Das „Berliner Fenster“ zeigt jeden Tag auf den Monitoren in vielen U-Bahnen und andern Verkehrsmitteln Fotos, die man dort einsenden kann. Es freut mich jedes Mal, wenn eins von mir hier gezeigt wird. Letzten Mittwoch zeigte es ein eher unscheinbares, verwittertes Plakat.

Vor ungefähr 15 Jahren fing ich an, in der Bahnhofsmission Zoo zu arbeiten. Für mich war das eine besondere Einrichtung, besonders sind auch die Gäste, die sie jeden Tag aufsuchen; und das trifft auch für die zu, die dort arbeiten, haupt- oder ehrenamtlich.. Gelegentlich wurde ich damals nach Christiane F. und den „Kindern vom Bahnhof Zoo“ gefragt, kannte natürlich Buch und Film und etwas von dem ganzen Mythos. Selbst das „Sounds“ war mir noch in Erinnerung, obwohl das nie so richtig meine Diskothek war.

Dieter Puhl hat mehr als 30 Jahre in der Wohnungslosenhilfe in Berlin gearbeitet. Neben sozialen Themen widmet er sich in seiner Kolumne dem Älterwerden.
Dieter Puhl hat mehr als 30 Jahre in der Wohnungslosenhilfe in Berlin gearbeitet. Neben sozialen Themen widmet er sich in seiner Kolumne dem Älterwerden.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Seit vielen Jahren schlafen immer wieder obdachlose Menschen fast direkt vor der Tür der Einrichtung, liegen unter der Unterführung in der Hertzallee. Das ist ein richtig ungastlicher Ort. Kalt ist es dort, bestimmt drei Grad kälter als in der restlichen Umgebung, schmutzig ist es meist auch und der Wind pfeift sehr. Die Brücke schützt vor Regen und Schnee und obdachlose Menschen finden dort in der Gemeinschaft mit anderen etwas Schutz.

Was nicht bedeutet, dass die kleinen Camps nicht immer wieder geräumt werden. Einige Tage später liegt dort wieder der erste Mensch mit seinem Schlafsack… so geht es seit Jahrzehnten.

Manchmal rauchte ich eine Zigarette davor und sprach in Gedanken ein Gebet

Das Plakat mit David Bowie und Christiane F. hing dort über Jahre an der Wand, nicht in Kopfhöhe, jemand hatte es deutlich darüber angebracht. Es verwitterte über die Jahre zusehends. Bis es nach langer Zeit ganz verschwunden war. Für mich war das Plakat wie ein kleiner Altar, der an die Menschen erinnerte, an ihre Leben, an die Monate oder oft Jahre, die sie hier am Zoo zubrachten. Einige sterben hier ja sogar. Manchmal rauchte ich eine Zigarette davor und manchmal sprach ich in Gedanken ein Gebet.

Plakat Christiane F
Das Plakat des Films „Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ hing lange am Bahnhof Zoo.© BM | Dieter Puhl

Und diese Woche las ich nun: Das Ziel, Obdach- und Wohnungslosigkeit bis 2030 zu beenden, sei sowohl im Bund als auch im Land nicht erreichbar. Das hätten AWO, Caritas, Diakonie, DRK, Paritätischer Wohlfahrtsverband und Jüdische Gemeinde in einer gemeinsamen Pressekonferenz festgestellt. Wir würden uns an das Fortdauern der Wohnungslosigkeit gewöhnen müssen, sagte demnach Ursula Schoen, Direktorin der Diakonie. Berlin habe an dieser Stelle ein echtes Menschenwürde-Problem.

Vor einigen Jahren erhielt ich das Bundesverdienstkreuz, auch eine Auszeichnung für Bahnhofsmission, sicher für die tägliche Arbeit. Wohl aber auch, weil ich gelegentlich unbequem war, soziale und politische Missstände anmahnte. Denn das mit der Obdachlosigkeit in Deutschland ist zumindest so eine gesellschaftliche Sauerei.

Obdachlosigkeit überwinden zu wollen, war gut und richtig. Es war Ansporn für viele, gab Mut. Dass das so nicht klappen wird, war Menschen vom Fach aber bereits länger klar. Die politischen Zwischenschritte waren dürftig und halbherzig. Das ist eine Armutserklärung derjenigen, die Politik verantwortlich gestalten.

Sich so nüchtern davon zu verabschieden, ich finde das dünn

Dass die, die sich als Verbände für Obdachlose einsetzen, sich nun aber so nüchtern in einer Pressekonferenz davon zu verabschieden, mit Verlaub, ich finde das dünn. Habe ich einen Aufschrei verpasst, gibt es konkrete Forderungen, andere Lösungen, Ziele, um dieses Desaster für Menschen zu mildern? Was sagen die Parteien, Gewerkschaften, andere? Mehr Wohnraum zu fordern ist nicht neu. Wer eckt an?

Meine Freude auf das Weihnachtsfest ist nun deutlich getrübt und mein politisches Vertrauen stark beeinträchtigt. Oder tritt eine Partei aktuell dafür im Wahlkampf ein? Wollen wir ein besseres Miteinander, müssen wir wohl alle mehr gemeinsam dafür eintreten. Das mit dem Delegieren klappt nur bedingt. Ich wünsche Ihnen gesegnete Weihnachten.

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