Demografie

Wie ein Brandenburger Dorf dem Aussterben trotzt

Vor allem Dörfer leiden unter den Folgen des demografischen Wandels. Der Ort Großwudicke in Brandenburg gewinnt jedoch bereits im dritten Jahr neue Einwohner dazu. Die Lösung heißt „Kleine Schule“.

Foto: JakobHoff / Jakob Hoff

Man könnte sagen, in Großwudicke sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht. Eine holprige Dorfstraße zieht sich durch den Ort, still ist es, in den liebevoll gepflegten Vorgärten blühen die letzten Sommerblumen. Niemand ist zu sehen. Auch hinter den weißen Gardinen rührt sich nichts. Zumindest nicht zu dieser Mittagsstunde. Großwudicke liegt wie die Städte Rathenow und Premnitz in dem Teil des Havellands, der als strukturschwach bezeichnet wird: Arbeit ist hier rar, viele Menschen ziehen daher weg. Vor allem die Jüngeren. Auch Großwudicke ist nicht mehr so groß, wie es schon mal war. 817 Einwohner zählt das Dorf heute, 1991 waren es noch 931.

Doch von Perspektivlosigkeit redet hier keiner. Großwudicke gewinnt nun schon das dritte Jahr in Folge neue Einwohner dazu. Denn es hat eine Antwort auf den demografischen Wandel gefunden, der Brandenburg wie andere Regionen Deutschlands seit einigen Jahren im Griff hat. Nach der aktuellen Bevölkerungsprognose für Brandenburg wird sich der Bevölkerungsrückgang fortsetzen und bis zum Jahr 2030 insgesamt 253.000 Personen, also zehn Prozent, betragen. Vor allem in den Gegenden, die weiter von Berlin entfernt sind, wird ein Rückgang um 19 Prozent erwartet. Gleichzeitig wächst die Bevölkerung im Berliner Umland um fünf Prozent.

Schule, Kita und Hort unter einem Dach

Großwudickes Antwort auf diesen Wandel ist die „Kleine Schule“ – und die zeigt große Wirkung. „Wir sind hier das Zentrum“, sagt Schulleiterin Anke Engeleiter selbstbewusst. Der grau verputzte Bau aus den 60er-Jahren, in dem sich das bunte dörfliche Leben bündelt, liegt direkt am Waldrand. Nicht nur 90 Grundschulkinder von der ersten bis zur sechsten Klasse werden hier unterrichtet, auch Krippe, Kita und Hort sind in dem Gebäude untergebracht. In einem kleinen Raum im Erdgeschoss können in der Gemeindebibliothek Bücher, Zeitschriften und DVDs ausgeliehen werden.

Der Freizeittreff der Gemeinde ist ebenfalls hier zu finden. Seine Leiterin wird von der Diakonie bezahlt. Er ist täglich von 14 bis 18 Uhr geöffnet. „Früher hatte fast jede Gemeinde um uns herum einen Jugendraum“, sagt Anke Engeleiter, „doch die Orte konnten sich keine pädagogische Betreuung leisten.“ Im Freizeittreff an der Kleinen Schule ist immer jemand da. Turnhalle und Außenanlagen nutzt der örtliche Sportverein mit.

Gelungenes „Demografie-Beispiel“

Für das Konzept wurde Großwudicke im Jahr 2010 durch die Staatskanzlei in Potsdam ausgezeichnet – als gelungenes „Demografie-Beispiel“. Die Schule zeige, dass es im Umgang mit dem demografischen Wandel durchaus Chancen gebe, wenn man sie denn erkenne und ergreife. „Die Einrichtung beweist seit Jahren, dass Qualität keine Frage der Größe ist“, lobt Staatskanzleichef Albrecht Gerber. „Die Lehrer haben in Zusammenarbeit mit Vereinen und Institutionen aus der Region ein Konzept erarbeitet, das eine individuelle Förderung der Jungen und Mädchen ermöglicht.“

In Großwudicke wird Inklusion schon seit Jahren praktiziert. Etwa neun Prozent der Kinder haben Förderbedarf. „Wir hatten auch schon ein Kind im Rollstuhl hier, alles klappte“, sagt die Schulleiterin.

Staatlich anerkannt seit 1998

Dass das Dorf seine Schule behalten konnte, während in Brandenburg in den vergangenen Jahren wegen Schülermangels knapp 500 Schulen schließen mussten, ist kein Zufall. Großwudicke ließ sich in den 90er-Jahren auf ein Experiment ein, dass hoch umstritten war: Es wandelte die Oberschule aus DDR-Zeiten nicht nur in eine Grundschule um, sondern in eine sogenannte „kleine Grundschule“. Das Land Brandenburg erprobte, wissenschaftlich begleitet, ab 1995 an acht Standorten in dünn besiedelten Gebieten, wie solche Zwergschulen funktionieren können. „Von den damaligen acht Schulen sind nur noch wir übrig“, sagt Anke Engeleiter. „Seit dem Schuljahr 1998/99 sind wir staatlich anerkannt.“

In der „kleinen Schule“ lernen die Kinder in altersgemischten Klassen. Jeweils zwei Jahrgänge sind zusammen. In den Fächern Deutsch, Mathe und Englisch werden zwei Gruppen gebildet, in Geschichte, Sachunterricht oder Sport erhalten die Kinder gemeinsamen Unterricht. „Auch wenn viele das zunächst befürchtet haben – die Qualität leidet nicht darunter“, versichert die Schulleiterin. Das hätten Leistungsvergleiche und Schulvisitationen bestätigt.

