Kurt Scharf entzog sich der Herausforderung nicht. Vielmehr antwortete er am 23. April 1975 auf die Frage handschriftlich "In 15 Jahren! Aber dann werden die Papiere steigen - wegen des erhöhten Wirtschaftspotentials." Bischof Scharf war nach meiner Kenntnis der einzige, der einen so klaren Blick in die Zukunft hatte und die deutsche Einheit auf das Jahr genau voraussagte. Möglich wurde sie durch die friedliche Revolution vom Herbst 1989.

Vor zwei Jahrzehnten stehen erst Dutzende, später Hunderte von Menschen mit Transparenten vor der Gethsemanekirche am Ende eines Friedensgebetes. "Wachet und betet! - Mahnwache und Fürbitte für die zu Unrecht Inhaftierten", steht in großen Buchstaben auf den selbst gemalten Spruchbändern. Später kommen andere Slogans hinzu, auf denen "Keine Gewalt!" stehen wird. Auf einem Transparent findet sich das kühne Bibelwort: "Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen." Auf die Kraft des Gebets zu vertrauen und den Machthabenden in Ostberlin mit der Kerze in der Hand entgegenzutreten - das war der Geist, aus dem die friedliche Revolution hervorging. In Berlin wie in Leipzig und in anderen ostdeutschen Städten.

Aber Geschichte lässt sich nicht im Vorhinein planen. Eine friedliche Revolution schon gar nicht. Die evangelische Kirche hat sich freilich in der ganzen Zeit der Teilung als Anwältin der deutschen Einheit verstanden. Sie hat auch in der Zeit, in der die Existenz zweier Staaten in Deutschland als unveränderbar erschien, die besondere Gemeinschaft der evangelischen Christen in Deutschland bewahrt und weiterentwickelt. Mauer und Stacheldraht hat sie keine letzte Autorität zuerkannt. Der Einschränkung der Religionsfreiheit wie der Einschränkung der Reisefreiheit hat sie aus dem Geist der Freiheit widerstanden. Sie hat zugleich Menschen dazu ermutigt, an dem Ort zu bleiben, an den Gott sie gestellt hatte, und ihrer Verantwortung dort gerecht zu werden. In den Monaten der Wende wuchs die Zahl derer, die sich dazu ermutigen ließen, ihren Protest auf die Straße zu tragen. Zugleich erhöhte sich der politische Druck auch dadurch, dass viele das Land verließen, um über Prag oder Budapest den Weg nach Westen zu finden.

Dass aus dem Fall der Mauer schnell Konsequenzen zu ziehen waren, galt für unsere Kirche ganz unstrittig. In unserer Berlin-brandenburgischen Kirche haben wir dafür einen Weg gewählt, der nicht den Charakter des "Anschlusses" trug. Es handelte sich um einen gemeinsamen Neubeginn.

