Zur Zeit werde ich fast täglich an meinen Tod erinnert. Meine Dreijährige ist geradezu besessen von dem Thema. Wir essen Eis, sie fragt beiläufig: „Mama, wenn ich sechzehnundzwanzig bin, bist du dann schon gestorben?“ Ich hole sie von der Kita ab, sie sagt: „Ich habe eine tolle Idee: Wenn du gestorben bist und Papa ist gestorben. Und ich bin noch nicht erwachsen, dann könnten doch Oma und Opa meine Eltern sein.“
Sie redet so oft vom Tod, dass ich langsam denke, ich sollte mehr Obst essen und endlich Sport machen. Katzen können schließlich auch Erdbeben erahnen, vielleicht sieht sie mein baldiges Ende voraus. Doch auch, wenn nicht, eines kann ich sagen: Täglich an die eigene Sterblichkeit erinnert zu werden, sorgt nicht für gute Laune.
Alles fing damit an, dass ich ihr das erste Kapitel aus Pippi Langstrumpf vorgelesen hatte. Ich weiß, ich weiß, sie ist erst drei Jahre alt, aber ich wollte so gerne mal wieder Pippi Langstrumpf lesen. Pippi hat keine Mutter mehr und der Vater ist verschollen, las ich also vor. Mist, die schwierigen Familienverhältnisse von Pippi hatte ich ganz vergessen. Jedenfalls war es damit passiert. In dem kleinen Kopf arbeitete es – und etwa zwei Monate später kamen bei meiner Dreijährigen dann die Todesfantasien.
„Das kann man Kleinkindern doch nicht vorlesen“
Die Frau in dem Ostbuchladen beschimpfte mich. „Immer diese Prenzlauer-Berg-Muttis, die ihren Dreijährigen unbedingt Pippi vorlesen müssen. Pfft.“ Ich fand das ein wenig unhöflich, schließlich hatte ich das Kind nicht aus Versehen auf einer Raststätte vergessen, sondern ihm nur ein vielleicht nicht ganz altersgerechtes Buch vorgelesen. Sie hörte nicht auf: „Pippi springt von einem Dach!!!! Das kann man Kleinkindern doch nicht vorlesen! Hier, die Geschichten aus Bullerbü. Altersgerecht!“ Etwas schuldbewusst las ich der Kleinen abends Bullerbü vor. Und was machen diese Bullerbü-Kinder als erstes? Sie springen vom Dach. Ha!
Meine Tochter findet den Tod übrigens nicht sonderlich schlimm, weil sie überzeugt ist, dass das Leben oben im Himmel weiter geht. Sie glaubt, dass unsere Katze beim lieben Gott auf dem Schoß sitzt und ihm hin und wieder in die Hand beißt, wenn er nicht doll genug streichelt. Blöderweise ist ihre beste Freundin sechs Jahre alt und altklug: „Tot ist tot. Da kommt niemand in den Himmel.“ Wir ignorieren das. Kinder müssen schließlich nicht alles wissen.
Vor kurzem lag meine Tochter im Bett und sagte: „Ich kenne einen ganz, ganz bösen Mann. Aber zum Glück ist der schon tot. Der war ganz böse und die Kirche ist auch kaputt gegangen.“ Hitler! Irgendeiner ihrer drei- bis vierjährigen Kita-Freunde hat von seinen bekloppten Eltern offenbar auch eine nicht ganz altersgerechte Geschichte gehört und sie gleich an die Freunde weiter erzählt. Die größte Sorge meiner Tochter war nun, dass Hitler im Himmel ist, wenn sie mal irgendwann dorthin kommt. Aber da konnte ich sie beruhigen.




