- Die BVG appelliert an die Benutzer von Bussen und Bahnen
- Kritik an der Verwendung des Begriffs „Achtsamkeit“
- Probleme mit sozialen Umgangsformen und Sauberkeit im ÖPNV
Es gibt ja Nachrichten aus Berlin, die erst so richtig wirken, wenn sie Schlagzeilen machen. So war es im Dezember mit dem Appell der BVG, in Bussen und Bahnen Musik und Videos leiser zu stellen. „Bitte nehmt Rücksicht. Musik, Tiktoks und Telefonate gehören ins Ohr und nicht über Lautsprecher abgespielt“, so lautete die Durchsage – gut verständlich für alle, die gerade keine laute Musik hörten, die nicht per Lautsprecher und Videobild stundenlang telefonierten oder per „Boombox“ die Mitfahrenden beschallten.
Ganz ähnlich war es schon im Frühjahr mit den Ansagen in BVG-Bussen, man möge sich doch bitte festhalten. Ach, wirklich?, hatte ich gedacht. Allenfalls der Spruch, „bitte sei achtsam, vielleicht braucht jemand deinen Sitzplatz dringender“ beschäftigte mich länger. Nicht wegen des Appells, der natürlich wiederum nicht jene erreicht, die breitbeinig auf zwei Sitzplätzen fläzen, sondern allenfalls ebenfalls Menschen zum Aufstehen bringt, für die es eigentlich eigene Sitzplätze geben sollte – Mütter mit kleinen Kindern zum Beispiel.
Das Wort, was mich störte, war die „Achtsamkeit“. Der Begriff stammt ja eigentlich aus der Psychologie, wird aber inzwischen gerade in Berlin so inflationär verwendet, dass ich den Eindruck habe, trotz aller Achtsamkeitszentren, Kurse und Appelle nimmt der Achtsamkeitsmangel zumindest im öffentlichen Raum immer noch zu. Wenn Sie jetzt einwenden, ich verwende den Begriff falsch, liegen Sie vermutlich richtig. Mir persönlich würden Begriffe wie Aufmerksamkeit und Rücksicht ausreichen, aber das ist wahrscheinlich zu wenig clicky und altmodisch.

Tags zuvor war ich im U-Bahnhof Potsdamer Platz in eine widerliche Situation geraten
Andererseits sind die Manieren, wie meine Mutter es genannt hätte, in Berlin inzwischen an einem Punkt angelangt, der vielleicht noch ganz andere Begriffe erfordert. Was wohl auch bei der BVG aufgefallen sein muss, die nun mit einer weiteren Ansage nachlegte: „Berlin ist hart, aber echt, seid nett zueinander“, so hörte ich es im Dezember an den U-Bahnsteigen. Da musste ich dann doch lachen.

Tags zuvor war ich im U-Bahnhof Potsdamer Platz in eine so widerliche Situation geraten, dass ich länger überlegt hatte, ob ich sie überhaupt aufschreiben sollte. Ich lief den Bahnsteig entlang, als ich es plötzlich plätschern hörte. Vor mir stand ein Mann, breitbeinig, der sich mitten auf dem Bahnsteig erleichterte. Nicht verschämt, wie man vielleicht hätte erwarten können. Sondern mit einem dümmlichem Grinsen, als erwarte er, für das, was er herzeigte, auch noch bewundert zu werden.
Angewidert legte ich einen Schritt zu, nur um festzustellen, dass der Mann hinter mir herlief - beziehungsweise zu zwei Männern, die auf ihn warteten. Im Laufen knöpfte er seinen Hosenstall zu, nahm von den Kumpels eine Bierflasche entgegen, dann stiegen die drei in die Bahn. Es war mittags, drei normal gekleidete Männer, vielleicht zwischen 30 und 40 Jahre alt. Vielleicht Touristen, überlegte ich, die den Weihnachtsmarkt mit dem Oktoberfest verwechselt hatten.
Wire sollten die BVG-Ansage zum Nettsein einfach mal umdrehen
Ich verdrängte die Szene, bis ich einen weiteren Appell der BVG auf einem Plakat las: 48 Stunden würden Aufnahmen der Videoüberwachung im ÖPNV aufbewahrt – man solle nicht zögern, „queerfeindliche Gewalt“ anzuzeigen. Damit hatte die widerliche Szene vom Mittag zwar nichts zu tun, dennoch überlegte ich: Hätte ich den Mann anzeigen sollen? Hätte es was gebracht?
Vielleicht ja. Wenn wir schon über „Achtsamkeit“ reden, also: die nicht wertende Offenheit gegenüber allem, dann sollten wir vielleicht mit den alltäglichen Dingen anfangen, die wir einfach so hinnehmen. Und die BV-Ansage mal umdrehen: Wir sind Berliner, wir sind nicht „nett“ , sondern „hart“. Zumindest zu Idioten.
Vermutlich bin nicht die einzige ÖPNV-Nutzerin, die ganze Liste von Orten anlegen könnte, an denen man weite Umwege in Kauf nimmt, um bestimmte Bereiche zu meiden. Erstes Beispiel: Die vollgepinkelten Durchgänge im Bahnhof Lichtenberg zwischen U- und Regionalbahn. Kennen Sie auch solche Ecken?
E-Mail: stadtflucht@funkemedien.de
Mehr Kolumnen aus der Rubrik Stadtflucht
- Obdachlosigkeit: Das ist das traurigste Auto von Berlin
- Einsamkeit: Warum Menschen die Weihnachtstage fürchten
- Umgangsformen: Das ist Kreuzbergs neuester Peinlich-Trend


