Polizisten kesselten die Demonstranten ein, verprügelten diese, griffen sich einzelne heraus und misshandelten sie. Der West-Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras erschoss am 2. Juni 1967 den Demonstranten Benno Ohnesorg. Danach bebte die Stadt. Die Demonstration gegen den Staatsbesuch des iranischen Schah Mohammad Reza Pahlavi im Juni 1967 war ein einschneidendes Ereignis in der bundesdeutschen und West-Berliner Geschichte.

Ich war damals gerade elf Jahre alt geworden und lebte als Landei sorglos in Altenholz bei Kiel, einem kleinen Dorf mit 350 Menschen. Als Kind bekam ich wenig vom Geschehen in West-Berlin mit. Einiges erfuhr ich ausgerechnet aus der „Bild”-Zeitung. Die brachte meinen Vater jeden Abend nach der Arbeit mit nach Hause. Studentenunruhen, Terrorismus, Straßenkämpfe, „Bild“ hatte einen sehr speziellen Blick auf das Leben damals und auf Berlin. Die Schule, etwas Bildung, später mein Konfirmandenunterricht, Freunde – im Laufe der Jahre kam mir vieles in der „Bild“ doch etwas spanisch vor. Das führte zu mancher Auseinandersetzung im Elternhaus.

Mit 15 Jahren besuchte ich meinen Cousin Harry in West-Berlin. Grenzkontrollen und die Transitstrecke schreckten mich ab. Was ich in den nächsten Tagen erlebte, war anders als mein gewohntes Leben. Berlin sah anders aus, roch fremd, schmeckte ungewohnt.

„Die haben ja alle keine Gardinen vor den Fenstern“, dachte ich

Mein Domizil war in der Stephanstraße in Moabit. Hinterhöfe kannte ich nicht, Außentoiletten auch nicht, türkische Nachbarinnen und Nachbarn waren mir fremd. Italiener, Jugoslawen, Franzosen, Engländer, Amerikaner und andere, schwule Männer, lesbische Frauen, alle trafen sich auf diesem Hinterhof, um gemeinsam Federball zu spielen, zu leben und Spaß zu haben. Jemand brachte einen Kasten Bier mit, andere Wein, einige kifften lieber. Alle waren freundlich. Das Essen war ungewohnt: Oliven, Fladenbrot, Auberginen, Pizza, Zucchini, ich kannte das alles nicht. Es schmeckte einfach wundervoll.

„Die haben ja alle keine Gardinen vor den Fenstern“, dachte ich. Bei meinen Eltern hatte es mich immer gestört, wenn die Vorhänge schon um 19 Uhr zugezogen wurden. In meinem Dorf lebten damals alle abgeschottet, jegliches Anderssein wurde versteckt. Hier in Berlin war das Leben öffentlicher, nach außen gekehrt.

Mein Kulturprogramm der nächsten Tage und Nächte war eher ein Kneipenprogramm: Aschinger war harmlos, der „Leierkasten“ (eine Jazzkneipe) war beeindruckend, die Weindestille „Leydicke“ war exotisch, das „Sounds“ oder noch sein Vorläufer war laut, schrill und bunt, das „International“ war ein anderer Planet, eine riesige Diskothek für amerikanische Soldaten. Ich brauchte Tage, um mich davon zu erholen. Und ich fühlte mich frei.

Albertz’ Courage und Mut beeindruckten mich schwer

1975 zog ich nach Berlin. Ich absolvierte im Evangelischen Johannesstift in Spandau meine Ausbildung zum Diakon. Kurz vorher, 1974, hatte der Berliner Bischof Kurt Scharf die Terroristin Ulrike Meinhof im Gefängnis besucht. Es ging um Seelsorge und darum, dass Gott keinen Menschen aufgibt. Nur dachten etliche damals anders. Es brodelte immer wieder in Berlin.

Im Februar 1975 war der CDU-Politiker Peter Lorenz von der sogenannten „Bewegung 2. Juni” entführt worden. Der damalige Regierende Bürgermeister Berlins, Heinrich Albertz, stellte sich als Geisel zur Verfügung, um die Freilassung des Politikers zu ermöglichen und begleitete freigepresste Terroristen in den Südjemen. Peter Lorenz wurde freigelassen, Heinrich Albertz konnte unversehrt zurückkehren.

Im Februar 1975 wird der Berliner CDU-Landesvorsitzende Berliner Peter Lorenz von der linksextremen Terrorgruppe „Bewegung 2. Juni“ entführt.
Im Februar 1975 wird der Berliner CDU-Landesvorsitzende Berliner Peter Lorenz von der linksextremen Terrorgruppe „Bewegung 2. Juni“ entführt. © picture-alliance / dpa | dpa

Entführungen und Terrorismus lehnte ich ab, Albertz’ Courage und Mut beeindruckten mich schwer. Reuter, Brandt, Albertz waren beeindruckende Bürgermeister für mich, ihr politisches Wirken hatte die Stadt geprägt.

Wenn aus lauter Freiheit Unverbindlichkeit geworden ist und wir einfach zu wenig streiten

Manchmal streiten wir Menschen im Großen, damit wir Freiheit im Kleinen, in unserem Alltag, leben können. Ich spürte das damals von meiner ersten Sekunde an in Berlin. Hausbesetzungen, Innensenator Heinrich Lummer (CDU), der einen harten Kurs fuhr gegen linke Aktivisten und Hausbesetzer - die Stadt kam vorerst nicht zur Ruhe.

Und die politischen Auseinandersetzungen blieben heftig. Aus Auseinandersetzungen wurden im Laufe der Jahrzehnte, gut so, unterschiedliche politische Ansichten, die seltener auf den Straßen ausgetragen wurden. 1978 erschien in der „Zeit“ ein Artikel mit der Überschrift „Rückzug ins private Glück“, 1979 dann ein Aufsatz des Sozialforschers August Schülein, „Von der Studentenrevolte zur Tendenzwende oder der Rückzug ins Private“. - die Überschriften beschreiben die Entwicklung gut. Heute streiten wir eher in Talkshows, oder lassen streiten bei „Lanz“ und „Miosga“. Seltener tragen wir dies noch persönlich beim Weißwein oder Bier an den Stammtischen aus, die ja immer weniger werden.

Wenn aus lauter Freiheit aber Unverbindlichkeit geworden ist, wir einfach zu wenig streiten, denke ich manchmal, dass es durchaus wieder einmal knallen dürfte im Gebälk. Ich sehe das auch als ehemaliger Sozialarbeiter in der Obdachlosenhilfe. Wir bleiben leider als Gesellschaft recht gelassen, wenn obdachlose Menschen direkt vor unseren Türen sterben. Und Politikerinnen und Politiker sich mit billigen Argumenten herausreden.

Dieter Puhl hat mehr als 30 Jahre in der Wohnungslosenhilfe in Berlin gearbeitet. Neben sozialen Themen widmet er sich in seiner Kolumne „Nachtgestalten“ dem Älterwerden.
Dieter Puhl hat mehr als 30 Jahre in der Wohnungslosenhilfe in Berlin gearbeitet. Neben sozialen Themen widmet er sich in seiner Kolumne „Nachtgestalten“ dem Älterwerden.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

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