■Morgens um halb sieben wollen am Bahnhof Zoo alle nur eins: weg. Die einen rennen mit Kaffeebechern in der Hand zu den Zügen, andere drängen mit angewiderten Mienen aus der Bahnhofshalle. Drinnen stinkt es durchdringend nach Urin. Auch an der Hertzallee rauscht der erst Bus Nr. 100 des Tages eilig heran, pünktlich um 6.29 Uhr. Der Fahrer ruft „Guten Morgen!“ durch den fast leeren Doppeldecker und gibt schon wieder Gas. Eine Minute später ist er nicht mehr allein. Vor dem Bahnhof Zoo wartet die allgegenwärtige Menschentraube unter der blinkenden Leuchtanzeige: „100 Alexanderplatz“. Wie immer. Um Punkt 6.30 Uhr beginnt der hier tägliche Wahnsinn auf dem 100er, Berlin weltberühmter Buslinie. Wer sitzt drin? Wir fahren einen Tag lang mit.

06.35 Uhr Zoologischer Garten – Alexanderplatz

Die ersten Fahrgäste tragen den Duft von Deo und Parfüm in den Bus, von Schweiß und gerade gerauchten Zigaretten. Zwei Bürodamen lassen sich in die Sitze sinken: „Berlin ist heißer als Afrika!“ Ein Bauarbeiter vertieft sich in sein Handy, eine junge Frau stöpselt die Kopfhörer ein. Die Frühschicht Berlins ist im 100er auf dem Weg zur Arbeit. Das Oberdeck bleibt leer. Wo sind die Touristen?

Für sie ist die Linie bekannt. In jedem Reiseführer wird sie empfohlen, um die wichtigsten Sehenswürdigkeiten zwischen Zoo und Alexanderplatz schnell und preiswert zu entdecken. Zwar gibt es zahllose Alternativen. Schiffe, Kutschen, Rikschas und private Sightseeing-Busse. Doch sie sind wesentlich teurer als die BVG, wo eine Tageskarte schon für 6,90 Euro zu haben ist. Aber das Original ist eben der 100er Bus der BVG ­– knapp eine Million Fahrgäste steigen pro Jahr ein. „Der attraktivste Platz ist eindeutig die erste Reihe ganz oben, direkt über dem Busfahrer“, empfiehlt auch Visit Berlin, der offizielle Tourismus-Werber der Stadt.

06.40 Uhr. Noch immer ist das Oberdeck leer. Der Bus röhrt fast leer Richtung Tiergarten. Aus dem Busfenster sieht man, wie die Stadt erwacht. Jogger rennen durch den Park, sie laufen auf Bürgersteigen und quer über die Straßen, sie haben Hunde dabei und machen Dehnübungen an Ampeln. Die Spree glitzert in der aufgehenden Sonne, am Paul-Löbe-Haus schläft ein Mann auf der Wiese. Touristen? Sie sieht man allenfalls hinter Glas, in den Lobbys der Hotels beim Frühstück.

Die Ansagestimme hallt einsam durch den leeren Bus. Staatsoper, Bebelplatz, Lustgarten, der Bus hält nicht. Um zehn vor sieben ist der 100er schon am Alex. Einmal das ganz große Berlin-Panorama für sich allein haben, und das in nur 20 Minuten: Das ist schöner als Fliegen. Wer das will, muss einfach frühmorgens kommen. Geheimtipp!

07.07 Uhr Alexanderplatz – Zoologischer Garten

Ah, hier: An der Haltestelle am Alex stehen die ersten Touristen. Das Paar in Shorts, Sandalen und Sonnenhüten sieht eher nach Strand als nach Stadtbesuch aus. Nervös studieren sie den Fahrplan der Starthaltestelle am Alex. Er guckt suchend zu den gelben Bussen hinüber, deren Fahrer Pause machen. Schließlich läuft er hinüber und versucht am 100er, durch die geschlossene Tür eine Auskunft zu bekommen. Ohne Erfolg.

An der Haltestelle sitzt eine lesende Frau. Im Schatten unterhalten sich zwei elegante Damen über eine Modeboutique. Hinter dem Bauzaun palavert eine Baubrigade aus Nordafrikanern auf Französisch. Eine junges Schwedin mit Koffer spricht aufgeregt alle an: „Wo fährt der Bus nach TXL?“ Parallelwelten an der Bushaltestelle, auch das ist Berlin.

