Wenn man kleine Kinder hat, kann man ganz oft die Büchse der Pandora öffnen. Ich meine damit nicht die Dosenravioli mit Fleischsoße. Man erlaubt etwas und weiß: Ab jetzt wird es fürchterlich. Und es wird nie wieder ein Zurück geben: die erste Apfelschorle, das erste Nutellabrot, die ersten Pommes, das erste Eis. Das erste Mal Sandmännchen. Wenn sie einmal von diesen köstlichen Dingen erfahren haben, gibt es für Kinder eigentlich keinen vernünftigen Grund, warum man sie nun nicht stündlich einfordern sollte.
Da bekommt man also ein unverdorbenes Bio-Vollwertbaby in die Hand gedrückt und ist im Laufe der kommenden Monate und Jahre eigentlich nur damit beschäftigt, die Verwandlung in einen fernsehsüchtigen Junkfood-Liebhaber möglichst lange hinauszuzögern. („Sandmännchen? Oh Süße, das gibt es leider gar nicht bei uns auf dem Fernseher, das läuft nur auf dem Fernseher von Oma und Opa.“ Oder: „Warte, ich schau, ob der kleine Maulwurf gerade Zeit hat...Ach nein, der schläft.“). Von dem Moment an, in dem man sein Kind zum ersten Mal vor den Fernseher setzt, sieht man förmlich dabei zu, wie man es an die Technik verliert.
Klar, es hatte vorher schon Kontakt mit technischen Wunderdingen. Es konnte schon mit sechs Monaten über das Ipad wischen, es konnte knapp einjährig das Handy selbstständig zur Toilette tragen und hineinwerfen, und es liebt es, stundenlang Lichtschalter an- und auszuknipsen. Aber nichts ist vergleichbar mit dem ersten Film. Es ist, als hätte man plötzlich ein anderes Kind, eine Mensch-Maschine, die nur noch entrückt auf den Bildschirm starrt und nicht mal merken würde, wenn man das Haus um sie herum abbauen würde. Die erste legale Droge im Leben eines Menschen heißt Sandmännchen.
Selbst beim Fußballschauen lernen die Kinder viel zu schnell
Das ist das Schreckliche und gleichzeitig für uns Erwachsene unglaublich Verführerische an all den kleinen Filmchen. An der kleinen Prinzessin, am Esel Trotro, am Sandmännchen, an Connie: In der Zeit, in der die Kinder es sich ansehen, hat man sie für etwa zehn Minuten völlig unter Kontrolle. Zehn Minuten komplette, kinderlose Ungestörtheit! Da werden wir gerne zum Verräter. Alle. Sogar die Freundin, deren Sohn den Platz in der spielzeugfreien Kita deshalb bekommen hat, weil es bei ihr zuhause angeblich keinen Fernseher gibt. Oder die Waldorf-Eltern, die selber Puppen nähen, aber die für die ungestörte Bahnreise in den Urlaub stundenlanges Trickfilmmaterial aufs Tablet heruntergeladen haben.
Andererseits: Durch das Fernsehen kann man auch durchaus etwas lernen. Fußballregeln zum Beispiel. Wir hatten uns mit der Dreijährigen und ihrer fünfjährigen Freundin die Partie Deutschland-Ghana angeschaut. Nach der regulären Spielzeit wollten wir sie ins Bett schicken, aber sie waren besser informiert, als wir dachten.
„Wir gehen nicht ins Bett“, sagten sie. „Wir wollen erst noch das Elf-Mütter-Schießen sehen.“



