„Haben Sie früher blonde Haare getragen?“, fragte Rechtsanwältin Nina Onér den in den Zeugenstand gerufenen Polizisten Erkan A. „Ich hatte mal eine Blondphase“, antwortete dieser. Irritierte Gesichter im Publikum. Die scheinbar belanglose Frage sollte erst am Ende dieses Prozesstages am Donnerstag im Amtsgericht Tiergarten eine Rolle spielen, bei dem es um die Besetzung des Präsidiums der Freien Universität (FU) vor rund anderthalb Jahren ging. Dazu später mehr.

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Auf der Anklagebank: der irische Staatsbürger Shane O‘B. und die Deutsche Salee I. Sie sollen laut Anklageschrift an der Aktion einer pro-palästinensischen Gruppe beteiligt gewesen sein, die damals für großes Aufsehen sorgte und für den 30-jährigen O‘B. möglicherweise zum Entzug seiner Freizügigkeit führen könnte – eine Entscheidung in der Hauptsache steht noch aus. Die Staatsanwaltschaft wirft dem früheren Informatikstudenten in dem Prozess am Donnerstag vor, die 24-jährige HU-Studentin Salee I. gewaltsam aus einer polizeilichen Maßnahme befreit zu haben. Ein Polizist sei der Anklageschrift zufolge dabei leicht verletzt worden.
Besetzung des FU-Präsidiums: Mitarbeiterin soll „Todesangst“ gehabt haben
Zur Erinnerung: Am 17. Oktober 2024 drangen rund 20 Personen, teils vermummt, in das FU-Gebäude ein. Die Wände wurden mit Parolen beschmiert wie „From the River to the Sea“. Die Zugänge zum Präsidium wurden mit Mobiliar verbarrikadiert. Aus einer parlamentarischen Anfrage rund einen Monat nach dem Vorfall ging hervor, dass die Besetzerinnen und Besetzer mit Äxten, Sägen und Brecheisen in das Gebäude kamen und Mitarbeitende bedroht haben sollen.
Die Polizisten Erkan A. (28) und Engin C. (37) gehörten zu den ersten Einsatzkräften vor Ort und wurden am Donnerstag als Zeugen gehört. Eine Mitarbeiterin der FU soll die beiden darauf aufmerksam gemacht haben, dass sich im Keller des Gebäudes eine Mitarbeiterin eingeschlossen habe – aus „Todesangst“, wie C. berichtete. Was die Polizisten zu diesem Zeitpunkt lediglich wussten: Innen befinden sich vermummte Personen. Wie viele es seien, wussten sie nicht, so Erkan A.
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Sie hätten eine mit Möbeln versperrte Tür aufschieben müssen, um sich Zutritt zu verschaffen, und seien eine Treppe runtergestiegen. In einem Foyer seien sie dann auf die beiden Angeklagten gestoßen. Beide nicht vermummt, jedoch schwarz gekleidet. „Der Angeklagte hat wenig bis gar nichts gesagt“, erinnerte sich Polizist A. Die Angeklagte Salee I. hingegen habe lautstark ihren Unmut geäußert. „Sie warf mir vor, ich würde einen Staat unterstützen, der Leute ermordet“, so A. Gemeint waren die Menschen im Gaza-Streifen. Zu diesem Zeitpunkt wurden bereits zehntausende Tote in der von Israel massiv bombardierten Region beklagt.
Polizist berichtet von gewaltsamer Gefangenenbefreiung
„Ich war bisher unerfahren und geschockt von diesen Vorwürfen“, gestand der junge Polizist am Donnerstag. Er habe sich um O‘B. und I. gekümmert, während sein Kollege weitergezogen sei, um die verängstigte FU-Mitarbeiterin zu finden. A. habe die beiden Angeklagten nach ihren Ausweisen gefragt. Diese hätten sich zunächst kooperativ gezeigt und ihre Pässe übergeben.
Dann jedoch sei die Stimmung gekippt, wie es in der Zeugenaussage von Erkan A. heißt. „Plötzlich habe ich laute Geräusche von hinten wahrgenommen“, berichtete er. Zehn bis 15 vermummte Personen seien die Treppe runtergestürmt und hätten die beiden Angeklagten aufgefordert zu flüchten. Was A. dann beschreibt, lässt sich durchaus als gewaltsame Gefangenenbefreiung verstehen. Er sei von diversen Leuten eingekesselt worden. Salee I., die er am Arm gepackt habe, habe versucht, sich durch Stoßbewegungen zu befreien. Shane O‘B. habe ihr dabei geholfen und auf den Arm des Polizisten eingeschlagen. Für „einige Zeit danach“ habe er Schmerzen im Armbereich beklagt.
Kurz vor Ende des Verhandlungstags taucht ein entlastendes Video auf
Soweit die Darstellung der Polizisten. Kurz vor Anhörung eines weiteren Zeugen an diesem Tag händigte Benjamin Düsberg, Rechtsanwalt von O‘B., dem Vorsitzenden Richter einen USB-Stick aus. Darauf ein Video, auf dem zu sehen ist, wie die beiden Angeklagten vor den beiden Polizisten stehen. Der eine trägt blonde Haare – es handelt sich offenbar um Erkan A.
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Was nicht zu sehen ist: Widerstandshandlungen, Schläge oder Geschubse. Stattdessen ist zu erkennen, wie sich I. ohne große Mühe und ohne Gewalt aus dem Griff der Polizei befreit. Woher das Video stammt, was zuvor geschehen ist, blieb an diesem Donnerstag unbeantwortet. Für den Richter war das Video jedoch Grund genug, das Verfahren gegen die Angeklagten einzustellen. Sachbeschädigung könne den beiden nicht nachgewiesen werden. Am Ende blieb ihm lediglich ein Appell: „Ich verstehe nicht, wie Sachbeschädigung zur Akzeptanz der Sache beitragen soll.“ Es war auch an diejenigen gerichtet, die zur Unterstützung der Angeklagten gekommen waren und den Freispruch lautstark begrüßten.







