Ich bin praktisch veranlagt. Ich mag schnelle Lösungen und glaube daran, dass es nicht hilft, lange zu lamentieren. Insofern war ich zunächst vollkommen einverstanden, als der erste Arzt mir sagte: „Da kann man nicht viel machen, gewöhnen Sie sich lieber gleich dran.“ Es ging um meine Knie. Die Diagnose erstellte der Orthopäde anhand von MRT-Bildern – und meinem Geburtsdatum. „In Ihrem Alter macht Östrogenmangel die Knie anfälliger für Entzündungen und Arthrose“, lernte ich.

Der Orthopäde bemühte sich um ein verständnisvolle Miene. Während ich überlegte, was die MRT-Bilder über meinem Hormonspiegel aussagten (ich habe Arthrose seit meiner Jugend), stellte der Mediziner mir neue Kniegelenke in Aussicht, als Option, theoretisch. Alternativ gebe es eine Wunderspritze für mehrere hundert Euro, privat abzurechnen. Den Prospekt bekam ich gratis.

Die nächste Diagnose bekam ich beim Optiker. Dort legte man mir, ebenfalls angesichts des Geburtsjahrs, ein Mittel gegen trockene Augen mit zur neuen Bildschirmbrille. Auf Nachfrage erfuhr ich: Augentrockenheit sei „in meiner Lebensphase“ ein häufiges Problem. Allerdings nicht meins.

Mittlerweile fühlte ich mich wie eine wandelnde Problemzone

So ging es weiter. Gesundheitscheck beim Hausarzt: Ich möge weniger Zucker und Fett essen, Frauen in meiner Lebensphase neigten zu Übergewicht. Meine Waage sagt: Stimmt, allerdings traf das bisher in allen Lebensphasen zu. Fürsorglich erkundigte man sich nach Unausgeglichenheit und Schlaflosigkeit. Ich antwortete ohne nachzudenken: „Ja...“, schon hatte ich einen Flyer mit „sanften“ Yogaübungen für Frauen in den Wechseljahren in der Hand. Ich sparte mir meinen restlichen Satz, dass ich schlicht einen aufregenden Job habe, den ich sehr liebe, auch wenn er mir manchmal schlaflose Nächte bereitet.

Schließlich saß ich bei der Frauenärztin. Vorsorge. Endlich, dachte ich, würde ich Sachliches über die Wechseljahre hören, bei denen sich derzeit wirklich alle besser auszukennen scheinen als ich. Sie zählte eine Reihe Symptome auf, ihr Fazit: Besser keine Medikamente, von Krankschreibungen rate sie ab, Wechseljahre seien keine Krankheit. Und: „Das müssen Sie aushalten.“ Äh, ja. Warum war ich nochmal zum Arzt gegangen?

Mittlerweile fühlte ich mich wie eine wandelnde Problemzone und ging zum Friseur. Beim Haareschneiden ging es um Berlin, die Integration, die Männer. Nebenbei kommentierte die Friseurin meine weiße Haarsträhne. Ich korrigierte: Sie seien grau, nicht weiß, die Haare. Sie wisse doch, das W-Wort. „Ja, hamwa ja alle“, war der lakonische Kommentar, dann ging es wieder um Politik.

Manche Ratgeber klingen eher nach Pornos

Zum ersten Mal fühlte ich mich verstanden. Ich werde älter, dazu gehören halt graue Haare. Aber außer von meiner Friseurin brauche ich dazu weder Kommentare, wohlfeile Diagnosen schon gar nicht. Natürlich interessieren mich sachliche Informationen dazu. Es ist gut zu wissen, was im Körper passiert, Biologie fand ich schon in der Schule spannend. Allerdings wirkt die Flut der Bücher und anderen „Wechseljahrsprodukte“, die derzeit in die Läden schwappt, doch eher verunsichernd.

Buchtitel wie „Women on fire“ oder „Ich bin immer noch heiß, es kommt jetzt nur in Wellen“ erinnern mich ehrlich gesagt eher an Pornos. Andere Titel adressieren diese Mischung aus Lifestyle, Lebenshilfe und Wir-Gefühl für verunsicherte Menschen, von der man offenbar glaubt, dass ältere Frauen das mögen. „Mein Kompass durch die Wechseljahre“, „Keine Panik“, „Hormone im Lot“, „Weisheit der Wechseljahre“. Selbstredend gibt es dazu auch „Midlife Kitchen“, Boomer-Frauen stehen schließlich gern am Herd. Und rezeptfreie Glückspillen mit sprechenden Namen wie „MenoGlück“ oder „Female Harmony“.

Oh Mann! Oder, wie ein Buch ernsthaft heißt: „Ach, Meno!“ Ehrlich, ich habe weder die Bücher gelesen noch die Mittelchen probiert. Ich befürchte, danach würde ich Symptome entwickeln, die ich (noch) gar nicht habe. Was ich allerdings verstanden habe: Wir „Boomer“ sind offenbar eine solvente Zielgruppe

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