Das Paar mit den Hüten lässt zwei 200er Busse fahren und nimmt erst nach 20 Minuten den ersten 100er Bus. Am Reichstag steigen die beiden wieder aus und schauen sich zufrieden an: Alles richtig gemacht. Linie 200 fährt zwar auch zum Zoo, wäre aber zwischendrin abgebogen zum Potsdamer Platz. Abenteuer Reisen: Nur wer etwas wagt, kann auch etwas erobern. Selbst in Berlin, dessen öffentlicher Nahverkehr heute als weltweit beispielhaft gilt.

1990 war das anders. Als die Linie 100 im Herbst 1990 ihre erste Fahrt aufnahm, war die Linie als touristische Attraktion gedacht – aber sie war auch ein organisatorisches Wunder. Noch gab es ja zwei Verkehrsbetriebe, unterschiedliche Tarife, an vielen Stellen stand noch die Mauer. Die Linie 100 war 1990 ein Abenteuer, auch für viele Berliner. Denn auch von ihnen kannten viele den jeweils anderen Teil der Stadt nicht oder nicht mehr.

08.00 Uhr. Am Reichstag steigen drei gut gelaunte ältere Französinnen ein. Sie waren zu früh für die Besichtigung der Kuppel. Jetzt wollen sie zur Gedächtniskirche. Der Busfahrer nennt ihnen die Haltestelle: „Breitscheidplatz“, und als sie den Namen unsicher wiederholen, übt er mit ihnen wie im Sprachunterricht. „Brrrreitscheidplatzzz!“

Als der Bus dort ankommt, macht der Fahrer eine extra Ansage: „Sie wollten doch hier aussteigen? Bitte den Knopf drücken, sonst kommen Sie nicht raus!“

08.30 Uhr Zoologischer Garten – Alexanderplatz

Die Fahrgäste stehen jetzt Schlange am 100er Bus. Das Oberdeck ist im Nu voll. Die Berlin-Entdecker sprechen Italienisch, Spanisch, Japanisch und Deutsch. Schnell bilden sich Allianzen, um sich zurechtzufinden. „Ah, Sie sind auch Italiener? Piacere. Wissen Sie, ob dieser Bus zum Alexanderplatz fährt?“ Das Fahrtziel ist zwar in Leuchtschrift auch im Oberdeck gut zu lesen, aber man weiß ja nie.

Vorne werden Kinder platziert wie auf einer gefährlichen Schiffspassage. „Hinsetzen, festhalten, guck nach vorn!“ Es dauert, bis der Bus losfahren kann. Auch am Lützowplatz bleibt der Bus schon wieder minutenlang stehen. Der Fahrer macht schließlich eine Durchsage: „Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass es im Oberdeck keine Stehplätze gibt.“ Die Niederländer übersetzen den Italienern die Bitte ins Englische. Auf der Treppe sagt eine Frau in schwäbischem Tonfall zu einer anderen: „Des hätt’ er auch gleich sage könne!“

An einer Ampel im Tiergarten stürzen zwei Japanerinnen aus dem Park Richtung Bus. Der Fahrer deutet durch die geschlossene Tür auf die Haltestelle. Die Japanerinnen bleiben stehen und schauen dem Bus enttäuscht hinterher. Möglich, dass auch Gesten kein internationaler Code sind. Tagsüber fährt der 100er alle fünf Minuten.

08.59 Uhr. Kurz vor der Kongresshalle schrecken alle Fahrgäste zusammen. Rummms! Der Bus ist durch ein Schlagloch gefahren. Alles rasselt und rumpelt. Am Reichstag steht der Bus später wieder. Durchsage: „Und bitte wieder Platz nehmen im Oberdeck oder wieder nach unten kommen...“ Ein italienisches Paar drängt sich durch in den Bus, zwei Fahrscheine in der Hand. Sie suchen den Stempelautomaten. Die Schwäbinnen von der Treppe stellen sich in den Weg. „Was soll das?“ Sie glauben, es ginge um einen freien Sitzplatz.

