruft.

Pädagogen mahnen, dass man Kinder nicht erpressen soll mit Wenn-dann-Erziehung. Bedingungslose Liebe ist eine schöne Idee, aber nicht alltagstauglich. Hilfe im Haushalt wird mit Youtube belohnt, eine gute Note mit Computerspielen. Gelegentliche Zärtlichkeiten wie Ohrenrotrubbeln sind gratis. Mit zwei Jungs im Haushalt gelte die weibliche Definition von Gewaltfreiheit zu selten, merkt die Chefin an. Unsinn. Früher war das Kinderleben viel rauer.

Mein sehr großer Bruder saß die meiste Zeit unserer Kindheit mit seinen Knien auf meinen Oberarmen und seinem beträchtlichen Ruderergewicht auf meinem Brustkorb und ließ einen Spuckefaden über meinem Gesicht hängen. Was man halt so trieb, um sich die Jahre bis zum Auszug zu vertreiben. Vielleicht trügt die Erinnerung, aber kann es sein, dass ausgerechnet Ferientage nicht zur Erholung von Eltern und Kindern dienten, sondern die familiäre Grundaggression noch anheizten?

Wer hat sich zwei schulfreie Wochen bei Schmuddelwetter ausgedacht?

Womit wir bei den Herbstferien wären. Welcher kinderlose Lebenstheoretiker mag sich zwei schulfreie Wochen bei einsetzendem Schmuddelwetter ausgedacht haben? Okay, in Zeiten des Ackerbaus musste die Brut bei der Ernte helfen. Aber die Handvoll bleiummantelter Tomaten von unserem Innenstadtbalkon ist hurtig gepflückt. Zieht man Unterrichtsausfall, Klassenfahrt, Projekt- und Ausgleichstagetage, einsetzende Abiturprüfungen und die erste Erkältungswelle ab, liegen zwischen dem Ende der Sommer- und dem Beginn der Herbstferien etwa vier komplette Schultage.

Während der Chinese an der Weltherrschaft bastelt, werden unsere Kinder zu Tourismusprofis herangezogen. Schon klar, unsere hochsensiblen Prinzen und Prinzessinnen dürfen von der Leistungsgesellschaft nicht zermürbt werden; das moderne Kinderleben ohne Allergene, Gluten, Kohlehydrate und mit Power-Yoga stresst. Aber wer denkt an die Eltern? Und: Wohin mit dem Kind? Mit ins Büro? Acht Stunden aufs Flip-Chart kritzeln lassen? Die Chefin hat schon vor Wochen ein lebenswichtiges „Projekt“ angemeldet und erklärt, dass man das bisschen Schreiben sehr wohl im Beisein eines Elfjährigen erledigen könne. Hans hatte genickt. Ich nicht. „Ihr könnt was Tolles unternehmen“, hatte sie vorgeschlagen, „Kino oder Museum. Und neue Unterhosen braucht ihr auch.“ Jetzt auch noch Multitasking.

Den ersten Ferientag hatten wir tatsächlich mit dem Erwerb neuer Leibwäsche zugebracht. Danach war mir nach dem Deutschen Requiem von Händel zumute. Hans schnürte lustlos um sein Bücherregal und blies kleine Staubmäuse zu größeren zusammen. Gibt es noch diese Modellbausätze, mit suchterzeugendem Klebstoff und den kleinen Farbdosen? Ich würde einen Flugzeugträger spendieren. Leider kann ich nicht im Internet recherchieren, weil die Chefin vorsorglich das Wlan abgeklemmt hat. Ich könnte das Kind ermutigen, sich ins Netz der Nachbarn einzuhacken. Das wäre mal ein zukunftsweisender Bildungsinhalt. Aber wie soll man ohne Youtube Hacken lernen?

Beim Wäschezusammenlegen führe ich mit den Socken heitere Handpuppen-Dialoge auf. Steckt man den Zeigefinger durch eines der Löcher, sieht die Socke fast aus wie Gonzo aus der Muppetshow. „Ist doch lustig“, sage ich und mache ein Handyfoto, um der Gattin zu beweisen, wie toll wir gespielt haben. Hans gähnt. „Mir ist langweilig“, sagt das Kind. Mir erst.