Prämien

Alte Brandenburger sollen für Landflucht belohnt werden

Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, schlägt finanzielle Unterstützung für Umzüge in die Stadt vor, um langfristig Kosten zu sparen. Die Kritik ist heftig.

Foto: Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

In Brandenburg ist die Diskussion um eine Wegzugsprämie für Dörfler neu entbrannt. Der Demografie-Experte und Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, Reiner Klingholz, schlug vor, älteren Menschen eine Prämie zu zahlen, wenn sie bereit sind, in die nächste Stadt zu ziehen. In einer Stadt seien die Senioren besser versorgt, zudem fänden sie dort eher eine barrierefreie Wohnung.

Der Vorschlag, den das Institut bereits 2006 machte und jetzt auch Mecklenburg-Vorpommern empfahl, stößt in Brandenburg bislang auf Ablehnung. Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) hatte sich schon in seiner Zeit als Umwelt- und Agrarminister über Klingholz’ Vorstellungen zur Lösung des Demografieproblems in Brandenburg aufgeregt. Der Institutsdirektor empfahl damals, Teile des Bundeslandes quasi in ein Reservat für wilde Tiere zu verwandeln, um damit Touristen anzulocken. Sozialminister Günter Baaske (SPD) lehnt eine Wegzugsprämie offen ab.

„Nicht Wegziehen ist die Lösung, sondern die Orte attraktiv und ungewöhnliche Infrastruktur- und Versorgungsangebot zu machen“, sagt Baaske. Eine Prämie verlocke nur zum „Aufgeben“. Der Wandel müsse gestaltet werden. Dafür werde bereits eine Menge getan. Der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion, Mike Bischoff mahnt: „Es kann nicht richtig sein, Menschen durch Geldzusagen zum Verlassen aus ihrer Heimat zu bewegen. Vielmehr stellt sich der Politik die Aufgabe, ein gutes Leben in dünner besiedelten Regionen zu ermöglichen.“ Linke-Vize-Fraktionschef Stefan Ludwig hält ebenfalls nichts von einer solchen Prämie.

Konzepte gegen die Landflucht vernachlässigt

Instituts-Leiter Rainer Klingholz, zufolge schrumpft die Bevölkerung in Brandenburg zum Teil um mehr als ein Prozent pro Jahr. Kleinere Orte werden sich dort womöglich komplett entleeren. Er kritisiert die Landesregierung: „Es gibt aber weder Konzepte für eine Stabilisierung dieser Dörfer noch für einen gut organisierten Rückzug.“ Die Opposition lehnt eine Wegzugsprämie zwar ab, CDU, Grüne und FDP werfen Rot-Rot aber ebenfalls vor, Konzepte gegen die Landflucht nicht intensiv genug zu verfolgen. CDU-Landes- und Fraktionschef Michael Schierack sagt: „Der Landesregierung fehlt eine einheitliche Strategie.“

Nach den Prognosen wird sich der Bevölkerungsrückgang fortsetzen. Bis zum Jahr 2030 werden rund 253.000 Menschen weniger in Brandenburg wohnen, das sind zehn Prozent. Das Land hat dann voraussichtlich noch etwa 2,25 Millionen Einwohner. Während um Berlin herum die Bevölkerung um fünf Prozent wächst, erwarten die Experten in den fernen Gegenden einen Rückgang um 19 Prozent. Der durchschnittliche Märker wird bis zum Jahr 2030 laut Experten 52,8 Jahre alt sein – im Vergleich zu 2010 mit 45,7 Jahren.

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