Neulich 1. FC Union gegen St. Pauli gesehen. Mäßiger Kick, aber zwei entfesselte Fanblöcke: so viel Kraft, so viel Leidenschaft, so viel sinnlose Liebe. Weit mehr als die Bundesligisten Hertha und HSV bedienen die Zweitligisten die Sehnsucht der Menschen nach Wir. Wir aus dem Osten, wir aus dem Problemkiez, wir sind nicht perfekt, aber stehen reinen Herzens zusammen gegen die echte oder eingebildete Übermacht da oben.
Der Wir-Stolz der Unterprivilegierten schafft emotionalen Klebstoff, ob als echtes Aufbegehren gegen Unrecht oder moralische Pose. Dagegen sein ist einfach: schön warm moralisch, einfach zu kapieren und gefühlig aufzuladen. Das gallische Dorf von Asterix, Greenpeace, früher die Arbeiter, heute die AfD, TTIP-Gegner, Trump, Nordkorea-Kim – sie alle werden gehalten und getrieben vom Mythos des epischen Kampfes, wie ihn David gegen Goliath führte oder Robin Hood mit seinen Mannen gegen den Sheriff von Nottingham.
Was Gruppen eint, kann eine Gesellschaft auf Dauer spalten.
Motivierender Minimalkonsens ist der gemeinsame Gegner. So lautet die oberste Regel aus dem Diktatoren-Handbuch: Schaffe einen scheinbar übermächtigen Feind, der Rest findet sich von selbst. Genau hier schlummert das Gift des Underdog-Wir: Was Gruppen eint, kann eine Gesellschaft auf Dauer spalten.
Das Gegenstück zum wütend-stolzen Protest-Wir ist das deutlich leisere Für-Wir, zum Grölen ungeeignet: für Demokratie, für Freiheit, für Gerechtigkeit. Klingt ermüdend edel nach Bundespräsident. Das Für-Wir hat oft nach Katastrophen Konjunktur, nach Kriegen und Krisen. Erst wenn alte Gewissheiten im Abgrund verschwunden sind, finden sich große Runde Tische, um gemeinsame Ziele für die Zukunft zu formulieren. Das Für-Wir ist anstrengend, es verlangt Klarheit, Haltung, Optimismus. Aber es liefert auch Antworten auf die ewige große Frage: Wofür das alles?
Wofür also leben wir Deutschen zusammen? Für SUV und Grillbibel? Was wollen wir wirklich, mit wem, nach welchen Werten, nach welchen Regeln? Mühsam, ja, aber alternativlos. Denn dauerndes Nein führt in ein Land wütender Stämme, ein verantwortungsvolles Ja in eine bessere Zukunft.





