Was ich an Berlin mag, sind die unerwarteten positiven Überraschungen im Alltag. Neulich zum Beispiel. Ich war auf dem Rückweg aus Prenzlauer Berg Richtung Stadtmitte und nahm, was ich selten tue, eine Straßenbahn. Ich wunderte mich, wie voll die Bahnen waren. Und bewunderte die Disziplin der Menschen. Keine lauten Handys. Kein Gebrüll, kein kopfhörerbedingt rücksichtloses Gedrängel wie in den U-Bahnen, keine herumrollenden Bierflaschen. Ich sah sogar Menschen mit Büchern! Es war wie in einer anderen Stadt. Und es wurde noch besser. Wenig später genoss ich eine ungeplante Mini-Stadtrundfahrt per BVG-Bus durch Mitte.
Am Alexanderplatz wollte ich mit dem Bus weiterfahren, weil auf der U2 gebaut wird. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben einen Ersatzverkehr mit Bussen zwischen den Bahnhöfen Senefelderplatz und Stadtmitte eingerichtet, der in mehrfacher Hinsicht rekordverdächtig schien. Auch deswegen wollte ich mitfahren. Vielleicht hat die Deutsche Bahn mit ihrem „größten Schienenersatzverkehr, den es je gab“ Richtung Hamburg eine Art Ersatzverkehr-Contest der Verkehrsbetriebe ausgelöst – jedenfalls sieht es aus, als habe die BVG die Herausforderung angenommen.
Seit Tagen sieht man viel BVG-Gelb zwischen Alexanderplatz und Bahnhof Stadtmitte. Riesige gelbe Gelenkbusse schaukeln durch Nebenstraßen, manchmal gleich drei oder vier hintereinander. Irgendwo an der Glinkastraße muss eine Art Nest sein, jedenfalls scheint ein Busstrom von dort zu kommen.
Ausufernde Baustellen, aufgetürmte E-Scooter, allerhand Schilder
Selbst mitgefahren war ich bisher nicht. Denn die U-Bahnlinie U2 ist zwar nützlich, doch es gibt viele Ausweichmöglichkeiten mit anderen Verkehrsmitteln. Die fast parallel verlaufende U5, verschiedenste Busse und Straßenbahnen. Manche U-Bahnhöfe liegen auch so nah beieinander, dass man zu Fuß fast genauso schnell da ist. Auf die U2 kann man auch mal verzichten, finde ich, sofern man sich einigermaßen auskennt, eine Verkehrsapp oder Google hat. Auch vor zwei Jahren, als die U2 wegen des abgesackten Tunnels monatelang unterbrochen war, wurde das Problem mit Pendelverkehr gelöst, nicht mit Bussen. Das gab allerdings viel Kritik. Vielleicht fahren auch deswegen diesmal Busse.
Warum diese dennoch erstaunlich leer sind, erahnte ich am Alex. Bis ich endlich die richtige Haltestelle fand, lief ich bestimmt 20 Minuten hin und her. Zwischen ausufernden Baustellen, aufgetürmten E-Scootern und allerhand Schildern. Baustellenbedingt sind offenbar auch reguläre Bushaltestellen verlegt, außerdem gibt es solche, an denen Busfahrer nur Pause machen. Schließlich schloss ich mich einer Traube Menschen an, die sich vor der früheren Markthalle an der Karl-Liebknecht-Straße sammelte. Minütlich rauschten neue Busse heran. Als der Ersatzbus endlich kam, war ich der einzige Fahrgast. Als ich die Route googelte, sah ich einen weiteren Grund für die Leere: Der Ersatzbus fährt nicht alle U-Bahnhöfe der U2 an, sondern hält teils entfernt.
Der Ersatzbus schob sich in einer Kolonne aus regulären Bussen voran

Mir war das egal, ich wollte bis zu Endstation – und genoss eine interessante Fahrt in einer Art Geisterbus. Ohne Fahrgäste sind diese, von innen betrachtet, wirklich riesig. Beschaulich ging es vorbei am Fernsehturm, nach einem Blick auf Dom und Rotes Rathaus weiter Richtung Fischerinsel, es folgten Spittelmarkt und die Endstation an der Leipziger Straße (“Stadtmitte“), wo es wieder in die U2 geht. Wegen des Staus hatte ich ausreichend Zeit, mir die aufgewühlte Grünfläche am Marx-Engels-Forum genau anzuschauen. Wo sind eigentlich Marx und Engels? Erschreckend fand ich, nebenbei, auch die riesigen Obdachlosenlager unter den S-Bahnbrücken.

Mein Bus schob sich in einer Kolonne aus regulären Bussen auf der Busspur voran, daneben stauten sich Straßenbahnen hintereinander. Das Display des Busses riet zudem, sich den „Muva“-Kleinbus zu bestellen, sofern man auf einen Fahrstuhl im U-Bahnhof Senefelder Platz angewiesen sei. Wenn Sie auch mal mögen: Das Schienenersatzvergnügen auf der U2 gibt es noch bis zum 2. November.
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