Am Gebäude des Rathauses der nordbrandenburgischen Stadt Freyenstein (Prignitz) hängt das vergilbte Schild „Zu verkaufen“. „In den 60er-Jahren waren hier ein Bäcker, ein Fleischer, ein Bekleidungshaus, ein Laden für Weißwaren und einer für Schuhe“, schildert Ortsvorsteher Manfred Engel. „Heute gibt es drei Einkaufsmöglichkeiten: den Supermarkt, das Fruchtkörbchen und eine Fleischerei“, sagt der 63-Jährige. Die Zukunft des Supermarktes ist unklar: Möglicherweise schließt er im Herbst. Es fehlen Kunden. Dann bleiben den Älteren nur noch die in der Stadt haltenden mobilen Einkaufswagen.

Der demografische Wandel verändert Brandenburg. Jüngste Prognosen sagen bis 2030 einen Rückgang um knapp 300.000 Menschen auf rund 2,2 Millionen Einwohner voraus. Eine Hälfte der Brandenburger wird auf 15 Prozent der Landesfläche im Speckgürtel rund um Berlin leben. Der Rest verteilt sich auf das übrige Land. Auf diese Entwicklung will die Brandenburger CDU im Falle eines Sieges bei der Landtagswahl im September reagieren: Ein eigens für den demografischen Wandel zuständiges Ministerium soll eingerichtet werden.

„Das Demografie-Ministerium soll den Bevölkerungswandel aktiv gestalten“, sagte CDU-Landeschef Michael Schierack am vergangenen Sonnabend auf dem Landesparteitag in Potsdam. Die rot-rote Landesregierung sei auf dem Holzweg, wenn sie glaube, die Probleme nur mit einer Verwaltungsreform lösen zu können.

In Freyenstein könnten die Letzten eigentlich das Licht ausmachen. „Wir leben aber gern in Freyenstein. Das soll auch so bleiben“, sagt Andrea Müllenberg. Die 50-Jährige ist Mitglied im Förderverein der Stadt: „Wir schauen nicht nur in die Vergangenheit, sondern kümmern uns auch um die Zukunft.“ Der Altersdurchschnitt in Freyenstein liegt bei 50 Jahren. Es gibt 56 Kinder, die in den Kneipp-Kindergarten gehen.

Kostenlose Präsentation

Zur 750-Jahr-Feier im Vorjahr waren die leeren Schaufenster der aufgegebenen Geschäfte den Vereinsmitgliedern ein Dorn im Auge. „Die Eigentümer der Häuser wurden angesprochen, die Auslagen zu dekorieren“, sagt Vereins- und Ortsbeiratsmitglied Andreas Frölich. „Fast alle machten mit.“ Vereine nutzten die Möglichkeit der kostenlosen Präsentation. Turner, Fußballer oder Reiter stellten ihre Hobbys vor. Die Frauen vom Handarbeitsklub gingen mit ihren Arbeiten an die Öffentlichkeit. „Die dunklen Löcher waren plötzlich verschwunden“, sagt Engel. Im Advent war die Marktstraße in den Abendstunden hell erleuchtet. „In weihnachtlich geschmückten Schaufenstern wurde für Stunden das Licht angeknipst“, sagt Müllenberg.

Den Vergleich mit einem „Potemkinschen Dorf“ weisen die Freyensteiner zurück. „Bei uns wird nicht nur eine schicke Kulisse vorgegaukelt“, sagt Müllenberg. Hinter den Fassaden der denkmalgeschützten Häuser gebe es Leben. Von den einst 1400 Einwohnern im Jahr 1970 sind heute 900 übrig geblieben. „Die sollen sich aber wohlfühlen und sehen, dass etwas passiert“, sagt Engel.

Der Förderverein organisiert Feste, gibt ein Mitteilungsblatt heraus und rief einen Büchermarkt mit fast 20.000 Werken ins Leben. „Hier gibt es ein Flair, was andere Städte suchen“, wirbt der Wittstocker Bürgermeister Jörg Gehrmann (CDU) für den Ortsteil. Das müsse nur aufpoliert werden. Im kommenden Jahr öffne das Schloss Freyenstein nach mehrjähriger Sanierung. „Es ist auch ein Symbol, das hier etwas passiert“, betont er. Veranstaltungen seien geplant, eine Bibliothek ziehe ein.

Auch die Vergangenheit ist gegenwärtig. In der Nähe des heutigen Ortes entstand im 13. Jahrhundert die gleichnamige Stadt. Sie wurde aber aus ungeklärten Gründen im Jahr 1287 wieder aufgegeben. Der Ort blieb unter Ackerboden erhalten: europaweit ein Ausnahmefall. Archäologen arbeiten seit Jahren im „Pompeji der Prignitz“, legen Keller frei oder dokumentieren den Verlauf von Straßen oder Hausgrundrissen. Im Archäologischen Park können Touristen das Werden und Vergehen einer Stadt erleben – ein paar Meter entfernt sehen sie, mit welchen Ideen ein Ort lebendig bleiben kann.

dpa