Gut zweieinhalb Jahre nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober in Israel leben Jüdinnen und Juden in Deutschland in einem „Dauerkrisenzustand“. Nur noch 13 Prozent der jüdischen Gemeinden bewerten die Zukunft jüdischer Existenz in Deutschland derzeit positiv: So beschreibt es das Lagebild des Zentralrats der Juden, das am 1. Mai erschienen ist. Auch der Waffenstillstand in Gaza brachte für zwei Drittel der Befragten keine Entlastung der Sicherheitslage. Und das, während das Thema in der öffentlichen Debatte gleichzeitig eine abnehmende Rolle spielt.

Darin zeigt sich die Kluft zwischen der Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft und der Wahrnehmung vieler Jüdinnen und Juden, was antisemitische Gewalt angeht. „Der Krieg im Nahen Osten war immer nur ein Vorwand, niemals ein Grund für antisemitische Übergriffe und Hetze in Deutschland“, sagt Zentralratspräsident Josef Schuster.

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Das Lagebild benennt zwei besorgniserregende Trends: Die gesellschaftliche Solidarität schwindet. Und Jüdinnen und Juden ziehen sich aus der Öffentlichkeit immer stärker zurück. Mit diesem Rückzug wächst der Bedarf an geschützten Räumen – Orte, an denen Betroffene ernst genommen und umfassend (rechtlich, pragmatisch und psychologisch) beraten werden. In Berlin bietet der Berliner Standort der Beratungsstelle OFEK so einen Ort.

Eine Leerstelle in Deutschland

Hintergrund: OFEK ist ein gemeinnütziger Verein, der 2017 gegründet wurde, um eine Leerstelle zu füllen. „Der Gesellschaft und Politik ist lange nicht bewusst gewesen, welche konkreten Auswirkungen Antisemitismus auf Betroffene habe. Noch vor zehn Jahren wurde darüber meist abstrakt gesprochen“, erinnert sich die OFEK-Gründerin und Geschäftsführerin Marina Chernivsky.

OFEK berät aber nicht nur im klassischen Sinne. Mit seiner Arbeit wirkt der Verein auch in die jüdische Gemeinschaft hinein – bewusstseinsbildend und entlastend. Die Nichtregierungsorganisation versteht sich außerdem als politischer Akteur. Sie wirkt an gesellschaftspolitischen Entscheidungen mit, etwa bei der Weiterentwicklung der Opferrechte.

Wie die Beratungsstelle OFEK arbeitet

Wie läuft eine Beratung konkret ab? „Zunächst werden Ratsuchende darin unterstützt, die Situation sowie ihre Perspektiven und Bedarfe umfassend darzustellen. Anschließend folgt die Analyse der damit verbundenen – in vielen Fällen institutionellen – Reaktionen und Rahmenbedingungen“, erklärt die Psychologin und Antisemitismusforscherin Chernivsky.

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„Diese gemeinsame Einordnung mit den Ratsuchenden ist zentral. Manchmal führt sie zu einem anderen Verständnis der Situation“, erklärt Chernivsky. „Wenn etwa an einer Schule antisemitische Vorfälle gehäuft auftreten, wird zusammen überlegt, ob und wie sich auf solche Dynamiken einwirken lässt. Die Bedürfnisse, mit denen Menschen zu uns kommen, unterscheiden sich stark. Mal steht der Wunsch nach Gerechtigkeit im Vordergrund, mal etwas ganz Pragmatisches: die eigene Lage zu verändern.“  

OFEK klärt Ratsuchende aber auch über Grenzen auf – rechtliche wie institutionelle. Nicht jeden Fall kann die Stelle weiterverfolgen. Dennoch kann dieses Wissen entlastend wirken. Eine entscheidende Rolle spielen dabei immer Schutz und Sicherheit der Betroffenen.

Die „neue Normalität“

Im Lagebild des Zentralrats ist von einer „neuen Normalität“ die Rede: „Die Sicherheitslage hat dabei tiefgreifende Auswirkungen auf Alltag, Verhalten und die psychische Stabilität von Jüdinnen und Juden in Deutschland.“

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In Berlin zeigt sich diese Entwicklung besonders deutlich. Direkt nach dem Hamas-Massaker stiegen die Anfragen bei OFEK auf das Fünfzehnfache, sagt Chernivsky. Selbst sechs Monate später lagen die Zahlen noch immer sechsmal höher als vor dem Angriff. „Seitdem kommt das Beratungsaufkommen von diesem Niveau nicht mehr herunter“, sagt sie. „Diese Beratungsstatistik ist auch ein Hinweis auf die anhaltende Belastung durch diesen dauerhaften Ausnahmezustand.“

Bestimmte Bereiche stechen heraus. An Berliner Hochschulen erleben jüdische Studierende mehrfache Diskriminierung: Sie reicht von gezieltem Ausgrenzen über antisemitische Andeutungen und Bildsprache (Sticker und Bilder) bis hin zu plötzlichen Angriffen auf jüdische Studierende. Weitere Bereiche sind Schulen, Nachbarschaften, das Gesundheitswesen sowie Kunst und Kultur.

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„Der 7. Oktober wirkte wie ein Seismograf“

Diese Tendenzen zeigen sich auch auf den Straßen Berlins. „Der 7. Oktober wirkte wie ein Seismograf für tiefer liegende Strukturen: Vor dem Hintergrund lange bestehender antisemitischer Traditionslinien und Ideologien war absehbar, dass es zu einer erneuten Radikalisierung und Enthemmung kommen würde“, ordnet Chernivsky ein. „Die jüdische Zugehörigkeit erfährt eine Politisierung und wird dadurch verstärkt zum Anlass antisemitischer Angriffe. Dass in dieser Stadt Menschen auch wieder aufgrund ihrer Sprache oder äußerer Merkmale bedroht werden, zeugt von einer unterschiedslosen antisemitischen Radikalisierung und untergräbt jedes Recht auf Freiheit.“

Beratung an der Belastungsgrenze

Zwischen Oktober 2024 und September 2025 hat die Berliner Beratungsstelle 730 Fälle dokumentiert und beraten. Chernivsky sagt, Berliner Politik und Verwaltung nähmen die Arbeit inzwischen stärker wahr. Gleichzeitig arbeite ihr Team seit Monaten unter enormer Belastung. Es stoße zunehmend an Kapazitätsgrenzen. Dass in vielen nicht staatlichen Organisationen Kürzungen drohen, besorgt auch die OFEK. Wie lange die Beratungsstelle Ratsuchende in diesem Dauerkrisenzustand noch begleiten kann, wird immer mehr auch zu einer Ressourcenfrage.

Marina Chernivsky israelische Psychologin und Antisemitismusforscherin
Marina Chernivsky, israelische Psychologin und Antisemitismusforscherin, am 14. Mai 2026 in Berlin. © FUNKE Foto Services | Reto Klar

Biografie Marina Chernivsky:

Marina Chernivsky ist Psychologin und Antisemitismusforscherin. Sie gründete und leitet OFEK e. V., die bundesweite Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung, sowie KOAS (Kompetenzzentrum für antisemitismuskritische Bildung und Forschung) in Berlin. Chernivsky publiziert, forscht und berät seit vielen Jahren zu Antisemitismus, Diskriminierung und psychosozialen Folgen antisemitischer Gewalt.