Und , sind Sie diese Woche auch schon mit Kevin Costner im Bus gefahren? Nein? Ich leider auch nicht. Das letzte, was ich aus dem Nahverkehr mitgenommen habe, war das Coronavirus. Seitdem habe ich ausreichend Zeit, Berlin aus der Distanz zu betrachten. Durch die „Brille“ der sozialen Medien zum Beispiel. Dort bin ich dann auch Kevin Costner begegnet. Nicht im Fiebertraum, sondern im BVG-Bus, in einem Werbe-Clip auf Instagram.
Costner (69, „Der mit dem Wolf tanzt“) steigt darin zu dramatischer Musik und in überblendeten Bildern in einen BVG-Bus. Der Bus fährt ab. Dann folgt ein Text: „Echte Helden fahren mit unseren Kurschen zu Horizon“. Die Western-Saga „Horizon“ ist Costners neue, vierteilige Western-Saga. Im BVG-Clip steht noch ein Mädchen mit Pony an der Bustür, Cut.

Der einminütige Film hätte mich wahrscheinlich weniger beschäftigt, wären die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) nicht parallel mit ganz anderem in den Schlagzeilen gewesen. Proppenvolle U-Bahnen, ewige Wartezeiten, verschwurbelte Rhetorik statt Fakten. Mit Formulierungen wie „Anpassungen“ und „neues Konzept“ verbrämte die BVG ihre schlechten Nachrichten über verkürzte Linien, Züge und längere Taktzeiten.
Die gute Nachricht war, dass Kevin Costners BVG-Bus überhaupt kam
47.000 Euro hat der Costner-Clip die BVG gekostet, der Filmverleiher Tobis steuerte die gleiche Summe bei. Das ist deutlich mehr als, glaube ich, ein BVG-Busfahrer im Jahr verdient. Insgesamt gibt das landeseigenene Unternehmen BVG 3,5 Millionen Euro im Jahr für Werbung aus, las ich in der Antwort der Senatsverkehrsverwaltung auf eine schriftliche Anfrage der AfD im Abgeordnetenhaus. Wir erinnern uns: Die BVG ist das Unternehmen, das sein eigenes Image im vergangenen Jahr mit einem eigenen Musical steigern wollte (Kosten und Erfolg: unbekannt). Und dem das Fahr-Personal in Scharen davonläuft. So gesehen war die gute Nachricht der Woche (und des Videoclips) wahrscheinlich, dass Costners Bus mit dem Fahrtziel „Horizon“ überhaupt kam.
Die Verkehrsbetriebe waren nicht die einzigen, die mir via soziale Medien ein verwirrendes Bild der Hauptstadt lieferten. Vielleicht haben Sie die neuen Werbeplakate des Senats in Berlin schon gesehen, manche Motive sind ja ganz lustig. Etwa der Spruch „Wir können unfreundlich, aber auf die nette Art.“ Hallooooo?! Ja, okay.
Arm, aber sexy? Heute leistet sich die Hauptstadt Werbekampagnen für Millionen
Mutmaßlich eher unfreiwillig amüsant ist der Claim: „Was wir hier von Mauern halten, wisst Ihr ja schon“. Wie das Plakat wohl am Görlitzer Park wirken würde, um den der Senat ja aktuell tatsächlich einen Zaun plant? Und ja, ich verstehe, dass es noch immer Menschen gibt, die dem „Wowi“-Berlin nachtrauern, als Berlin noch „arm, aber sexy“ war, wie es der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) vor gut 20 Jahren formulierte. Aber ist das noch aktuell, in einer Hauptstadt, die für Werbekampagnen wie diese mal eben für 1,5 Millionen Euro raushaut?

Bei einem Spruch hörte ich auf zu schmunzeln: „Wenn wir nix auf die Reihe kriegen, wieso stehen dann alle Schlange?“ Ja, sehr gute Frage! Die Antwort dürfte das bestgehütete Geheimnis Berlins sein. Hier paar Vorschläge:
- Weil der Bus oder die U-Bahn nicht kommt?
- Weil es im Bürgeramt mal wieder keine Termine gibt?
- Weil bezahlbare Wohnungen fehlen?
- Weil man endlos im Stau steht an zahllosen Baustellen?
Oder tatsächlich, wie es ein Insta-Post des offiziellen Berlin-Accounts wir.berlin nahelegt: Weil so viele in den Club „Berghain“ wollen?
Ich wage ich die These: Nö. Die allermeisten Berliner wollen mutmaßlich gar nicht ins „Berghain“. Sie würden sich aber dringend weniger Warteschlangen und Haupstadt-Chaos wünschen. Oder „Zirkus“, wie es die Kampagne liebevoll nennt, die „ironisch“ sein will. Wenn Sie mich fragen, ist das wahre Geheimnis von Berlin, dass die allermeisten Berliner ihre Stadt sowieso lieben. Einfach so. Trotz Chaos. Und trotz peinlicher Werbekampagnen. Aber sagen Sie es nicht weiter!



