Die älteren Damen, die hier auf Kreta vor 30 Jahren an den Bushaltestellen standen und ankommenden Touristen „Rooms, Rooms“ zuriefen, ich vermisse sie sehr. Seit nun zwei Wochen bin ich wieder auf Kreta, meiner Lieblingsinsel. Das Wetter ist mild, meist sind es am Tag zwischen 22 und 24 Grad, oft fühlt es sich etwas wärmer an. Es ist sehr leer, Nachsaison, und man muss diese Ruhe mögen, was bei mir der Fall ist. Mir geht’s prima. Lieber würde ich Ihnen eigentlich Urlaubskarten schreiben – ich bekomme sie auch sehr gerne. Es muss über die Berliner Morgenpost gehen: „Beste Grüße und ich wünsche Ihnen alles Gute!“

Keine Kolumne von Kreta ohne ein Update zu meiner früheren Vermieterin Georgia: Sie lebt. Seit langem ist sie im Koma. Und sie soll nun 99 Jahre alt sein, da variieren die Angaben aber leicht. Dass sie mit ihren Schwestern nun in der benachbarten Kleinstadt Mires lebt, ist unstrittig, auch dass sie überwiegend von ihnen betreut und versorgt wird. Sind es zwei Schwestern oder drei? Da gehen die Angaben auseinander? Und auch, ob sie 84 und 86 Jahre alt und Anfang 90 sind, ich weiß es nicht genau. Sie leben. Und sind beieinander. Bereits vor Jahrzehnten sind die Ehemänner verstorben.

Georgias alte Pension in Kreta verfällt

Georgias Pension zerfällt. Noch im Frühjahr schaute ich sie mir an, fütterte die Katzen. Drei Tage ging es mir danach schlecht, eine Mischung aus Melancholie und leichten Depressionen. Nun wagte ich lediglich einen kurzen Blick durch die Pforte. Zu schön sind die Erinnerungen an verdammt gute Zeiten in dieser kleinen Pension. Gut so: Alle Katzen werden von einer Nachbarin nicht nur gefüttert, sondern auch geherzt und gestreichelt.

Zurück zu „Rooms, Rooms“ und den älteren Damen. Wir haben uns darüber im Internet in einem Forum derjenigen, die diese Gegend hier lieben, ausgetauscht. Wer neugierig ist, findet das Forum auf Facebook. Es heißt „Pitsidia Kreta Matala Sivas Kamilari Kalamaki - Tipps, Ratschläge, Anregungen, ein freundlicher Austausch“.

Die Damen fehlen vielen. „So hatte ich gleich das Gefühl, willkommen zu sein. Die Rucksäcke waren auf dem Bus-Dach festgezurrt und mussten erst abgeladen werden, ehe man den bemühten Damen folgen konnte. Schließlich wurden die Räume präsentiert. Bei Gefallen wurde der Handel abgeschlossen und es gab einen griechischen Kaffee“, erinnert sich Kuri an Zeiten vor 30 oder mehr Jahren.

„Schöne, vergangene Zeiten“, schrieben gleich mehrere, „ich erinnere mich gerne“. „Früher haben wir nie etwas vorab gebucht. Angekommen und geschaut, was sie anzubieten hatten. Die Verständigung war mitunter holprig, aber am Ende hatten wir immer ein Bett und ein Dach über dem Kopf. „‘Dank‘ Booking Com und Airnb gibt es diese Erlebnisse nicht mehr“, Manfred ist seit Jahrzehnten Kreta-Liebhaber. Nicht selten wurde aus einem Dach über dem Kopf Liebe zu den Menschen, mindestens aber tiefe Sympathie.

Sie verzeihen, aber ich muss jetzt schnell zum Strand

Für Gerald wurden sie auch „Opfer der Digitalisierung“, während Susanne vermutet, die älteren Vermieterinnen sitzen nun selbst am PC. Ganz unrecht könnte sie nicht haben, Georgia, gut Mitte achtzig damals, saß da bereits jeden Tag am Fernsehgerät und verfolgte die Aktienkurse. Sie hatte ihr Geld angelegt. „Kapitaliste Georgia“ sagten einige Nachbarinnen damals etwas spöttisch. Warum aber nicht? Ihre Pflege ist sicher teuer, alles bekommen ihre Schwester nicht allein gestemmt.

Maik kennt das Bild der zupackenden Vermieterinnen aus Kroatien, im gesamten Mittelmeerraum war‘s üblich, und wer sie noch heute kennenlernen möchte, mag auf die kleinen Inseln fahren; auf Fourni, Lipsi, Astipalea und Kastellorizo soll ihr „Rooms, Rooms“ noch heute zu hören sein.

Ich ende hier heute, Sie verzeihen, aber ich muss jetzt schnell zum Strand. Platz hat man da ja immer, ganz leer aber ist er morgens um acht. Ein kleiner Spaziergang tut meinen Knochen gut. Und vielleicht halte ich danach die Füße noch etwas ins Wasser …

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