09.05 Uhr, Unter den Linden. Eine Gruppe Japaner verfolgt die Tour des Busses mit Karten-Apps auf ihren Handys. Das Ergebnis gleichen sie auf Stadtplänen ab. Im Bus herrscht konzentrierte Stille, nur unterbrochen von den Erfolgsmeldungen, wenn wieder ein Baudenkmal erreicht ist. Zeit, um aus dem Fenster zu schauen, bleibt kaum. Die Busfahrt per Handy zu „tracken“ ist bei allen Nationalitäten beliebt. So kann man auch auf Sehenswürdigkeiten hinweisen, die man gar nicht sehen kann, wie die eingerüstete Kongresshalle. Oder auf welche, die es nicht mehr gibt, wie den Palast der Republik. Einen Vorteil hat der altmodische Stadtplan gegenüber dem Handy aber doch: Man kann sich effektiv Luft damit zufächeln.Draußen sind 30 Grad, im Bus etwa 40.

9.10 Uhr, Oberdeck: Schwäbin 1: „Da steht, dieses Fahrzeug ist klimatisiert.“ – Schwäbin 2: „Das halte ich für ein Gerücht.“

Unter den Linden drängt ein Trupp älterer Damen in den Bus. Dame 1: „Hier sind noch Plätze frei!“ – Dame 2: „Nee, danke, ick steh lieber.“ Leider steht sie allen anderen Fahrgästen im Weg, doch die Frau schaut nur nach hinten auf ihre Seniorinnengruppe: „Hier nicht aussteigen! Noch zwei Stationen! Dann gibt’s auch Kaffee.“

10.14 Uhr, Spandauer Straße. Die zwei Italiener schaffen es endlich, ihre Tickets zu stempeln. Zweimal Klack, auch sie sehen zufrieden aus. In Deutschland muss alles korrekt sein. Die Schwäbinnen sind schon draußen.

11.11 Uhr Alexanderplatz – Zoologischer Garten

Ein älterer Mann geht an der Haltestelle von einem Fahrgast zum andern. „Junge Frau, wo wollnse denn hin?“ – „Suchense wat, meine Dame?“ – „Junger Mann, suchste nen Weg?“ Alle schütteln die Köpfe. Die Frauen sind Engländerinnen. Der „junge Mann“ ist ein Fahrradbote. Der ältere Herr trägt Obdachlosenzeitungen in der Hand.

Als der nächste Bus vorfährt, Linie M48, bestürmen die Wartenden den Fahrer. „How we get to the Zoo?“ – „Brandenburger Tor?“ – Reichstag?“ Der Fahrer rät allen in radebrechendem Englisch, den 100er oder 200er Bus zu nehmen.

11.20 Uhr. Am Bebelplatz hält eine dicke Frau dem Busfahrer etwas hin. „Wir wollen da ‘nen Kaffee trinken.“ Es klingt eher wie ein Befehl als wie eine Frage. Der Fahrer schaut folgsam auf die Adresse und sagt höflich: „Nächste Station.“ Die Frau dreht sich um, ruft nach hinten: „Una stazione!“ und mischt sich, fließendes Italienisch sprechend, unter ihre Begleiter.

Als der Bus anfährt, läuft ein junger Mann zum Fahrer: „Wie viele Stationen sind es bis zum Brandenburger Tor?“ – „Drei“. – „Da hätten wir ja laufen können.“ – „Ja, aber das ist doch nicht schön mit den ganzen Baustellen“, sagt der Fahrer. Und der Mann: „Ach wissen Sie, ich war zuletzt vor sieben Jahren in Berlin. Es hat sich schon wieder alles verändert. Alle sieben Jahre ist Berlin wieder neu.“ Sie lachen und verabschieden sich wie Freunde.

11.24 Uhr, im Unterdeck.

Ältere Dame 1: „Marie, kannst du das lesen?“

Ältere Dame 2: „Marienkirche steht da. Sind wir aber schon vorbei.“

Ältere Dame 1: „Doch, da steht doch die Kirche.“

Ältere Dame 2: „Das ist der Dom.“

Ältere Dame 1: „Und wo wollten wir hin?“

11.25 Uhr, Haltestelle Brandenburger Tor.

Zwei verschwitzte 16-jährige Mädchen mit Rucksäcken stehen beim Fahrer.

Mädchen 1 zu Mädchen 2: „Du musst ihm deine Fahrkarte zeigen.“

Mädchen 2: „Echt, warum?“ Sie schaut misstrauisch auf den Fahrer, seine Ohrringe und tätowierten Arme. Vorsichtig hält sie den Fahrschein hoch.

