Wir sind eine sportverrückte Familie, leider mit sehr unterschiedlichen Vorlieben und Kenntnisständen. Die Chefin zum Beispiel interessiert sich exakt alle vier Jahre für Fußball, mit kleinem Zwischenhoch während der Europameisterschaft. Zu jeder WM also wieder Nachhilfe. „Wer ist denn der junge Mann?“, fragt sie bei Höwedes, Schürrle und Cramer und erkundigt sich, wo denn Ballack geblieben sei.
Mein Murren wird als Indiz für fortgeschrittene Midlife Crisis interpretiert, dabei verarbeite ich noch die Kommentare zur Hymne. Emotionen immer gern, aber nicht die falschen. Gegnerische Spieler haben nun mal prinzipiell nicht „süß“ zu sein. Der Unterschied zwischen Spielerfrauen und Spieleguckerfrauen? Die einen sind während der Partie außer Hörweite. Auf einmal tiefe Dankbarkeit für die TV-Kommentatoren, sogar für Bela Rethy.
Hans hat sich zum Glück in sein Zimmer verkrümelt. Das Kickerbildchensammelfieber ist verschwunden, der Krater in der Haushaltskasse nicht. Der Kleine ist ein klassischer Eventfan: Es muss gleich nach dem Anpfiff was passieren, am besten mit Klose. Wenn der Bundes-Miro in den ersten zehn Minuten weder drei Tore erzielt hat noch ein Elfmeterschießen anberaumt wird, verliert der Kleine die Lust und baut ein Fußballstadion mit Lego nach. Meistens kommt er nicht weiter als bis zum Parkplatz, ruft aber im 60-Sekunden-Takt, dass ich kommen und staunen müsse. Ich versuche die schwarzrotgoldene Blumengirlande, die die Chefin zum Anpfiff verteilte, zu einem Ohrstöpsel zusammenzufriemeln.
Früher war nicht alles besser, aber fast alles. Das WM-Finale 1974 war ein feierlicher Akt, würdevoller als die Wahl zum Bundespräsidenten. Mangels Farbfernseher sahen wir das Spiel bei den ordnungsversessenen Nachbarn. Knabbereien gab es nicht, zum Schutz der barbara-scheel-braunen Polstermöbel. Die Männer tranken Bier und kommentierten im Ernst-Huberti-Style, also nannten stoisch nur den Namen des Ballführenden. Die Damen hatten sich schick gemacht und hielten sich mit Eierlikör bei Laune, der ja eigentlich schlimmere Flecken hinterlässt als eine Salzstange. Aber die Debattenkultur jener Jahre war überschaubar: Kinder hatten zu schweigen und sich meditativ in die Laufwege von Berti Vogts zu versenken. Gern hätte ich mit Lego ein Stadion nachgebaut damals. Aber das wäre unpatriotisch gewesen.
Antrag an die FIFA: Da Weltmeisterschaften ohnehin nicht mit Verstand vergeben werden, müsste es doch möglich sein, das Turnier in die Berliner Sommerferien zu legen. Dann könnte sich meine Familie an der Ostsee mit weiteren Gelegenheitsguckern über süße Franzosen und ausbleibende Elfmeterschießen austauschen. Und die Vatis der Stadt könnten private viewing genießen, allein oder bestenfalls in Gegenwart von Menschen, die Abseits erklären können. Blatter, übernehmen Sie. Es wäre die Chance, mal eine richtige Entscheidung zu treffen.



