Mein längster Lauf hat knapp fünf Stunden gedauert. Und ich muss sagen: Egal, wie viel Spaß der Sachsen Trail auch gemacht hat, ich war doch froh im Ziel angekommen zu sein. Umso unvorstellbarer ist es deshalb für mich, was Ultraläufer in ihren Rennen bewältigen. Welche Distanzen sie zurücklegen und vor allem, wie viele Stunden sie auf den Beinen sind. In Berlin war das erst am vergangenen Wochenende zu beobachten, beim Berliner Mauerweglauf, der auf rund 162 Kilometern durch und um die Stadt führt. Für mich ist es jedes Mal wieder erstaunlich, wie viel ein menschlicher Körper leisten kann.

Das gilt einerseits, wenn ich mir die Zeit des Siegers anschaue. Der schnellste Läufer hat für die 100 Meilen nur gut zwölfeinhalb Stunden gebraucht, die schnellste Frau ist gerade noch unter 14 Stunden geblieben. Wenn ich die Zeit des Gewinners auf eine Marathon-Distanz herunterbreche, die während des Mauerweglaufs insgesamt knapp viermal bewältigt werden muss, dann hat er für einen Marathon im Schnitt etwas mehr als drei Stunden und 15 Minuten benötigt. Und war damit noch etwa eine Stunde und 15 Minuten schneller als ich im vergangenen Jahr beim Berlin-Marathon. Mit dem Unterschied, dass für mich nach den 42 Kilometern Schluss war und nicht noch rund 120 weitere gelaufen werden mussten.

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Ähnlich beeindruckend sind für mich die Läuferinnen und Läufer, die als letzte ins Ziel gekommen sind. Bei 30 Stunden lag das Zeitlimit. Der Teilnehmer, der als Letzter die Ziellinie überquert hat, hat es fast vollkommen ausgereizt, gut 29 Stunden und 50 Minuten war er unterwegs. Um auch hier noch einmal den Vergleich zu ziehen: Ich war nach fünf Stunden ganz zufrieden, dass mein Lauf zu Ende war. Die letzten Finisher des Mauerweglaufs waren fünf Stunden plus einen ganzen weiteren Tag auf den Beinen. Am Ende, so vermute ich es zumindest, ist eine solche Leistung wahrscheinlich eine Willens- und Glaubensfrage. Man muss es schon sehr wollen, den Mauerweglauf zu absolvieren, um fast 30 Stunden durchzuhalten. Und gleichzeitig sehr an sich selbst glauben und daran, dass man es wirklich schaffen kann.

Ein Blick in die Ergebnisübersicht zeigt aber auch: Es muss vieles zusammenpassen, um eine derartige Distanz erfolgreich ins Ziel zu bringen. Denn die Liste an Läuferinnen und Läufern mit einem vermerkten „DNF“ (kurz für „did not finish“), die das Rennen also nicht beenden konnten, ist lang. Die Gefahr, sich selbst zu überschätzen, besteht beim Laufen immer, auch bei kürzeren Distanzen. Das gilt auch für die Gefahr einer Verletzung oder Überlastung von Muskeln und Sehnen. Aber klar ist: Das, was dem Körper bei einer Strecke von 162 Kilometern abverlangt wird, ist noch einmal extremer. Zu erkennen, wann aus einer hohen Belastung eine zu hohe wird, ist entscheidend. Und ein Abbruch so manchmal der einzig richtige Schritt, auch wenn er nicht leicht fällt.

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Die Liste an Startern, die das Ziel nicht erreicht haben, ist lang

Auch vor diesen Starterinnen und Startern habe ich deshalb Respekt. Dafür, dass sie es versucht, aber schließlich doch ihre eigene Gesundheit priorisiert haben. Und vor allem, weil die eigentliche Arbeit nicht im Rennen selbst, sondern in der Vorbereitung liegt. Das werden auch die meisten Marathon- und Halbmarathonläufer bestätigen können: Ja, auch der Wettkampf kann anstrengend werden, aber weitaus anstrengender – und zeitintensiver – sind die vielen Läufe in den Monaten vorher. Und bei einem Ultramarathon werden sicherlich noch deutlich mehr Stunden ins Training fließen.

Mich selbst sehe ich deshalb nicht auf einer Ultra-Distanz – zumindest nicht in nächster Zeit. Dass man niemals nie sagen sollte, habe ich schon beim Marathon gelernt. Noch vor zwei Jahren hätte ich geschworen, im Leben keinen Marathon zu laufen. Aber man muss ja auch nicht alles selbst machen, um die Leistung anderer zu würdigen. Und für sich die Motivation daraus zu ziehen, dass oft viel mehr möglich ist, als man es anfangs glauben mag.