Manchmal machst du mich wahnsinnig, finde ich dich zu hart, gelegentlich fühle ich mich einsam mit dir, sprachlos machst du mich zuweilen, oft machst du die Menschen irre, verwirrst und selten stinkst du mir sogar. Viele halten es mit dir nicht aus, hauen ab, fliehen regelrecht, manche hast du verletzt und sie haben Wunden davongetragen.
Ich bin hier geblieben, deutlich länger als geplant, fünf Jahre sollten es werden und aus einer überschaubaren Etappe wurden 50 Jahre, fast mein Menschenleben. Dieses Jahr feiere ich Jubiläum mit dir und meist haben wir es in all den Jahren ganz gut miteinander ausgehalten, trotz einiger Widrigkeiten. Einen kurzen Moment möchte ich deshalb verweilen, möchte mich bedanken und dann gibt es noch etwas, das ich loswerden möchte: Berlin, ich liebe dich.
Altenholz bei Kiel: Hier wurde ich geboren, wuchs auch auf – das ist meine Mutter. Kreta, seit über 30 Jahren mache ich dort Urlaub, ist meine Geliebte. Eine Liebelei war auch am Anfang Berlin. Dann kam Vertrauen hinzu, Geborgenheit, tiefe Sympathie, ich fühlte mich angenommen von dir und die Liebe kam ins Spiel, das wuchs. Aus einer Lebensabschnittsgefährtin wurde eine passable Ehefrau.
Der Klausenerplatz ist seit über 30 Jahren mein Zuhause
Verlasse ich unser Haus, geht es rechtsherum zum Schlosspark Charlottenburg, er ist nur wenige Minuten entfernt. Eine Oase, mitten in einer Metropole. Hier kann ich durchatmen, die Millionen sind vergessen. Ich finde selbst nach Jahren wunderschöne kleine Ecken. Lassen die Schafe, die hier seit Jahren weiden, etwas Gras stehen, wird das nicht abgemäht. Man kann sich hier auf einer Decke verstecken und den Alltag ausblenden. Links herumgeht zum Lietzensee. Mittendrin lebe ich in einem der schönsten Kieze der Welt, der Klausenerplatz ist seit über 30 Jahren mein Zuhause.
Spandau war auch gut. Im Wedding lernte ich die ruppige Seite dieser Stadt kennen. Immerhin wurde meine Tochter 1989 dort geboren. Hat man den Wedding überlebt, was soll einen dann noch schrecken? Und überhaupt war in dem Jahr viel los, plötzlich war die Badstraße wieder Durchgangsstraße. Weitere spannende Jahre folgten, vieles machte neugierig, neue Begegnungen zuhauf, die Menschen hatten Lust aufeinander und manchmal sogar miteinander. Viele neue Freundschaften entstanden, tolle Arbeitskolleginnen und Kollegen kamen hinzu. Wir lernten voneinander. Manchmal tauschten wir damals Träume miteinander aus. Aktuell versäumen wir das leider.
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Es gibt Städte in Deutschland, die nehmen mir schnell die Luft zum Atmen
Ich war kaum flügge, als ich kam. Berlin, du hast mich aufgenommen, herausgefordert, geformt und getragen. Wer Sicherheiten will, muss in Freiburg oder Kappeln leben. Und es gibt Städte in Deutschland, da ist alles so geordnet und geregelt, die nehmen mir schnell die Luft zum Atmen. Das aber muss man aushalten, Berlin, du bist nie fertig, bleibst immer unvollendet.
Etliche lebten alternativ in meiner Stadt, einige nun manchmal noch Alternativen. Das politisch und gesellschaftlich zu erproben, finde ich spannend. Die Regierenden dürfen sich hier nie zu sicher auf ihren Stühlen fühlen. Gut so. Und so bist du, Berlin, zuweilen sogar Vorreiter für gesellschaftliche Entwicklungen in der Republik. Nicht alles ist immer gut und nicht alle lieben dich dafür.
Manchmal ist deine Schnauze auch laut und frech. Einen Hang zur Überheblichkeit möchte ich dir nicht absprechen, so versteckst du Unsicherheit. Ich liebe die kleinen Bühnen, die Konzerte für 30 Euro, die für 300 Euro schrecken mich ab. Ich mag junge Menschen, die sich erproben, mag neue Küchen, fremde Gastronomie. Vertrautes mag ich auch und dann trinke ich eine Berliner Weiße oder gehe ins „Ali Baba“ in der Bleibtreustraße. Es hat ja wieder geöffnet.
Mein Berlin, manchmal bist du „dirty“, ruppig, verschlingst einige Menschen, sie verschwinden einfach. Die Obdachlosen können ein Lied davon singen. Wenn sie Glück haben, spuckst du sie wieder aus. Wie sie dann klarkommen, dich kümmert‘s nicht. Bist aber immer ehrlich dabei. Ich bin alt geworden in Berlin, Berlin dagegen blieb jung. Wir kommen dennoch klar.