Fahrer (betont freundlich): „Jaaaa, genau so macht man das! Vielen Dank!“

11.30 Uhr, Haltestelle Reichstag. Gedrängel beim Einsteigen.

Fahrgast 1 zum Fahrer: „Tegel?“

Fahrer: „X9.“

Fahrgast 2 zum Fahrer: „Wo ist Humboldthain? Mein Handy sagt mir, im Wedding.“

Fahrer: „Dann wird das Handy recht haben.“

Der Fahrer gibt Gas, als alle drin sind. An der John-Foster-Dulles-Allee erschrecken wieder alle, als der Bus die Kongresshalle passiert. Rasseln und Rumpeln: das Schlagloch.

11.36 Uhr. Eine Familie kommt trappelnd vom Oberdeck. Ein Mädchen, etwa fünf Jahre alt: „Wir gehen bei Schloss Bellevue!“­ – Die Mutter: „Das heißt zum Schloss Bellevue.“

Vor dem Schloss Bellevue sitzt eine andere Familie mit kleinen Kindern im Schatten eines Baums, unter den Augen der Sicherheitsleute, die sich nicht daran stören. Die Bus-Familie setzt sich dazu. Die Berlinbesichtigung per Bus führt nicht nur zu den berühmtesten Bauwerken, sondern erzählt einfach viel über die Menschen der Stadt. Gelassenheit ist das prägende Berliner Gefühl dieser Zeit. Es verbindet Dagebliebene und Gäste.

Am großen Stern hält eine junge Frau dem Fahrer einen Stadtplan unter die Nase und redet laut in einer Sprache auf ihn ein, die wie Holländisch klingt. Der Fahrer verzieht keine Miene und sagt dann auf Englisch: Es seien vier oder fünf Stationen bis zum Zoo. „Okay, Guys!“, brüllt die junge Frau nun ebenfalls auf Englisch durch den Bus, „dann bleiben wir unten!“ Ihre Reisegruppe, zehn britische Teenager, stehen ab jetzt zwischen Bustür und Treppe allen anderen im Weg und fragen jeden, ob sie schon am Zoo sind. Der Fahrer macht derweil unentwegt Durchsagen: „Die Tür bitte freimachen!“ Nichts geht mehr. Schließlich ergreift die laute Britin die Initiative und brüllt nach hinten: „Just away from the doooor!“ Plötzlich rühren sich die Fahrgäste. Der Fahrer lacht und bedankt sich.

In den 90er-Jahren waren die 100er Busse auch für ihre redseligen Busfahrer berühmt. Einige machten aus den Haltestellen-Ansagen ganze Stadtführungen mit Berliner Schnauze und Witz. Für fremdsprachige Gäste waren die Ansagen ein Abenteuer, für Berliner, die oft mitfuhren, teilweise auch nervig. Heute laufen die Ansagen per Frauenstimme anonym vom Band. Nur an einer Stelle wird diese auch ins Englische übersetzt: An der Endstation. Der 100er ist eben ein Linienbus.

13.59 Uhr Zoologischer Garten – Alexanderplatz

Inzwischen sind es fast 35 Grad. Am Bahnhof Zoo drängen sich 40 Menschen im Schatten der Haltestelle, wo die Anzeige wild blinkt. Bus 100 und 200 sind demnach auf dem Weg – allerdings schon ziemlich lange. Der ersten Fahrgäste laufen weg. Als der Bus doch noch kommt, drängeln alle nach drinnen. Im Eingang bleibt eine dicke Frau vor der Treppe stehen: „Gehts da nauf? Ja? Na komm da gehn ma nauf.“ Die anderen stöhnen.

Oben ist es in diesem Bus erstaunlicherweise kühler als unten. Und nur halb voll. Hinten kommentieren Schüler die Fahrt: „Da war unser Hotel. Da ist das Elefantentor. Letzten Sommer sind wir da drüben eingestiegen.“ Und sie jubeln, als sie von der Wilhelmstraße das Brandenburger erkennen. „Da war die Bühne! Und wir waren dabei!“ Für sie wird das Tor immer der Ort bleiben, wo Deutschland im Sommer 2014 Fußballweltmeister wurde.

14.15 Uhr. Vom Oberdeck des 100ers bietet sich nicht nur eine schöne Perspektive auf das Berliner Sommerpanorama, sondern auch auf das Baugeschehen. Die Sandhaufen, Erdwüsten und chaotischen Bauzäune erinnern an die 90er-Jahre, als die Innenstadt Berlins praktisch neu entstand. Was damals gebaut wurde, zeigt heute die Tour des 200er-Busses. Er ist sozusagen die Shopping-Erweiterung des 100er. Dieser fährt durchs Regierungsviertel, der 200er über den Potsdamer Platz. Unter den Linden und an der Tiergartenstraße treffen die Linien wieder aufeinander.

