Alkohol trinkt er bereits seit Jahren nicht mehr, geht selbst dem kleinsten Tropfen aus dem Weg. Dem Rauchen hat er schon lange abgeschworen, Fleisch kommt ihm nicht mehr auf den Teller. Das mit den Fetten ist überhaupt so eine Sache; bei Salz ist er zurückhaltend. Natürlich treibt er Sport, regelmäßig, täglich, und seinen Blutdruck kontrolliert er mehrmals die Woche. „Da geht jemand sehr bewusst und verantwortungsvoll mit seiner Gesundheit und seinem Leben um“, dachte ich am Anfang unserer zufälligen Begegnung.
Als Rentner habe ich mehr Zeit als vorher in meinem Leben. Gern lasse ich mich nun häufiger auf solche zufälligen Bekanntschaften ein. Das Café am Lietzensee lädt aber auch dazu ein. Auch andere haben hier Zeit oder nehmen sie sich einfach. Die Sonne schien noch – oft wird man hier in diesem Jahr nicht mehr sitzen können. Dann kommt der Regen, später vielleicht der Schnee.
Tim ist 40 Jahre alt, ein hübscher Typ, salopp und modisch gekleidet. Sofort fallen mir seine hübschen Schuhe auf. Eine gute Marke, die hätte ich auch gerne. Sie sind mir nur zu teuer, und keine Sorge, ich mache jetzt keine Schleichwerbung für Schuhe. Auch sein Laptop ist teuer. Überhaupt ist er technisch gut ausgestattet, alles ist akkurat vor ihm auf seinem Tisch platziert. Neben ihm sitzt friedlich sein Hund, ein junger Golden Retriever, und dämmert vor sich hin. Einiges deutet auf konzentriertes Arbeiten hin, aber auch Tim lässt sich gerne ablenken, hat Lust zu plaudern. Oft sind Menschen besser als Maschinen.
Die KI wird es nicht nur richten, sie wird eher alles auf den Kopf stellen
Computer sind sein Thema. Die Programme, die Tim entwickelt, lassen sich gut verkaufen. Das nur am Rande: ein Jahresverdienst von 150.000 Euro, davon kann man prima leben. Unser eigentliches Thema ist aber schnell ein anderes: Tim träumt vom ewigen Leben, und wenn das dann nicht ewig sein sollte, dann sollten es doch vielleicht wenigstens 150 Jahre werden. Um sein Ziel zu erreichen, nimmt er einiges auf sich, lebt diszipliniert.
Meine Enkeltöchter sind ein, acht und zehn Jahre jung. Dass aus ihrer Generation vermutlich jeder sechste Mensch über einhundert Jahre alt werden wird, ich wusste es vorher. Dass das nicht nur schön ist, sondern auch Probleme machen kann, ist mir ebenfalls bekannt. So kämpft Japan bereits jetzt mit einer zunehmend überalterten Gesellschaft. Renten, Pflege, Einsamkeit, aber auch die Geburtenkontrolle sind nur einige Probleme. Werden wir alle älter, wird es ganz schön voll – und satt wollen wir ja auch noch werden.
Mehr Optimismus hat da Tim. Und in seinem Metier, speziell beim Einsatz der künstlichen Intelligenz, ist er auch Fachmann. Ich bin es nicht, und deshalb war auch Zuhören angesagt. Kurz: Die KI wird es nicht nur richten, sie wird eher alles auf den Kopf stellen, vieles, eigentlich alles, verändern. Die Technik und Maschinen nehmen uns alles ab. Und der Mensch hat dann ganz viel Zeit.
Nicht jede Unterhaltung tut mir gut
„Schöne neue Welt?“ Mein Kopf begann zu schwirren. Es ging weiter, einiges verstand ich nur leidlich: In der Forschung mit Affen entdeckten Wissenschaftler im letzten Jahr, dass das Diabetes-Medikament Metformin den Alterungsprozess des Gehirns um etwa sechs Jahre verlangsamt hat. Man arbeitet daran, Alterungsprozesse zukünftig allgemein erheblich verzögern zu können.
Bin ich technikfeindlich, gar Pessimist? Fehlt es mir an Vertrauen und Zutrauen? Fast hatte ich den Eindruck, Doktor Mabuse öffnete die Tür zur Hexenküche. Ich lernte mein Gegenüber etwas besser kennen. Tim lebt schon lange allein, im Homeoffice mit seiner Technik. Das Thema Einsamkeit ist ihm vertraut, Menschen sind es nicht. Immerhin gibt es seinen Hund, einen sehr guten Freund. Der „Lügenbaron Münchhausen“ kam mir in den Sinn. Der lebte nicht ewig, immerhin aber über einige Jahrhunderte. Bis er Liebe und Leben in Vergänglichkeit teilen wollte.
Nicht jede Unterhaltung tut mir gut. Ewig leben möchte ich nicht. Und so holte ich mir ein Bier, zündete mir eine Zigarette an und begann, mich auf meine Freundin zu freuen. Den Computer ließen wir an diesem Tag aus.
Lesen Sie hier mehr Kolumnen von Dieter Puhl




