Die Liebe kann Unglaubliches bewirken, manchmal sogar Berge versetzen – gerne wollen wir das glauben. Als ehrenamtliche Helferin lernte Claudia in einer Berliner Notübernachtung Gunter kennen – Gast dort, obdachlos, alkoholkrank, schwer von den Lebensumständen gezeichnet. Und nun, Jahre später, sitzen wir in einem griechischen Restaurant und feiern ihren fünfzehnten Hochzeitstag. Hier der zweite Teil ihrer Geschichte.
Die Platte mit dem geschmorten Lamm war lecker, hätte aber für fünf und nicht für drei Personen gereicht. Der Rest wird eingepackt. „Wenn du siehst, wie ein Mensch in Monaten auf der Straße um ein Jahrzehnt altert, zerreißt es dir das Herz.“ Ich sehe Claudia Sorge, Mitgefühl und ihre Traurigkeit an; ihr stehen die Tränen in den Augen. „Und ich konnte einfach nicht mehr, hatte Angst, bald zu sterben“, wirft Gunter ein. Die Straße ist ein Moloch – wir wissen das.
Claudia ist ein Mensch, der nicht zu Kurzschlussreaktionen neigt, kann mit Krisen umgehen, ist eher ein Kopfmensch. Sie brauchte damals auch drei Tage, überlegte hin und her, ging alles durch, fasste einen Entschluss, hatte schließlich einen Plan – verwegen, mutig. Genügend Platz hatte sie in ihrer Wohnung, Geld auch – sie verdiente als Filialleiterin einer Bank mehr als ausreichend. Verknallt, das war zu wenig, verliebt damals aber noch zu viel.
Auch interessant
„Du gehst so schnell wie möglich ins Krankenhaus“
Sie fasste sich ein Herz und konfrontierte Gunter in der darauffolgenden Nachtschicht mit dem Angebot, sofort bei ihr einzuziehen – unter einer Bedingung, einer deutlichen Forderung: „Du gehst so schnell wie möglich ins Krankenhaus, machst eine Entgiftung!“ „Ich war platt, das Angebot machte mich sogar fertig“, erinnert sich Gunter. In besagter Nacht tat er kein Auge zu. „Ich hatte einfach Angst, denn ich mochte sie auch.“ Gunter ging aber mit. Beide schlichen morgens aus der Einrichtung, zunächst getrennt, trafen sich am Hauptbahnhof wieder und hatten das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun. Sie empfanden natürlich richtig – ihr Verhalten war einfach ein No-Go, das konnte ich als Sozialarbeiter bekräftigen. Niemand hätte das gutgeheißen.
Auf der Fahrt zu Claudias Wohnung redeten beide kaum ein Wort. Gunter hatte seinen Rucksack, seine einzige Habe, dabei. An das erste gemeinsame Frühstück erinnern sich beide noch: „Ich auch an mein erstes Wannenbad seit Jahren“, sagt Gunter. Und dann kam der Saufdruck – „Ich war doch abhängig.“ Geld gab Claudia Gunter keines: „Nie hätte ich ihm welches für Alkohol gegeben.“
Betteln, Flaschen sammeln – die vermeintliche Idylle der beiden wurde unterbrochen. Gunter musste raus, wieder zurück auf die Straße, kam aber am frühen Nachmittag wieder. In den nächsten Tagen hatte er einiges zu tun; manches mit den Behörden war liegen geblieben. Glück im Unglück: Einen Ausweis hatte Gunter immerhin noch. Claudia half. Und dann stand bald sogar der Termin für die Entgiftung fest. Wieder begleitete Claudia – zwei weitere Male übrigens.
In der Notübernachtung arbeitete Claudia dann nicht mehr
Gunter wurde damals nach den Entlassungen schnell wieder rückfällig; Claudia aber blieb ruhig und meist gelassen. „Trinken oder ein warmes Nest?“ blieb damals ihre kontinuierliche Forderung. Beide verhehlen nicht: Es war eine schwierige Zeit. In der Notübernachtung arbeitete Claudia dann nicht mehr, hatte sich abgemeldet: „Das ging einfach nicht mehr.“ Es war ja auch ein Regelbruch!
Als Liebespaar machten beide damals keine Fortschritte. Es hatte mehr mit Respekt zu tun, war eher Zweck- und Wohngemeinschaft, auch Freundschaft. Doch langsam und behutsam nahm nach einer zwölfwöchigen Therapie im Schwarzwald alles Fahrt auf. Claudia besuchte Gunter mehrmals. „Mit einer Schnapsleiche zu knutschen oder sogar mehr, das war nicht mein Ding.“ Claudia lacht gerne und viel, und Gunter nimmt sie dabei in den Arm. „Es war und ist Arbeit mit der Sucht.“
Auch Jahre später ist nicht immer alles einfach für Gunter. Eine Therapie half sicher; sie ist abgeschlossen. Einmal wöchentlich besucht Gunter eine Selbsthilfegruppe – bis heute. Er hat wieder Halt im Leben. Ihre Partnerschaft und Liebe sind beiden wichtig; an der Arbeit hat er Freude, steht wieder auf eigenen Füßen. Das erste Mal die halbe Miete zu bezahlen, war gut. Beiden ist wichtig, eine Beziehung auf Augenhöhe zu führen. Die Heirat war schließlich das Sahnehäubchen.
Sie steht zu der Beziehung und ihrer gemeinsamen Geschichte
Wir haben Nachspeisen bestellt, bleiben quasi beim Thema: Etwas Joghurt mit Früchten und leckerem Honig wird gebracht. Claudias Freundes- und Bekanntenkreis ist kleiner geworden. Sie steht zu der Beziehung und ihrer gemeinsamen Geschichte. Nicht alle tun das. Für viele sind sie Exoten.
Wo aber liegt das Geheimnis der beiden? Ähnliche Geschichten habe ich als Sozialarbeiter mehrfach erlebt – und sonst gingen sie immer schief. Beide erzählen von Behutsamkeit und Achtsamkeit, vom autonom-bleiben, von Konsequenz – und auch von Vernunft bei aller Unvernunft. „Ich hätte Gunter wirklich rausgeschmissen, hätte er nicht mit dem Trinken aufgehört.“ Und Jesus hatte wohl auch seine Finger im Spiel – auch das möchten beide glauben. Ich lasse sie gerne dabei; einige schräge Geschichten mit ihm habe ich auch erlebt.