15.22 Uhr Alexanderplatz – Zoologischer Garten

Eine portugiesische Großfamilie steht an der Haltestelle. Ein Mädchen, etwa 13, tippt auf seinem Handy herum und liest laut vor: „Löstgarten!“ Sie zeigt das Handy mit dem Stadtplan dem Großvater, der ebenfalls liest: „Ah, … Löstgarten!“ Danach wird das Handy herumgereicht und alle wiederholen im Chor: „Löstgarten!“ Dann kommt der 100er.

15.30 Uhr. Im nächsten Bus 100 sitzt der Fahrer mit aufgekrempelten schwarzen Uniformhosen hinterm Steuer. Er trägt weiße Baumwollhandschuhe wegen des heißen Lenkrades und eine Sonnenbrille. Im Bus sind geschätzte 45 Grad.

Der 100er überholt Unter den Linden einen roten Ferrari, der hinter einem Rikschafahrer herschleicht. Ein italienisches Paar kommentiert das erstaunt. Als das Brandenburger Tor in der Ferne auftaucht, drängt die Italienerin ihren Mann: „Schnell, aussteigen!“ Er bleibt im Bus stehen. „Bleib ruhig, wir sind nicht in Rom.“ Die italienische Hauptstadt ist für ihren chaotischen Verkehr berüchtigt. Ferraris fahren nicht langsam. Und wer im Bus nicht schubst und drängelt, schafft es nicht rechtzeitig aus dem Bus.

Im Bus wird es heißer und heißer. Als die nächste Reisegruppe in den Bus drängt, winkt der Fahrer sie einfach durch, ebenso das nächste Paar.

15.46 Uhr: Rumms! Das nächste Busklapperdonnerwetter in den Untiefen vor der Kongresshalle. Vielleicht ist dem Fahrer jetzt besser, jedenfalls müssen die nächsten Fahrgäste wieder bezahlen.

16.35 Zoologischer Garten – Alexanderplatz

Im Tiergarten sonnen sich Nackte auf grünen Wiesen. „Guarda!“, rufen die Italiener. Am Landwehrkanal steht der rote Ferrari wieder an. Er wartet in der Seitenstraße links an der Ampel. Die Italiener sind beeindruckt. Wozu fährt jemand Ferrari, wenn er damit nicht schneller vorankommt als der Bus?

18.06 Uhr Zoologischer Garten – Alexanderplatz

Unter den wartenden Touristen sind jetzt auch Männer mit langen Hosen und Bierfahne: Feierabend-Berliner. Es ist immer noch 35 Grad heiß. Die Fahrgäste sitzen schweigend im Bus, selbst als der am Lützowplatz aus Versehen einen unangekündigten Umweg fährt. Im Tiergarten sind wieder Jogger unterwegs. Am Reichstag steigen Spanier zu: „Uh, ist das hier eine Sauna?“ Eine Spanierin holt einen Fächer aus der Handtasche.

18.45 Uhr Alexanderplatz – Zoologischer Garten

Noch immer gibt es Unentwegte, die den 100er entern wie ein Kreuzfahrtschiff. Zwei Frauen in Siebenachtelhosen stapfen erwartungsvoll zur Treppe. „Komm, mir gehen nuff! Ich halt’s Platzl frei!“ Vor dem Schloss Bellevue liegen die Menschen jetzt in der Sonne. Die Polizisten stehen im Schatten.

21.21 Zoologischer Garten – Alexanderplatz

Es sind nur noch 31 Grad. An der Haltestelle Ecke Friedrichstraße wartet ein afrikanisches Paar in bunten Gewändern. Ein junges italienisches Paar hält sich am „Wegbier“ und dem Berlin-Reiseführer fest. Der 100er Bus ist fast voll.

21.33 Uhr Alexanderplatz – Zoologischer Garten

Am Alexanderplatz steigen die abenteuerlustigen jungen Leuten aus und andere ein. Italiener, Spanier, Schweden. Ganz vorn sitzt dieselbe holländische Familie auf den vorderen vier Plätzen, die auch schon auf der Hinfahrt dabei war. Die Mutter liest die Sehenswürdigkeiten aus einem zerknitterten Stadtplan vor, die Kinder starren in die Dämmerung, in der die Spree mit ihren Lampen und Booten schimmernd daliegt wie die italienische Riviera. Unter den Linden überholt der Bus ein bunt beleuchtetes Bierbike und eine kitschige Pferdekutsche, die mit blauem Leuchtschlauch dekoriert ist.

