Der Zeitpunkt für die Bekanntgabe der Personalie war wohlüberlegt. Kurz bevor es mit den oberirdischen Bauarbeiten zum Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam losgeht, benannte das Kuratorium der Stiftung den wissenschaftlichen Beirat für den umstrittenen Kirchenbau. Der renommierte Berliner Historiker Paul Nolte wird dem Gremium vorstehen und die inhaltliche Ausrichtung des historischen Ortes mitbestimmen. „Der Wiederaufbau des Turms der Garnisonkirche verbindet die Bruchlinien deutscher Geschichte sichtbar und sinnhaft mit Lehren für Gegenwart und Zukunft“, sagte Nolte. So wie der Turm in den kommenden Monaten 188 Meter hoch in den Himmel wachsen wird, nimmt auch die inhaltliche Ausgestaltung des künftigen Begegnungszentrums Form an.

Jahrelang wurde darüber gestritten, ob die historisch belastete Kirche überhaupt rekonstruiert werden soll und was später darin geschehen könnte. Das ist nun nicht mehr so. „Der Wiederaufbau hat begonnen“, sagte Nolte. „Es geht jetzt nicht mehr um das Ob, sondern um das Wie.“ Tatsächlich sind die Vorarbeiten für das Fundament abgeschlossen. 38 Pfähle wurden in den vergangenen Monaten 38 Meter tief in die Erde gerammt, jetzt soll es mit Ausheben der Baugrube losgehen.

Der Kirchturm soll nach seiner Fertigstellung nicht nur für christliche Veranstaltungen genutzt werden, er soll vor allem ein „Erinnerungs- und Lernort“ werden, wie die beiden Vorsitzenden des Stiftungskuratoriums, der ehemalige Bischof Wolfgang Huber und die Vorsitzende der Synode der evangelischen Kirche, Irmgard Schwaetzer, sagten. Dabei sollen konkrete Lehren aus der Geschichte und Gegenwart für die Zukunft gezogen werden.

Spendenbereitschaft für den Wiederaufbau ging zurück

Die Garnisonkirche soll dazu dienen, eine zeitgemäße Lebenshaltung zu entwickeln. „Das ist in der heutigen Zeit umso wichtiger, in der wir die Verrohung der politischen Sprache und des politischen Handelns erleben“, so Nolte. Der Beirat nimmt seine Arbeit in diesem Herbst auf und wird pro Jahr mit rund 50.000 Euro von der Stiftung unterstützt.

Die Garnisonkirche auf einem Gemälde aus dem Jahr 1827 von Carl Hasenpflug.  Für den  Wiederaufbau des Turms ist das Fundament jetzt fertig gestellt. Nun beginnen die oberirdischen Arbeiten des umstrittenen Projektes  pa/akg-images
Die Garnisonkirche auf einem Gemälde aus dem Jahr 1827 von Carl Hasenpflug. Für den Wiederaufbau des Turms ist das Fundament jetzt fertig gestellt. Nun beginnen die oberirdischen Arbeiten des umstrittenen Projektes pa/akg-images© picture alliance / akg-images | akg-images

Der Kirchturm wird für 26,1 Millionen Euro zunächst ohne seinen ursprünglichen Turmhelm, das Glockenspiel und barocke Verzierungen gebaut. Dazu stellt der Bund zwölf Millionen Euro zur Verfügung, der Rest wird durch Spenden aufgebracht. Dabei sah es lange so aus, als ob das viel diskutierte Projekt scheitern würde, nachdem die Spendenbereitschaft sank. Im vergangenen Jahr konnte die Stiftung dann aber gleich drei Großspenden vermelden. Eine davon kam von TV-Moderator und Wahl-Potsdamer Günther Jauch. Er stellt 1,5 Millionen Euro für den Wiederaufbau des Kirchturms zur Verfügung. Auch die evangelische Kirche sagte mehrere Darlehen in einer Gesamthöhe von fünf Millionen Euro zu.

Gegen den Wiederaufbau gibt es seit Jahren Widerstand von mehreren Organisationen. Die Bürgerinitiative „Potsdam ohne Garnisonkirche“ und die evangelische Initiative „Christen brauchen keine Garnisonkirche“ eint das Argument, dass das Gotteshaus in preußischen Zeiten als Militärkirche diente, in der Krieg gepredigt und Soldaten auf Gehorsam bis in den Tod eingestimmt worden seien. Zudem befürchtet die Bürgerinitiative bei geschätzten Gesamtkosten von 100 Millionen Euro für Turm und Kirchenschiff die Verschwendung von Steuer- und Kirchengeld.

Die Garnisonkirche war im März 1933 die Kulisse für den „Tag von Potsdam“, als mit dem Handschlag zwischen Reichskanzler Adolf Hitler und Reichspräsident Paul von Hindenburg „das verheerende Bündnis zwischen konservativem Bürgertum, preußischem Militär und Nazi-Führung mit kirchlichem Zeremoniell besiegelt wurde“, wie es in einer Erklärung der Christen-Initiative heißt. Der neue Beiratsvorsitzende Paul Nolte kündigte an, genau diese Widersprüchlichkeit des Ortes in die Arbeit des künftigen Begegnungszentrums aufzunehmen.

Ein anderer Streit scheint dagegen beigelegt zu sein. Die Kunstschaffenden im Rechenzentrum direkt neben der Baustelle dürfen nun bis zum Jahr 2023 in ihren Räumen bleiben, beschloss die Stiftung und stimmte damit einem Kompromiss der Stadt Potsdam zu. Sie hatte den Künstlern das leer stehende Rechenzentrum ursprünglich vorübergehend zur Verfügung gestellt. Das Gebäude befindet sich teilweise auf dem Gelände des alten Kirchenschiffs, für das es allerdings noch keine konkreten Aufbaupläne gibt.

Die Garnisonkirche, die als Hauptwerk des preußischen Barocks gilt, war 1968 auf Geheiß der DDR-Regierung gesprengt worden, obwohl sie trotz Kriegsschäden nicht einsturzgefährdet war. Die Bundesregierung hat das Gotteshaus als bedeutendes nationales Kulturbauwerk eingestuft. Schirmherr des Bauprojekts ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Die Baugenehmigung liegt seit 2013 vor.

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