Dabei waren die Ausgangsbedingungen denkbar unterschiedlich. Im alten West-Berlin hatte sich eine Großstadtkirche entwickelt - mit allen Rechten, die der evangelischen Kirche als Körperschaft des öffentlichen Rechts zukamen. Ihr stand auf der östlichen Seite eine Kirche gegenüber, die mit Berlin (Ost), der "Hauptstadt der DDR" sowie mit den brandenburgischen Städten in einem Flächenland beheimatet war und unter einem politischen System lebte, das sich auf dem Weg zur "entwickelten sozialistischen Gesellschaft" glaubte und die Kirche nur als vermeintliches Übergangsphänomen betrachtete. Der DDR-Ideologie zufolge war Religion eine Privatsache, die sich mit dem Fortschritt des Sozialismus von selbst erledigte. Die Diskriminierung von Christen in Schule, Ausbildung und Beruf sollten das Ihre zum Aussterben des Christentums beitragen. In einer Gesellschaft, die von einer vermeintlich wissenschaftlich begründeten Weltanschauung bestimmt war, bestand für die Religion weder Platz noch Bedarf. Die Vorstellung, der christliche Glaube sei eine vorwissenschaftliche Weltanschauung, die durch den Siegeszug der Wissenschaft abzulösen sei, gehört ja zu den ideologischen Versatzstücken, die sich bei manchen bis heute gehalten hat. Ich war deshalb schon bald nach der Wende davon überzeugt, dass wir in den Kirchen wegen der Hartnäckigkeit solcher Mentalitäten beim Zusammenwachsen Deutschlands ein besonders schweres Stück Arbeit vor uns hatten. Diese Erwartung hat sich bestätigt. Die offizielle Religionspolitik hat in 40 Jahren DDR einen dramatischen Rückgang in der Zahl der Kirchenmitglieder bewirkt. Dennoch ist es gelungen, die Selbstständigkeit der Kirche zu erhalten und ihr Wort öffentlich zur Geltung zu bringen. Die Eigenständigkeit der Kirche, der aufrechte Gang von Christen, ihr Eintreten für Freiheit und Gerechtigkeit, für Frieden und die Bewahrung der Umwelt ebenso wie das Beharren auf Menschen- und Bürgerrechten waren ein wesentlicher Impuls für die friedliche Revolution. Die abnehmende Wirtschaftskraft der DDR und Gorbatschows Politik der Transparenz und Erneuerung bestimmten den Zeitpunkt der Wende. Zu einem solchen Rückblick gehört auch der kritische Blick auf problematische Kompromisse mit der staatlichen Ideologie oder unvertretbare Kontakte zum Ministerium für Staatssicherheit. Aber lebendige Beziehung zwischen den Kirchen in Ost und West, das klare Zeugnis vieler Gemeinden und die Unabhängigkeit der kirchlichen Verkündigung verdienen es, dauerhaft in Erinnerung zu bleiben. Der gemeinsame Glauben, die verbindende Tradition von Bibel und Gesangbuch, das mutige politische Zeugnis - "Schwerter zu Pflugscharen"! - sind anschauliche Beispiele für die besondere Rolle der Kirchen. Aber auch äußere Bedingungen waren hilfreich: Die Kirche war mit ihren Gebäuden und Büromaterialien, Vervielfältigungsgeräten und Telefonen, ihrem umfriedeten Gelände, im Zweifelsfall verwirrend vielen Türen, Ausgängen, Notausgängen, Kellern und Kirchtürmen für die Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen ein idealer Lebensraum. Bis zum Ende der DDR verfügten die Kirchen über ein eigenes Hausrecht, das auch Polizei und Staatssicherheitsdienst gegenüber geltend gemacht werden konnte.

Nicht zu vergessen ist der Kontakt vieler Pfarrerinnen und Pfarrer zu Journalisten westlicher Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehanstalten. Durch diese Kontakte konnten die westdeutschen Medien zur besseren Information derer beitragen, die sich in Menschenrechtsgruppen organisierten und zu Montagsgebeten und -demonstrationen zusammenkamen.

Die evangelische Kirche in der DDR war zudem die einzige Institution, die durch freie und geheime Wahlen, durch die offene Debatte sowie durch das Mehrheitsprinzip demokratischen Regeln folgte. Jeder kirchliche Mitarbeiter, ob er ehrenamtlich oder hauptamtlich tätig war, lernte dieses synodale Prinzip kennen. So konnte schon lange vor dem Mauerfall die Fähigkeit zur Integration und zur Leitung von Runden Tischen und Untersuchungskommissionen eingeübt werden. Wer anders hätte die Aufgaben übernehmen sollen, sie sich 1989/90 plötzlich stellten? Mit den Genossen der SED war kein Staat zu machen. Die Blockparteien fielen ebenfalls weithin aus. Ein Teil der Elite des Landes war schon lange ausgereist. Die Ängstlichen hatten noch zu wenig Zutrauen zu sich selbst.

In dieser Situation war es vor allem die evangelische Kirche, die Stellvertreterdienste leistete.