Als der Bus plötzlich links abbiegt statt rechts, bricht im Bus Unruhe aus. Eine junge Frau faltet eilig den Stadtplan zusammen und rennt an der nächsten Haltestelle aus dem Bus. Ein deutsches Ehepaar beschuldigt sich sofort gegenseitig, dass sie im falschen Bus sitzen. Die Familie diskutiert. Stand nicht vorhin eine „100“ vorn am Bus, als sie eingestiegen sind? Jetzt steht da: 200. Egal, finden die Kinder. Der Potsdamer Platz ist auch cool.

22.04 Uhr Zoologischer Garten – Alexanderplatz

Abends verbindet der 100er zwei Amüsierwelten der Stadt. Am Alexanderplatz wird auf einem Rummel getanzt. Vor dem Bahnhof Zoo sind die Wurstbuden belagert, daneben sammeln sich jene, die kein Geld für mehr als eine Flasche Bier haben. An der Bushaltestelle Zoo stehen junge Männer auf dem Weg zu den Clubs am Alexanderplatz. „Wir nehmen den 100er“, sagt ein etwa 20-Jähriger zu einem anderen, und dann, übergangslos: „Kennst du Barbara und Sabine? Die haben vielleicht gebechert neulich Abend. Und dabei sind die echt fromm.“ Im Bus sitzt vorn links ein junges Pärchen. Er küsst sie, aber sie will nicht.

22.20 Uhr. Im Tiergarten beginnt es zu regnen. Draußen ist alles schwarz. Über die obere Frontscheibe wischen quietschend die Scheibenwischer. Vor der Kongresshalle: Rrrumms!

23.06 Alexanderplatz – Zoologischer Garten

Die Linie 100 fährt bis kurz nach Mitternacht. Eigentlich alle zehn Minuten, aber irgendwas läuft offenbar nicht gut. Der nächste Bus lässt auf sich warten. Dann kommt ein Gelenkbus statt des eigentlich obligatorischen Doppeldeckers. Die Fahrgäste stört es nicht. Das Berlinprogramm des Abends wird auf Arabisch, Chinesisch und Spanisch diskutiert. Am Lustgarten rennen zwei junge Leute durch den Bus, rufen „-Schuldigung!“ Der Fahrer öffnet nochmal die Tür.

Am Brandeburger Tor blitzen noch immer die Fotoapparate, der Reichstag ist dunkel. Nur im Kanzleramt brennt noch Licht. Auch die Nacht in Berlin ist etwas Besonderes. Im 100er-Bus erlebt man sie fast allein.

Warum gehen Menschen auf Reisen, und das ausgerechnet in einem Linienbus in Berlin? Für Berlins berühmtesten Reisenden, Alexander von Humboldt, lag das Abenteuer in der Ferne, im Fremden. Als 1989 die Berliner Mauer fiel, lag Berlin wiederum für die meisten Westeuropäer tatsächlich am äußersten Wahrnehmungsrand. Und West-Berlin war für die meisten Bewohner der Ostblockstaaten verbotenes Land. Heute sind Berlinbesucher weniger Entdecker als Besucher. Sie sind gut vorbereitet, viele waren schon einmal da. Das Symbol der europäischen Freiheit muss nicht mehr erobert werden, es steht für sich selbst. Und sei es einfach als schöne Kulisse.

23.18 Uhr: Rumms! John-Foster-Dulles-Allee: das Schlagloch.

23.30 Uhr. Die Endstation am Zoo liegt unter der Bahnbrücke, da, wo es noch immer nach Pisse stinkt. Die letzten Fahrgäste steigen aus und drehen sich noch einmal zum Bus um, als es darin zu knallen beginnt. Peng! Peng! Der Fahrer knallt die Busfenster zu, die die Fahrgäste trotz Klimaanlage geöffnet hatten. Dann pflückt er die provisorischen „Linie-100“-Schilder aus den Fenstern und gibt Gas Richtung Busdepot Hertzallee. Gute Nacht, 100er. Um Punkt 6.29 beginnt die Show von vorn.