Es gibt ja diese Nicht-Nachrichten, bei denen man weiß: Nur weil man vielleicht einen persönlichen Bezug dazu hat, interessieren sich andere noch lange nicht dafür. Manchmal erscheinen die vermeintlich kleinen Dinge im Zusammenhang aber doch größer.

Wie die Sachbeschädigung an einem roten Auto vergangenen Donnerstag in Templin. Es ging um das Fahrzeug von Andreas Büttner, der im Juni zum ersten Antisemitismusbeauftragten Brandenburgs gewählt wurde. Er wohnt in Templin, wie ich auch. Jemand hatte Hakenkreuze und einen durchgestrichenen Davidstern in den Autolack geritzt. War es „nur“ dummer Vandalismus oder doch mehr? Hat Templin ein Rechtsradikalen-Problem, gibt es tatsächlich Judenhass?

Mit diesen Gedanken begann mein Wochenende, ich war unschlüssig. Ja, es gab schon mehr antisemitischem Vandalismus in Templin, wenn auch eher harmloser Art im Vergleich zu anderen Orten. Ich beschloss, fürs erste weter zu hoffen, dass die Polizei und der „Staatsschutz“, wie es immer so schön heißt, diese Fälle nun endlich mal aufklären.

Männer, die aus Autofenstern und Fäuste recken

Am Sonnabendabend geriet ich in Kreuzberg nach Feierabend dann zufällig in einer diese Demonstrationen, über die inzwischen auch nur noch berichtet wird, wenn Hass und Gewalt ein gewisses Maß überschreiten. Zum x-ten Mal zogen propalästinensische Aktivisten mit viel „Viva-Palästina“ und „Fuck-Israel“-Geschrei durch Kreuzberg.

Neu war diesmal ein winziges Grüppchen am Rand: Zehn Männer und Frauen mit Israelfahnen, Musik und Plakaten, die sich am Rand der Demonstration aufgebaut hatten. Forderung: Die Hamas solle endlich die israelischen Geiseln frei lassen. Und jüdisches Leben müsse in Berlin sicher sein. Zwei Selbstverständlichkeiten, sollte man meinen, die in diesen Tage leider alles andere als das sind. Denn die Zahl der antisemitischen Gewalttaten nimmt sprunghaft zu.

Ich schaute zu, wie sich Geschrei und Hass über die Israel-Fahnenträger ergossen. Wie Demonstranten penetrant ihre Handys auf die Israel-Gruppe richteten. Wie Männer im Vorbeifahren aus Autofenstern brüllten, Motoren aufheulen ließen, Fäuste reckten und Gesten machten. Wie junge Leute unter dem Vorwand zu diskutieren auf die Pro-Israel-Demonstranten zugingen und dann unentwegt auf sie einschrien. Als der propalästinensische Zug stoppte, bauten sich einige Männer zu einer Pyramide auf, Palästinafahnen schwingend, wie im Zirkus.

Propalästinensische Demonstration Berlin
Der Mann auf der Pyramide formt mit den Fingern ein Dreieck, das als Symbol für die Hamas gedeutet werden kann, die seit ihrem Terrorangriff auf Israel noch immer Geiseln gefangen hält. © BM | Uta Keseling

All das hätte aber so niemals stattfinden können, wenn nicht eine große Schar Polizisten unfassbar geduldig und geschickt die Streithähne auseinander gehalten hätten. Mit Erklärungen, Ansagen und Taktiken, zum Schluss auch mit Helmen und Schilden, als die Wut überhandnahm. Anfang August war die FDP-Politikerin Karoline Preisler bei einer solchen Demo angegriffen worden. Preisler teilt die Ziele solcher Demos nicht unbedingt, habe ich gelesen. Sie will für Dialog werben. Sie winkte auch diesmal aus dem Zug, die Israelfahnenträger winkten zurück.

Freiheit, das versteht man in diesen Tagen, ist eine ungeheure Anstrengung

Zuhause sah ich dann Videos aus Bautzen in Sachsen. Wo am selben Tag Veranstalter eine Party zum Christopher Street Day (CSD) abgesagt hatten. Aus Angst, weil zwei rechtsextreme Organisationen eine Drohkulisse aus hunderten schwarz gekleideten Männern organisiert hatten. Auch hier wurde geschrieen und gedroht. Schlussendlich gab es wohl doch eine Art Gegen-Gegendemo, es wurde „queer“ gefeiert. Allerdings unter massivem Polizeischutz.

Einerseits war ich froh, dass aus den Vorfällen keine großen Schlagzeilen wurden, weil es keine großen Eskalationen gab. Und ich gebe zu, dass mir die Gegendemonstranten in Berlin und Bautzen Mut machen. Andererseits macht mich besorgt, was aus all den kleinen Nachrichten von Hass werden kann. Freiheit, das versteht man in diesen Tagen, ist eine ungeheure Anstrengung, die damit beginnt, auch diese Dinge ernst zu nehmen. Es ist eben keine Phrase: Unsere Freiheit muss immer wieder verteidigt werden.

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