Mamas & Papas

Der aussichtslose Kampf gegen das Computerspiel

Es ist ein ewiger Kampf - analoge Eltern gegen digitale Kids. Computerspiele sind toll, aber ohne ist es besser, meint Hajo Schumacher.

Foto: Z1021 Peter Endig / dpa

Wir sind eine gelassene Familie. Nach einem halben Leben mit Kindern erschüttert uns keine Note mehr, kein Essfimmel, nicht mal das Zimmer, das aussieht wie eine Neuköllner Kreuzung am Neujahrsmorgen um 3 Uhr. Nur ein Thema sorgt zuverlässig für Hochwut – wenn Hans mit Welpenblick schmuseweich „Paaapaaa ...?“ schmachtet. Das Kind will Computer. Und ich würde die Kiste am liebsten aus dem Fenster werfen, einfach so, um diese elende Diskussion nicht führen zu müssen, die zuverlässig in schlechter Laune für alle endet. Der Nahost-Konflikt ist ein Kinderspiel dagegen.

Dieser Jahreswechsel bescherte uns wieder eine endlose Abfolge sinnloser Halbfeiertage, wenn die Geschenke ihren Reiz ebenso verloren haben wie elterliche Entertainment-Versuche. „Lies doch mal ein Buch!“ – kein Satz war je vergeblicher. Warum soll der Junge eigentlich nicht ein wenig am Computer spielen dürfen, während sich der Ernährer in die Zeitung vertieft? Alle anderen in der Schule spielen ja auch, sagt Hans. In Israel verteufeln orthodoxe Rabbis das Internet im Allgemeinen und das Smartphone im Speziellen. Will ich mich von meinem Kind als Fundamentalist beschimpfen lassen, selbst wenn ich tief im Herzen womöglich einer bin?

Computerspiele sind wahre Kunstwerke

Ich fürchte den Moment, wenn die vereinbarte Zeit abgelaufen ist, der Junge sich aber nicht lösen kann und den Vater mit blinder Wut straft. Sind wir die einzige Familie, die einen aussichtslosen Kampf gegen den Machtsog des Gaming führt? Offenbar nicht. Neulich hatten wir uns bei Freunden zum Abendessen eingeladen und wurden Zeugen, wie die Dame des Hauses zorneslila anlief. Zum ersten Mal hatte sie 15 Minuten vor Essensbeginn nach ihrem Sohn gerufen, dann fünf Minuten vorher, schließlich exakt im Moment des Servierens. „Habe gelernt“, erklärte der Knabe, als die Mutter über den abgekühlten Knödeln grollte. Immerhin hatte er das Smartphone in die Hosentasche gleiten lassen.

Klar, Computerspiele sind wahre Kunstwerke: tolle Grafik, spannende Storys, weit mehr als stumpfes Geballer. Jajaja, ich weiß: Inzwischen verdienen Kids mit E-Gaming mehr als Mesut Özil, Youtuber sammeln für ihre kommentierten Spielszenen Millionen Clicks ein. Wie kaltherzig und ignorant muss ein Vater sein, der seinem Sohn den Zugang zu globaler Jugendkultur verwehrt? Mögen mich digital gechillte Eltern für einen Steinzeit-Analogen halten, der die Zukunft unserer Jugend, ja unseres Landes durch modrig-altlinke Technikfeindlichkeit aufs Spiel setzt; ich bleibe dabei, dass Computerspiele vielleicht nicht in allen, aber ziemlich vielen Kinderhirnen Durcheinander anrichten.

Ein Junkie wird mit noch mehr Heroin nicht clean

Warum sonst wäre das Auftauchen aus der Spielewelt mit soviel echten Schmerzen verbunden? Warum hört man so oft von Schülern, bei denen verschärftes Zocken und Leistungsabfall auffallend korrelieren? Wir haben in den Sommerferien versucht, Computerspielen durch Hyperkonsum zu entzaubern. Vergebens: Ein Junkie wird mit noch mehr Heroin ja auch nicht clean.

Wikipedia definiert Sucht „als unabweisbares Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung einer Persönlichkeit und zerstört die sozialen Bindungen.“ Wir brauchen keine neurologische Fachliteratur, um festzustellen, dass Daddeln weder 10- noch 20-Jährigen dauerhaft guttut. Wer spielt, ist im Flucht- oder Kampfstress, ständig auf Adrenalin.

Unser Fazit, das man für eine Kapitulation halten kann: Ganz ohne Games ist das Leben, mal abgesehen von zwei Tagen Entzugsschmerz, deutlich angenehmer. Plötzlich taucht wieder ein normales und oft sogar nettes Kind auf. Dafür leben wir mit dem Makel, den Jungen von modernen Kommunikationsmitteln fernzuhalten und seine Chancen auf einem Abstraktum namens Weltmarkt zu ruinieren. Aber: Wer Computerspiele beherrscht, ist noch lange kein Programmierer. Wer pausenlos Fußball guckt, wird ja auch nicht zwangsläufig ein guter Kicker.