Alejandro Agag ist auf einer Mission. Momentan hält sich der Chef der Formula E Holdings in London auf. Am Donnerstag macht er Zwischenstopp in Berlin, bevor er am Wochenende nach Los Angeles an die Westküste der USA fliegt. Diese Reise um die Welt tut er sich aus einem ganz bestimmten Grund an. Alejandro Agag will in all diesen hippen Städten Rennen mit Elektroautos abhalten. „Berlin gehört da auf alle Fälle dazu“, sagt Alejandro Agag.

Und weil es viel zu erwartbar wäre, dafür in Berlin an die stillgelegte Rennstrecke Avus zu gehen oder sonst wo in der Stadt den Verkehr zu sperren, hat sich der Manager das Tempelhofer Feld ausgesucht. Dort, wo die Berliner normalerweise Drachen steigen lassen und auf Decken in der Sonne liegen, sollen 2015 die schnellsten Elektroautos der Welt im Kreis fahren.

Bei 225 km/h ist Schluss

Wobei die dabei erreichte Höchstgeschwindigkeit für überzeugte Freunde des Autorennsports natürlich eher betulich ist. In nur drei Sekunden beschleunigen die Elektroautos von null auf 100 Kilometer je Stunde (km/h). Doch bei 225 km/h ist Schluss auf dem Tacho. Schneller werden die Elektroautos nicht. Doch dafür machen sie auch anders als die Wagen der Formel 1 so gut wie keinen Krach. Gerade mal 80 Dezibel ist so ein elektrisch angetriebener Rennwagen laut. „Das ist lauter als ein normales Auto aber immer noch leiser als ein Bus“, sagt Alejandro Agag.

Er hat sich ganz bewusst für Berlin als Austragungsort für ein Rennen der neuen EFIA Formel E Championship entschieden, wie die weltweit erste vollelektrische Rennserie offiziell heißt. „Die Stadt verströmt trotz ihrer alten Geschichte ein junges Lebensgefühl“, sagt Alejandro Agag. „Die Berliner interessieren sich für umweltschonende Technologien und sind neuen Entwicklungen gegenüber aufgeschlossen.“ Dazu gehört allerdings auch, dass sich eben diese aufgeschlossenen Berliner nicht von einer Firma oder einem Veranstalter diktieren lassen, was sie gut zu finden haben. Das musste erst im vergangenen Jahr das BMW Guggenheim LAB schmerzlich erfahren. Die Berliner sollten dort unter anderem über die Zukunft ihrer Stadt diskutieren. Doch dieser Diskurs begann damit, dass das LAB von seinem ursprünglich anvisierten Standort in Kreuzberg vertrieben wurde, da die Anwohner steigende Mieten fürchteten.

Neue Form des Autorennens

Mit solch einem Widerstand rechnet Alejandro Agag nicht. „Die Formel E ist eine ganz neue Form des Autorennens, da sie die nachhaltige Entwicklung unterstützt und grüne Technologien fördert“, sagt er. Eine halbe Million Dollar kostet ein elektrisch angetriebenes Rennauto. Das sind umgerechnet etwa 385.000 Euro.

Alejandro Agag dürfte es nicht schwer gehabt haben, die Berliner Wirtschaftsverwaltung von dem Projekt zu überzeugen. Wie man mit Politikern umgeht, weiß er. Nach seinem Wirtschaftsstudium in Madrid arbeitete er unter anderem als persönlicher Assistent des spanischen Ministerpräsident. Mit gerade mal 28 Jahren wurde er als jüngster spanischer Politiker aller Zeiten in das Europäische Parlament gewählt. Zum Autorennsport kam er durch den italienischen Geschäftsmann und Manager des Benetton-Teams in der der Formel 1, Flavio Briatore. Zusammen kauften sie Übertragungsrechte von Rennen der Formel 1 für das spanische Fernsehen.