Wenn wir uns in den kommenden Monaten an die friedliche Revolution vor zwanzig Jahren erinnern, kann an ein Urteil angeknüpft werden, das Joachim Jauer, langjähriger DDR-Korrespondent des ZDF, in die Worte fasst: "Im Osten Deutschlands hat die evangelische Kirche die herausragende Rolle beim Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus gespielt. Sie hat sich der Gesellschaft geöffnet und bot Protestanten und Protestierern unter ihrem Dach Schutz. Weil nicht nur Christen den Raum der Kirche suchten, wurden die Gotteshäuser zum Ende der DDR so voll wie nie. Die Kirche hat den lange Zeit leisen Protest der Menschen verstärkt und sich vor die Bedrängten gestellt."

Daraus ergab sich freilich eine doppelte Aufgabe, die bis heute noch nicht abschließend gelöst ist. Sie besteht zum einen in der Ermutigung dazu, sich mit dem christlichen Glauben und seiner Bedeutung für das Wertefundament des einzelnen wie der Gesellschaft neu zu beschäftigen. Den anderen Teil dieser Aufgabe sehe ich in der Ermutigung zum bürgerschaftlichen Engagement und zu praktizierter Solidarität.

In solchen Fragen stehen wir gerade in Berlin noch vor großen Herausforderungen. Auch durch die Debatte um Volksbegehren und Volkentscheidung zu Religion und Ethik an der Schule wurde das illustriert. Auch die unterschiedlichen Sichtweisen in Ost und West traten dabei wieder hervor. Aber ohne Zweifel hat Berlin sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten erheblich verändert. Nicht mehr als "atheistisch", sondern als "multireligiös" wird unsere Stadt wahrgenommen. Dass Religion auch in Berlin nicht nur eine persönliche Bedeutung, sondern auch öffentliches Gewicht hat, wird deutlicher wahrgenommen. Wer meint, er könne sich dem entziehen, täuscht sich. Nicht, ob Religion und Ethik einen wesentlichen Beitrag zur Integration leisten, kann ernsthaft umstritten sein, sondern nur, wie das am besten zu geschehen hat.

Bildung ist der Schlüssel zur Integration. Gerade in Berlin, wo die Zahl der Arbeitsplätze nach dem Fall der Mauer stark zurückgegangen ist, ist Bildung ein besonderes Gut. Deshalb ist es besonders wichtig, dass eine umfassende Bildungsreform gelingt; die Schulreform ist nur ein Teil davon.

In der Zukunft wird es wichtig sein, dass Erzieherinnen so ausgebildet, anerkannt und gefördert werden, dass der Bildungsauftrag der Kindertageseinrichtungen sich im nötigen Umfang erfüllen lässt. Auch die finanzielle Ausstattung der Kitas muss dafür ausreichen, dass sie nicht nur als Betreuungsangebote, sondern als Bildungseinrichtungen wirksam werden. Auch Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, müssen bereits in der Kita die Chance erhalten, gute Deutschkenntnisse zu erwerben. Die soziale Herkunft darf nicht mehr über eine erfolgreiche Schulkarriere und den späteren Berufsweg entscheiden. Von der Elementarbildung bis zur Berufsausbildung und zur Universität hat Bildung einen entscheidenden Beitrag dazu zu leisten, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich nicht noch weiter öffnet.

Bereits 1997 haben die Kirchen als entscheidende Zukunftsaufgabe das Eintreten für Solidarität und Gerechtigkeit bezeichnet. Daran hat sich seitdem nichts geändert. Vielmehr stehen die sozialen Herausforderungen, die die Kirchen in ihrem damaligen Wirtschafts- und Sozialwort beschrieben haben, nach wie vor auf der Tagesordnung. Zunächst die Hartz-Reformen und nun zusätzlich die Wirtschaftskrise mit ihren bedrohlichen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt erfordern von sozialer Sensibilität gekennzeichnet ist. Zusammen mit dem Rundfunk Berlin-Brandenburg haben die Kirchen durch die Aktion "Laib und Seele" ein Zeichen für eine verstärkte Zuwendung zu Menschen in Not gesetzt. Die Stärke eines Gemeinwesens zeigt sich insbesondere am Los der Schwachen in der Gesellschaft.

Das muss auch zwanzig Jahre nach der friedlichen Revolution ein entscheidender Maßstab für politisches und gesellschaftliches Handeln sein.