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Die Regeln des Rechtsstaats und die Realität

Nicht immer können Ordnungshüter alles regeln. Jeder sollte ein bisschen mitmachen, meint Hajo Schumacher.

Foto: Wulf Pfeiffer / dpa

Wir sind eine gesetzestreue Familie, jedenfalls meistens, sofern die Fußgängerampel nicht absurd lange Rot zeigt oder die abendliche Dienstbesprechung unerwartet ausgelassen gerät, was die Heimfahrt mit dem Rad ein wenig ins Schlingern bringt. Höchstens zwei Bier, ehrlich, und das Rücklicht funktionierte einen Tag vorher auch noch, ich schwöre. In der Grauzone zwischen radikaler Rechtsauslegung und gelassener Großzügigkeit gilt: Charmanten Kavaliersdelikten oder kleineren Versehen des Vaters ist mit maximaler Milde zu begegnen, den Delikten aller anderen hingegen mit Strenge, vor allem bei Geschwistern.

Als Karl, der Große, sich neulich von Hans’ Schreibtisch einen Radiergummi nahm und nicht sofort zurückgelegt hatte, empörte sich der Kleine über Diebstahl. Zu Recht. Sein Eigentum war nicht vorübergehend geliehen, sondern dauerhaft entwendet worden. Im Ernstfall – unangekündigte Überprüfung der Federmappe durch die Chefin – wäre Hans haftbar gemacht und die Ausrede „hat Karl geklaut“ als billig abgetan worden. Maulfaul hätte der große Bruder nichts zur Aufklärung beigetragen. Und eher hätte man in einem Heuhaufen einen Sack goldener Stecknadeln gefunden als in Karls Zimmer einen Radiergummi. Wir lernen: Nicht immer können Ordnungshüter alles regeln. Der Rechtsstaat ist wie eine Karaokebar: Jeder sollte freiwillig ein bisschen mitmachen.

Ein Ort des Grauens für ein Nutella-Brot

Testfall für Eigenverantwortung und Rücksicht ist stets die Küche, die die hohen hygienischen und gestalterischen Ansprüche der Chefin zu erfüllen hat. Jungs wiederum haben diese einzigartige Fähigkeit, jedes liebevoll arrangierte Ensemble innerhalb von Sekunden in einen Ort des Grauens zu verwandeln – für ein Nutella-Brot. Daher gilt: Wer Unordnung macht, muss auch aufräumen. Und am Ende erledigt es grummelnd der Vater. Es ist wie mit den Zehn Geboten: Der gute Wille ist manchmal da. So üben wir uns in der staatsbürgerlichen Pflicht zu Recht und Ordnung: Wechselgeld vom Einkaufen ist samt Bon abzuliefern, es sei denn, es wird mal vergessen. Körperliche Attacken dürfen nur mit Zustimmung des Opfers erfolgen, also praktisch nie, was gelegentlich ignoriert wird. Und wenn um halb neun das Licht ausgemacht wird, gilt das natürlich auch für den fahlen Schein des Handydisplays.

Heikel wird es nun, wenn das daheim mühsam eingeübte Verständnis für Respekt und Regeln auf die Realität da draußen trifft. Warum, fragt Hans zum Beispiel, darf der etwa gleichaltrige Junge in der Fußgängerzone den ganzen Tag Ziehharmonika spielen und bekommt sogar Geld dafür, während er in die Schule muss? Wie kann es sein, fragt der große Karl, dass Frauen auf offener Straße die Unterwäsche vom Leib gerissen wird, ohne dass die Täter auf der Stelle fest mit Kabelbindern verschnürt und bis zur Gerichtsverhandlung in die nächste Zelle gesperrt werden? Wieso dürfen Menschen mit dem IQ eines Baseballschlägers halbe Stadtteile verwüsten?

Hilfe von Harry Potter, Frodo oder Obi-Wan

Gute Fragen, die leider nur schwer zu beantworten sind, ohne entweder Stereotypen zu bedienen, den Staat und seine Repräsentanten zu dissen oder einfach nur wütend und rechtsstaatlich ziemlich unkorrekt zu werden. Häufig kann man sich Hilfe holen bei Harry Potter, Frodo oder Obi-Wan. Dummerweise aber existiert in keinem dieser Epen eine funktionierende Polizei oder ein für alle verbindliches Rechtswesen. Immer kämpfen wenige Gute gegen übermächtige Böse, was selten ohne Blutbad abgeht.

Neulich brannte nachts ein Auto in der Nachbarstraße. Empört schlug Karl vor, Nachtwachen aufzustellen. Eine Bürgerwehr, wie in anderen Gegenden der Republik inzwischen üblich? Prima Idee, Milizenführer ist in vielen Teilen der Welt ein respektabler Job. Liegt mir aber nicht. Habe ich mein Leben lang Innenpolitiker verteidigt, um jetzt besorgt mit Pfefferspray und Leuchtweste um den Block zu patrouillieren?

Nein, wir werden tapfer auf den Sieg des Guten vertrauen, durch Einsicht, Mitgefühl und die Hüter der öffentlichen Ordnung. Es ist halt wie mit dem Wachtmeister Dimpfelmoser: Das Recht mag ein wenig langsam daherkommen, aber am Ende gewinnt es doch. Man muss nur feste daran glauben.

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