Henrik Wüst war fast gleichzeitig mit Kai Wegner da. Politisch sind der nordrhein-westfälische Ministerpräsident und Berlins Regierender Bürgermeister Alliierte. Aber im Kampf um Olympische Sommerspiele stehen die Christdemokraten in Konkurrenz. Beide zeigten jetzt Flagge bei den Winterspielen im Norden Italiens, beide sahen live den Vorrundensieg der deutschen Eishockey-Frauen gegen die Gastgeberinnen. Aber ihre jeweiligen Missionen beschränkten sich nicht aufs Fan-Sein. Denn beide müssen zunächst die deutschen Sportfunktionäre davon überzeugen, dass sie entweder mit Köln und umliegenden Ortschaften oder eben mit der Hauptstadt und ihren Partnern die besten Chancen haben auf einen Zuschlag des IOC für die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044.
Beide posteten auf ihren Social-Media-Kanälen Bilder, unter anderem vor dem Mailänder Wahrzeichen Arco de la Pace. Wobei der Mann aus Düsseldorf zumindest auf Instagram ein deutlich größeres Echo fand als der Berliner. Wüsts Post wurde mehr als 2000 Mal mit einem Herzchen versehen. Wegner bekam nur ein gutes Zehntel davon.
NRW zahlt seinen Olympioniken Prämien aus der Landeskasse
Auch für die Olympioniken aus seinem Bundesland hatte der Nordrhein-Westfale eine gute Nachricht zu verkünden. Das Land zahlt den Teilnehmenden aus NRW aus eigener Kasse eine Antrittsprämie von 5000 Euro. Wer Edelmetall holt, wird mit bis zu 30.000 Euro für Gold honoriert. Dass Wegner den 19 Berliner Winter-Olympioniken eine ähnliche Zahlung zugesagt hätte, ist nicht bekannt. Stattdessen sprach er in Mailand mit Berliner Sportlern über den „Wettkampfalltag und die Organisation vor Ort“ wie Wegner wissen ließ.
Wichtiger als der Plausch mit den ohnehin für Olympia in ihrer Stadt begeisterten Sportlerinnen und Sportlern war sicherlich der Austausch mit deutschen und internationalen Sportfunktionären beim „Team D-Abend“. Wegner machte dort deutlich, dass Berlin „bereit“ sei für Olympische und Paralympische Spiele.
Wegner musste in Mailand erklären, warum nun doch Olympia und Expo möglich sind
Gemessen an früheren Positionen müsste Wegner einiges zu erklären gehabt haben. Schließlich hatte der Regierende Bürgermeister monatelang behauptet, dass die Sportfunktionäre Berlin quasi aussortieren würden, sollte sich die Hauptstadt auch noch um die Weltausstellung Expo 2035 bemühen. Wegen des starken Drucks aus der Berliner Wirtschaft und nach der Ankündigung Donald Trumps, die Schau 2035 nach Miami holen zu wollen, hatte sich Wegner dann doch für eine Expo-Bewerbung ausgesprochen. Da passte es, dass Wegner auch mit Mailands Bürgermeister Guiseppe Sala über Großereignisse sprach. Der Mann war 2016 Chef der Mailänder Expo, der bisher letzten in Europa.
Glaubt man Wegners früheren Aussagen, müssten Berlins Chancen auf den Sieg im innerdeutschen Wettbewerb mit Wüsts NRW, München und Hamburg eigentlich gesunken sein. Aber womöglich hat Wegner mit seiner Charmeoffensive ja Bedenken gegen eine Berliner Überforderung mit zu vielen Großereignissen zerstreuen können. Wissen werden wir das erst Ende September, wenn die Vollversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes über Deutschlands Olympia-Bewerber entscheidet.
Die Olympia-Kampagne in Berlin nimmt nur langsam Fahrt auf
In der Heimat ringt die Olympia-Werbekampagne inzwischen darum, bei den skeptischen Berlinern Begeisterung für das weltgrößte Sportereignis zu wecken. So richtig präsent ist „Berlin gewinnt mit Olympia“ bisher aber nicht im Stadtbild. Im digitalen Raum bewegen sich die positiven Reaktionen zumindest auf Instagram noch im zweistelligen Bereich.
Im Abgeordnetenhaus wiederholten sich diese Woche die politischen Scharmützel zwischen den Befürwortern und Gegnern. Die Grünen beklagten, dass das IOC T-Shirts mit dem Werbemotiv von Hitlers Berliner Spielen 1936 verkaufte und wertet das als Zeichen der Unbelehrbarkeit. Auch der Ausschluss des ukrainischen Skeletoni, der Bilder von im Krieg getöteten Athleten auf seinem Helm zeigte, dürfte die Kritik an Olympia und seinen Organisatoren eher befördern. Wenngleich Anti-Olympia-Krawalle wie in Mailand derzeit in Berlin nicht zu befürchten sind: Wegner wird noch viel Überzeugungsarbeit für eine Bewerbung leisten müssen, nicht nur in Italien.



