Will ich Sie ärgern? Bitte seien Sie sicher: Das ist keineswegs der Fall. Und dennoch geht es heute wieder einmal um obdachlose Menschen. Und darum, wie Sie ihnen aktuell helfen können und in Zukunft bitte sogar helfen müssen.
Für die nächsten Tage werden Minustemperaturen erwartet. Die sind für jene, die auf der Straße leben, lebensbedrohlich. Viele, die Artikel in der Morgenpost zur Not der Menschen regelmäßig lesen und auch diese Kolumne, wissen längst: Obdachlosigkeit ist für die Betroffenen das ganze Jahr über furchtbar.
Weil das so ist, hangeln wir uns seit Jahren von einem Aufruf zum nächsten. Neues haben andere und ich dem Thema kaum beizutragen, ich kann Sie nur an die Notlagen erinnern. Und vielleicht noch darauf hinweisen, dass die Anzahl der Menschen rapide steigt. 100.000 obdach- und wohnungslose Menschen soll es bis 2030 in Berlin geben. Knapp über eine Million Menschen waren im vergangenen Jahr wohnungslos, so die neuen Zahlen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG). Wer da noch weiterhin von einer sozialen Randgruppe spricht, den soll vielleicht nicht gleich der Blitz treffen. Aber einmal eine Woche auf der Straße zu leben, das wünsche ich ihm schon.
Auch interessant
Es wird Opfer geben, an Leib und Seele
Kreta war schön. Richtig warm war es. Für dieses Wochenende sind sogar 26 Grad vorhergesagt. Am Dienstag bin ich zurückgekommen – was für ein Wechsel. Dieses feuchtkalte Wetter, gar nicht mal allein die Minustemperaturen, setzt den Menschen zu, die unter Brücken, in Parkanlagen oder Hauseingängen leben. Jene, die nun einen Platz in einer Notübernachtung gefunden haben, können froh sein. Wie aber behelfen sie sich bei widrigen und feindlichen Lebensumständen tagsüber? Dazu kommt: Bei rund 1000 Notübernachtungs-Plätzen für vermutlich 6000 Menschen ist abzusehen: Es wird Opfer geben, an Leib und Seele.
Auch interessant
Einrichtungen brauchen nun geeignete gebrauchte Kleidung, viele sind unterfinanziert und auf Spenden angewiesen. Das Gros der Spenden wird am Jahresende erzielt. Jeder Euro zählt. Spenden 100 Menschen jeweils 10 Euro, kommt eine stolze Summe zusammen.
Da die Not aber nicht nur anhält, sondern deutlich und kontinuierlich steigt, richten Sie doch bitte gleich einen Dauerauftrag ein. Denn das ist leider sicher: Ihre Hilfe wird auch in Jahren noch gefragt sein. Nächstenliebe wird zum Marathon. Wer 100.000 Euro spenden möchte oder deutlich mehr: Bitte sehr, das Geld fehlt einfach.
Immer wieder suche ich den direkten Kontakt zu obdachlosen Menschen und frage, wie ich helfen kann. Über Weihnachtsgeld habe ich mich früher als Arbeitnehmer gefreut, auch für Obdachlose darf's nun etwas mehr sein. Mir selbst fehlt das Weihnachtsgeld als Rentner schon. Für Kreta, einen Wein und die Lammkoteletts dort aber hat es gereicht.
Obdachlosigkeit: Wo fängt eigentlich unterlassene Hilfeleistung an?
Die Idee mutet fast lyrisch an, aber: Kaufen Sie doch ein paar Weihnachtsmänner und kleben ein Zwei-Euro-Stück auf die Rückseite. Auch die Gesten zählen. Und Freundlichkeit ist eine tolle Währung.
Dass der Mehrheit der Gesellschaft die Menschen auf der Straße egal sind, habe ich in einem Kommentar gelesen, ich mochte es kaum glauben. Obwohl es ja wahr ist. Für die Politik trifft es überwiegend zu, und selbst wenn viele Bürgerinnen und Bürger helfen – die meisten tun es eben nicht. Durch Information und sensible Berichterstattung muss an neuen Mehrheiten gearbeitet werden.
Politiker muss man in die konkrete Verantwortung nehmen und sie im Zweifelsfall abwählen. „Harter Tobak“, werden einige einwerfen, oder: „Das grenzt an Populismus“. Immerhin aber sprechen wir doch von Menschen, die unter unerträglichen Lebensbedingungen leben, oft grauenvoll sterben. Die Frage, wo eigentlich unterlassene Hilfeleistung anfängt, ist nicht als juristische, sondern als Frage der moralischen Verantwortung zu verstehen.
Meckern ist wichtig, aber bitte vergessen wir nicht: Auch wir sind gefragt. Also jene, die Verantwortung tragen, mehr denn je. Es wird nämlich nicht besser, sondern schlechter. Als Christ aber bleibe ich Optimist: Wir alle wollen doch die Mitmenschlichkeit nicht begraben.
Lesen Sie hier mehr Kolumnen von Dieter Puhl





