Mir geht es gut: Noch nie hat ein Mensch auf mich geschossen, meine Freundin wurde nicht vergewaltigt, meine Enkelkinder nicht zwangsadoptiert. Und noch immer ist es für mich relativ einfach, nicht zu den Verbrechern und Halsabschneidern zu gehören. Dazu kommt: Es gibt kaum Versuchungen, denen ich mich stellen muss.
„Weihnachtsfreude: Wir singen und tanzen, so dass wir in all der Freude, die Traurigkeit tief in die Erde pflanzen. Und der Abendstern, so fern am Himmelszelt, in einer anderen Welt. Der Tannenbaum in all seiner Größe, voll Staunen und Raunen. Ja, das ist Weihnachtsfreude!!!“ Ich darf das Gedicht hier wiedergeben, danke, denn diese Zeilen stammen von Mila, meiner neunjährigen Enkeltochter. In den Tagen zwischen den Jahren schaue ich oft auf das vergangene Jahr. Auch nach vorn. Milas kleines Gedicht hilft mir dabei.
Mein Dach ist dicht, ich habe eines und ein Bett und eine Heizung habe ich auch. Für einen Schluck Wasser, einen Kaffee, ein Brötchen oder einen Schlafsack muss ich nicht zum Glück anstehen - im Gegensatz zu vielen anderen Menschen in Berlin. Obdachlose Menschen: Ich werde es vermutlich nie schaffen, nicht an sie zu denken. Ich will es auch nicht! Niemand spuckt mich an – eine Erfahrung, die viele von ihnen machen, und ich werde auch nicht ständig beleidigt. Einer Dusche täglich und einem Stück Seife begegne ich mit Respekt, beides ist nicht selbstverständlich.
Ein Jahr ohne Krankheit: Ich bin reich
Fast genau vor einem Jahr wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen. Die Prostata war weg. Sie machte zuvor Schwierigkeiten mit dem Krebs. Zwei Lungenentzündungen kurz hintereinander, waren ebenso überstanden. Ein Jahr ohne Krankheit: Ich bin reich.
Mit meiner Freundin Maria möchte ich im kommenden Jahr nicht den Keller ausbauen, keinen Bunker einrichten, keine Vorräte anlegen. Manchmal habe ich Angst vor dem Krieg, davor, dass der Wahnsinn sich noch mehr ausbreitet. Ein Krebs ist überwunden, da ist schon der nächste nah. Grausam für uns alle. Täte ich das übrigens dennoch, das mit dem Bunker, ich würde eine Bibel hineinlegen. Neben etwas menschlicher Vernunft ist Gott doch die einzige Hoffnung.
Du tust mir gut, Maria und das mit der Liebe ist mit 67 Jahren Segen und wunderschön. Ich wusste immer, dass der liebe Gott für mich sorgt. Bin ich aber mal ein Grantler – Entschuldigung dafür, dann gebe ich mir beim Kochen doppelt Mühe. Jeder zeigt seine Liebe wie er kann. Kreta und Portugal waren schön mit Dir, zwei Traumurlaube. Mehr davon! Eine weitere Bitte aber, ich möchte zukünftig unvernünftiger sein. Ich war meist so diszipliniert. Noch ist Zeit. Stoße mich ruhig an.
Oft habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich mich bei Gott bedanke
Sie kennen die Bilder der Kinder, die auf den Müllhalden leben, in Afrika und dort, wo die Armut Menschen und das Menschsein fast verschlingt. Mein Durchschnitt dagegen war immer sehr gut. Leben mit vollen Händen in unermesslichem Überfluss. Oft habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich mich bei Gott dafür bedanke.
Ich wohne. Und wie, im schönsten Kiez der Welt. Ich liebe mein Zuhause, den gesamten „Pudding“ um den Klausener Platz. Meine Nachbarn sind mir wichtig, die Vertrautheit zu vielen, man kennt und schätzt und grüßt sich, hier gehöre ich hin. Lietzensee, Kastanie, Schlosspark und Linde grenzen ein. Sie sehen, ich mag das Grün und die Cafés, auch die Kneipen. Am liebsten aber sind mir die Menschen! Darunter sind etliche, die mögen und wertschätzen mich. Es hätte auch anders kommen können. Ich hatte aber immer Glück beim Abbiegen.
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Meine Familie ist im letzten Jahr größer geworden. Lilith, die dritte Enkelin kam hinzu, und im nächsten Jahr nehme ich mir mehr Zeit für sie und ihre beide Schwestern, ihre Mutter. Ich liebe. Mein Glas fließt gerade über und ich gebe mir Mühe, dass nichts verschüttet wird. Bleibt, uns Gottes Segen für die nächsten zwölf Monate zu wünschen. Auch, mich bei Ihnen zu bedanken. Denn oft fühlt sich das hier gut an.
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