„Bewährt hat sich vor allem die Teamarbeit der Lehrer“, sagt Anke Enkeleiter. „So können wir den Unterrichtsausfall gering halten.“ Drei Lehrerteams sind jeweils für zwei Jahrgänge zuständig. In Lernwerkstätten setzen sie thematische Schwerpunkte; Verkehrs- und Naturwacht, aber auch Polizei und Bauernhöfe machen mit. Es gibt eine Zirkus-Arbeitsgemeinschaft, in der Jonglieren und Einradfahren auf dem Programm stehen. In der vierten Klasse wird Reitunterricht auf einem nahe gelegenen Reiterhof in Steckelsdorf erteilt.

Wartelisten für Schule und Kita

Auf dem riesigen Schul- und Kita-Gelände ist Platz für die Schul- und Kitakinder. Die Eltern haben alles selbst gebaut, auch das Karussell, die Ballwurfanlage und den Balancierpfad. Seit dem Hochwasser im Juni gibt es sogar eine kleine Wasseranlage, die Kinder können so sehen, was passiert, wenn ein Damm bricht. Schule und Kita sind voll ausgelastet und führen sogar Wartelisten. Das Interesse ist nicht nur aus den umliegenden Orten groß. Selbst aus der Kreisstadt Rathenow und aus Dörfern in Sachsen-Anhalt schicken Eltern ihre Kinder in die Schule Großwudicke. Wohl auch wegen der langen Betreuungszeiten. Die Kita öffnet um 6 Uhr, die Schule beginnt um sieben Uhr. Wenn der Hort um 16.30 Uhr schließt, hat bis 18 Uhr immer noch der Freizeittreff geöffnet. „Viele Eltern arbeiten im Zwei- oder Dreischichtsystem“, sagt Schulleiterin Engeleiter. Bei Fielmann in Rathenow, in Discountern und im Pflegebereich. Oder fahren jeden Tag zur Arbeit nach Berlin.

Der elfjährige Cedric wohnt in Rathenow und kommt jeden Morgen mit dem Bus nach Großwudicke. „Ich finde es super hier“, sagt er. „Zu Hause ist nachmittags keiner.“ Hier sind seine Kumpels, so wie Sofien. Er steigt um 6.35 Uhr im zehn Kilometer entfernten Schollene in den Bus. Schollene liegt in Sachsen-Anhalt. „Wenn ich nach Haus komme, sind die Hausaufgaben schon gemacht“, sagt er.

Der Fleischer als Standortfaktor

„Großwudicke ist als Wohnort bei jungen Familien zunehmend beliebt“, sagt Felix Menzel, der Bürgermeister der Gemeinde Milower Land, zu der Großwudicke gehört. Der Sozialdemokrat ist mit 28 Jahren der jüngste Bürgermeister in Brandenburg und wohnt im Nachbarort Kleinwudicke. Weg wollte er hier nie. „Die Gegend hat Charme, und mit dem Zug ist man in 50 Minuten in Berlin“, sagt er.

Nach Großwudicke schicken die umliegenden Gemeinden nicht nur gerne ihre Kinder. Hier gibt es auch den letzten Fleischer weit und breit, der noch selbst schlachtet. Besonders die Schlackwurst ist beliebt. „Zu uns kommen Leute, die längst weggezogen sind“, sagt der Senior, Fleischermeister Kurt Mäser. „Die sagen, die Supermarktwurst kannst du auf die Dauer nicht essen.“ Es ist 14.30 Uhr, die Mittagspause ist um. Kerstin Mäser öffnet in ihrer rot-weißen Schürze den Laden, draußen warten vier Kunden. Einen Lebensmittelladen gibt es schon lange nicht mehr. Zweimal die Woche kommt der Bäckerbus vorbei, ein rollender Dorfkonsum. Aber auch die Fleischerei verkauft Brötchen, Eier, Bier und Schnaps. Auf der Dorfstraße ist jetzt doch was los. Viel mehr als die Schule und den Fleischer hat Großwudicke also nicht. Aber immerhin noch einen Bahnhof – und eine freiwillige Feuerwehr mit 16 Aktiven, einen Sportverein und einen Karnevalsverein. Eine junge Mutter fährt mit ihrem Kind auf dem Fahrrad vorbei. Die Zukunft – Großwudicke hat sie vor Augen.

Foto: BM Infografik