Wir sind eine bescheidene Familie. Angeben finden wir peinlich. Aber jetzt sind wir Weltmeister. Und fahren in Urlaub, Richtung Alpen, wo sich ganz Europa trifft. Wie soll man sich denn da verhalten, gerade als Deutscher? Sollen wir die Fahnen, die Spiegelüberzieher und den Motorhaubenbezug einfach dranlassen und in Bozen jeden Abend einen Autokorso anführen?
Kaum haben wir die Mannschaft am Brandenburger Tor bejubelt, fahren wir los. Drei Ferientage verschenkt man gern, wenn man nur alle Vierteljahrhundert den Pott holt. Die Chefin redet nur noch von Schweini, mit dem leicht irren Blick der frühen Justin-Bieber-Fans: dieser Körper, diese Leidensbereitschaft, diese coole Verschmitzheit. Vorsichtiger Hinweis, dass Herr Schweinsteiger und der Ernährer der Familie praktisch Brüder sein könnten. Aber die Chefin hört überhaupt nicht zu. Ich werde mir einen Cut unterm Auge zufügen, mit einem Brotzeitmesser.
Tankstop. Tempo 130 war wohl etwas flott für unseren schwarzrot-goldenen Autoschmuck. Der Motorhaubenüberzug klebte eine Weile vor der Windschutzscheibe, bevor er sich verabschiedete. Aber Blindflug ist kein Problem für Weltmeister – einfach an einen Laster hängen und 20 km/h über der erlaubten Geschwindigkeit bleiben. Zwei Stunden hatte Hans von der Rückbank jedem vorüberrasenden Fahrzeug unsere Reiseflagge gezeigt und seinen Daumen emporgereckt. Ein paar Skandinavier winkten tatsächlich nett zurück. Ich hupte ein paar Mal, einfach so, weil wir Weltmeister sind. Die Chefin lächelte derweil im Schweini-Fieber. An der Zapfsäule nebenan steht ein Wohnwagen voller Holländer. Hans wedelt mit der Fahne. Keine Reaktion. Hans singt „Ein Hoch auf uns...“. Keine Reaktion. Ich sage: „Der Robben war echt stark“, während Hans ungebeten fragt: „War das der mit den Schwalben?“ Wir fahren dann mal lieber weiter.
Bitte andere nicht auf unseren Sieg hinweisen
Während wir Franken durchqueren, lasse ich meiner Familie einen Intensivkurs angedeihen: „So verhalten sich Weltmeister im Ausland“. Erste Regel: Keinerlei provokative Hinweise auf den Sieg, kein Autoschmuck, keine Trikots, allenfalls ein dezentes Armbändchen. Die anderen wissen ja, dass wir, also vor allem Schweini, die Tollsten sind. Und genau hier liegt das Problem: Werden 80 Millionen Deutsche mal wieder Weltmeister, bleibt mehreren Milliarden Menschen maximal der zweite Platz. Haben wir uns mit Italienern oder Spaniern gefreut damals? „War ich noch nicht geboren“, behauptet Hans, wedelt weiter mit der Fahne und kassiert seinen hundertsten Stinkefinger.
Ich freue mich schon auf die allabendlichen Fußballspiele von Vätern und Kindern auf der Wiese in Südtirol, fast dort, wo der Triumphzug unserer Jungs mit einem gelungenen Trainingslager begann. Die Chefin wird beseelt vor sich hin starren, Hans trompetet herum, dass wir den Pott geholt haben. Und ich werde versuchen, den Blutgrätschen zu entgehen. Es ist ein schönes Gefühl, Weltmeister zu sein.

