Erinnern Sie sich? Vor vier Jahren wurde das Weihnachtsfest zum politischen Spielball. Die Corona-Pandemie beherrschte jedes Thema, und die Politik erbittert um die privatesten Dinge – so auch um die Gästezahl unterm heimischen Christbaum. Durfte die erweiterte Familie fünf oder zehn Mitglieder haben? Nur die Kernfamilie, auch Oma und Opa, und was war mit Cousins und Cousinen? Armin Laschet (CDU), damals nordrhein-westfälischer Ministerpräsident mit Kanzlerschafts-Ambitionen, setzte noch eins drauf: Es werde „das härteste Weihnachten, das die Nachkriegsgenerationen je erlebt haben“, prophezeite er, als stünde eine Katastrophe bevor.

Später relativierte er das etwas. Natürlich sei Weihnachten in den Flüchtlingslagern auf Lesbos und den Elendsvierteln von Afrika noch schlimmer. Dennoch: Weihnachten werde Verzicht bedeuten. Verzicht auf was? Pandemiebedingt getrennte Weihnachten zu feiern, dachte ich damals, ist sicherlich enttäuschend. Aber deswegen ist man nicht ja unbedingt gleich einsam, verlassen und von „Härte“ betroffen.

An Weihnachten ist alles geschlossen, wo Einsame Gemeinschaft finden

Ich glaube, diese Diskussion machte es für jene noch schlimmer, die ohnehin jedes Weihnachten fürchten. Weil sie keinen Menschen haben, der an sie denkt, nicht nur an Feiertagen, sondern das ganze Jahr über. Sicher, es gibt tolle Angebote für Menschen ohne Weihnachtsanschluss. Allein über die Plattform nebenan.de haben deutschlandweit 15.000 Menschen Aktionen für ihre Nachbarn organisiert. Vom gemeinsamen Balkonsingen in Kreuzberg bis zum Backen für den guten Zweck in Charlottenburg. Mein Favorit in Berlin ist der Weihnachtsgottesdienst der Berliner Stadtmission im Hauptbahnhof (ab 22 Uhr). Es gibt Kneipen, die eigens für Weihnachts-Einsame öffnen. Und ein paar offene Schwimmbäder.

Doch meisten Orte, an denen Einsame im Alltag Gemeinschaft finden, Kaufhäuser, Bibliotheken, öffentliche Kantinen, alles hat zu. Allein elf Prozent aller Rentner in Deutschland sind an Weihnachten allein, hat gerade eine Studie ergeben. Wie viele sind es wirklich, gerade auch bei den Jüngeren? Ein Heiliger Abend voller Selbstzweifel, Hadern mit dem Leben oder auch Trauer um Menschen, die nicht mehr da sind: Ich glaube, Einsamkeit gehört zu den letzten großen Tabus der Gesellschaft. Und zu den Dingen, die viele nur sehr ungern eingestehen, nicht mal sich selbst.

Als Studentin bin ich einige Jahre Taxi gefahren, nachts und auch an Heiligabend. An diesen Abenden war alles anders. Eine Mischung aus chaotischen Familien, die mit Geschenke- und Essensbergen das Taxi enterten, aus unfassbar aufgeregten Kindern und besorgten Großeltern. Und aus Menschen, die einfach unterwegs waren, um nicht alleine zuhause zu sitzen.

Die Berliner packten an Weihnachten ihre schönste, raue Herzlichkeit aus

Ich bekam Schokonikoläuse geschenkt und Nachfragen, wieso ich ausgerechnet an Heiligabend arbeiten müsse. Ich musste es gar nicht. Es waren einfach alle Freunde bei ihren Eltern, ich aber hatte eine zerstrittene und zudem weihnachtsfeindliche Familie. Ich fühlte mich aufgehoben in der Zufallsgemeinschaft im Taxi. Zumal die Berliner, also die echten, an Weihnachten ihre schönste, raue Herzlichkeit auspackten, für die man diese Stadt einfach lieben muss.

Ich bin kein besonders gläubiger Mensch, aber die Weihnachtsgeschichte habe ich immer auch dafür gemocht, dass sie eine Erzählung von der Verlorenheit ist. Von Menschen, die nicht wissen, wohin. Für mich gehört zum Weihnachtswunder die Erkenntnis, wie unfassbar einfach es oft ist, diese Einsamkeit wenigstes für einen Moment zu durchbrechen - für uns, die Nicht-Einsamen. Eine Frage, ein Blick, eine freundliche Geste, ein Gespräch können reichen, um jemandem das Gefühl zu geben, nicht egal zu sein. Nicht unsichtbar. Eben ein Mensch.

Wenn ich es schaffe, werde ich mich mit meinem Dorf heute Abend in der Kirche treffen. Zum Singen. Niemand muss dafür singen können, im Gegenteil. Es geht um den Moment des gemeinsamen Singens: Auch so ein kleines Weihnachtswunder. Ich wünsche Ihnen, in diesem Sinne, wunderbare Festtage!

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