„Der soll doch einfach mit dem Trinken aufhören.“ Oder: „Das haben sie doch selbst verschuldet.“ Oder auch: „In Deutschland gibt es doch genügend und ausreichende Hilfen, man muss nur wollen.“ Bitte glauben sie mir, ich kenne etliche Meinungen, die gegen obdachlose Menschen vorgebracht werden, manchmal auch recht brachial. Zunächst solle doch bitte den deutschen Obdachlosen geholfen werden, heißt es manchmal „wir können schließlich nicht allen helfen.“
Das richtet sich dann gegen die obdachlosen Menschen, die aus Polen, Rumänien, Bulgarien, aber auch der Schweiz, Frankreich oder Indien nach Berlin und Deutschland gekommen sind. Und richtig: obdachlose Menschen in Berlin kommen aus über 80 verschiedenen Ländern. Aber so viele Inder sind gar nicht darunter.
Ob man helfen will und kann, ist zunächst jedem selbst überlassen, hat sicher aber mit Erfahrungen, Prägungen, Einstellungen zu tun, auch mit dem Wissen um die Hintergründe. Unsere Wertekataloge sind recht unterschiedlich, unsere Weltbilder auch. Ich akzeptiere das. Na ja, überwiegend. Denn ob wir in einer Gesellschaft leben, in der sich jeder der Nächste ist oder ob wir füreinander einstehen, ist mir nicht egal.
Wichtiger aber waren Trost und Liebe
„Mir hat doch auch niemand geholfen, als es mir schlecht ging“ – das gerade nicht das Argument, um deshalb anderen beizustehen. Vielmehr hat es Menschen bitter und hartherzig werden lassen.
Zu meinen persönlichen Erfahrungen gehört aber: Ich bin nicht immer stark, selten der Überflieger, ich mache leider Fehler, es waren sogar schon einige große dabei. Manchmal bin ich auch einfach falsch abgebogen! Meinen Eltern habe ich zum Beispiel leider sehr viele schlaflose Nächte bereitet: Ich war bis Mitte 30 spielabhängig, oft rief ich sie an, weil ich „neues Geld“ brauchte oder mir Hoffnung und Lebensmut abhanden gekommen waren. Ich erhielt auch Geld. Wichtiger aber waren Trost und Liebe.
Nahe Menschen standen mir bei, wenn sich meine Depressionen türmten oder ich einfach kein Land mehr sah. Ein guter Therapeut war auch wichtig. Und meine Freundin saß im letzten Jahr oft auf meinem Bett, als der Krebs an mir nagte. Allen – danke!
Es gibt einen Reichtum neben unserem Kontostand
Ich glaube, diese Dankbarkeit gehört dazu, anderen zu helfen. Zu mir waren Leben und Menschen eben gütig, wenn ich in der Patsche saß. Und wenn es mit der Nähe zu anderen Menschen nicht so richtig hinhaute, war immer noch Gott an meiner Seite. Als Freund, Kompass, aber auch Rettungsanker.
Wir sind nicht arm, und damit meine ich nicht das Geld. Ständig etwas mehr zu geben, als wir haben, uneigennützig zu sein, nicht nur an unsere Vorteile zu denken und zu vertrauen, „es wird schon werden“, macht uns ja im Kern als Mensch aus. Es gibt einen Reichtum neben unserem Kontostand. Egobacken dagegen sind arm.
Es ist ein paar Jahre her, ich war Leiter der Bahnhofsmission Zoo, täglich wurden wir prima durch die Berliner Tafel versorgt. Ich aber hatte in meinen Planungen einen Fehler gemacht und plötzlich saßen wir für einige Tage ohne Lebensmittel da. Was sollten tägliche 600 Gäste essen? Morgens, beim Kaffee in meiner Küche, gestand ich diesen Fehler meinen Freunden auf Facebook, bat um Hilfe. Als ich eineinhalb Stunden später am Zoo war, reihten sich in der Jebensstraße Kleintransporter und Autos , alle zwei Minuten klingelten freundliche Menschen und spendeten Lebensmittel. In unserem Tagesraum türmte sich das alles im Laufe des Tages bis zur Decke. Noch Tage später kamen Pakete aus dem gesamten Bundesgebiet.
So sahen Beistand, Solidarität und Nächstenliebe aus, nicht nur damals. Das ist auch heute noch verlässlich, wenn die Menschen Hilfe brauchen. Ich möchte mich heute bei denen bedanken, die das möglich machten und machen. Fast ein gesamtes Berufsleben haben sie mir und anderen geholfen, wenn ich um Schlafsäcke für frierende Menschen bat, um Bekleidung für sie, manchmal fehlten auch ein paar Euro. Und manchmal sogar Margarine. Denn oft biegen wir eben doch richtig ab im Leben.
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