Zehn Austragungsorte in der ganzen Welt

2006 gründete Alejandro Agag die Investmentfirma Addax Capital. Sechs Jahre später schuf er mit einem Geschäftspartner die Formula E Holdings, um weltweit Rennen mit Elektroautos abzuhalten. Insgesamt zehn Austragungsorte gibt es, darunter Peking, Rio de Janeiro, London, Miami und Bangkok. In spätestens zwei Monaten will Alejandro Agag die Reihenfolge und Termine bekannt geben. Das erste Rennen wird voraussichtlich im September 2014 stattfinden, das letze im Juni des darauf folgenden Jahres. „Wir wollen durch diese Rennen mit Elektroautos einen Anstoß setzen, um die Entwicklung umweltschonender Technologien zu fördern“, sagt Alejandro Agag.

Umbauarbeiten sind für das Rennen auf dem Tempelhofer Feld angeblich nicht nötig. Bis zu 30.000 Zuschauer erwarten die Veranstalter. Im Terminal soll es einen eigenen VIP-Bereich geben. Auf dem Vorfeld soll für die Autos ein rund drei Kilometer langer Kurs aufgebaut werden. Falls überhaupt, sollen nur Teile des Parks während des Rennens gesperrt werden. „Wir wollen die Berliner ja nicht ausgrenzen, sondern im Gegenteil für die Elektromobilität begeistern“, sagt Alejandro Agag.

Berlin soll zur Elektroauto-Metropole werden

In der Senatsverwaltung für Wirtschaft dürfte das einer der ausschlaggebenden Gründe gewesen sein, dem selbst für das Tempelhofer Feld ungewöhnlichem Event zuzustimmen. Zwar finden auf dem ehemaligen Flugfeld oder im Terminal regelmäßig Veranstaltungen statt wie etwa die Modemesse Bread & Butter oder Konzerte. Doch ein Autorennen ist neu. Es passt aber ganz gut in das Konzept der Stadtplaner. Berlin will sich nämlich als Standort für Gründer etablieren, die an neuen Ideen und Technologien tüfteln. Die Elektromobilität gehört hier eindeutig dazu.

Bis 2020 sollen eine Million Elektroautos durch Deutschland rollen. Das ist zumindest das Ziel der Bundesregierung. Berlin soll hierbei eine Vorreiterrolle übernehmen. Die Hauptstadtregion zählt neben Baden-Württemberg, Hannover sowie Bayern und Sachsen zu den sogenannten Schaufenster-Regionen. Hier sollen die neuen Technologien vorrangig getestet werden. Rund 150 Projekte sorgen dafür, dass Elektroautos bekannter und häufiger genutzt werden. Auf diese Weise soll sich Deutschland weltweit zu einem führenden Standort für Elektromobilität etablieren.

Steigendes Interesse

Die Autofahrer in Berlin sind dieser neuen Technologie gegenüber sehr aufgeschlossen. Zwar haben nach Angaben der Berliner Agentur für Elektromobilität (EMO) erst 1200 der insgesamt rund 1,1 Millionen gemeldeten Autos in Berlin einen voll elektrischen Antrieb. Doch gerade bei den Car-Sharing-Unternehmen gibt es eine starke Nachfrage nach den umweltschonenden Fahrzeugen. Darauf reagieren auch die Hersteller. Die zum US-Konzern General Motors gehörende deutsche Traditionsmarke Opel hat etwa den Ampera auf den Markt gebracht. Sollte der Strom ausgehen und keine Aufladestation in der Nähe sein, springt beim Ampera der Benzinmotor ein. Volkswagen will demnächst einen elektrisch angetriebenen Golf anbieten.

Allerdings nutzen die meisten Fahrer ein Elektroauto nur für kurze Strecken. In der Autobranche geht man davon aus, dass rund 80 Prozent aller Fahrten kürzer als 60 Kilometer sind. Daher sind Elektroautos bislang vor allem etwas für den Stadtverkehr.