Archäologie-Führung

So litten Zwangsarbeiter auf dem Tempelhofer Feld

Mit der Nazi-Geschichte des Tempelhofer Feldes beschäftigen sich Wissenschaftler der FU Berlin. Sie untersuchen Reste eines Zwangsarbeiterlagers. Bei Führungen zeigen sie, was sie gefunden haben.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Modellflug-Fans, Minigolfer, Menschen, die auf Decken picknicken – die Sommeridylle auf dem Tempelhofer Feld ist perfekt. Doch die Besucher, die sich auf dem roten Infohäuschen am Columbiadamm versammelt haben, sind nicht gekommen, um zu entspannen. Aufmerksam hören sie Reinhard Bernbeck zu, der von düsteren Zeiten aus der Flughafengeschichte berichtet.

Zu Nazi-Zeiten war das Tempelhofer Areal ein Zentrum der Rüstungsindustrie, wie der Archäologie-Professor der Freien Universität sagt. Auch ein Zentrum des Terrors, denn 1934 entstand am Rande des Flugfelds eines der ersten Konzentrationslager überhaupt. Während des Zweiten Weltkrieges gab es hier Baracken, in denen Zwangsarbeiter unter unwürdigen Bedingungen lebten, die für die Weser Flugzeugbau GmbH arbeiten mussten. Das Unternehmen produzierte in den Hangars Stukas in Serie.

Zusammen mit seiner Professoren-Kollegin Susan Pollock vom Institut für Vorderasiatische Archäologie und einem Studierenden-Team untersucht Bernbeck seit einem Jahr sechs Grabungsflächen auf dem Tempelhofer Feld, um NS-Unrecht zu dokumentieren. Jeden Freitag führen sie im Sommer Interessenten über das Feld, um über die Forschungsergebnisse zu informieren.

Als eine Teilnehmerin verwundert fragt, warum sich die Archäologie jetzt auch um die Moderne kümmere, sagt Bernbeck: Die Ergebnisse der Grabungen zeigten, dass sich mehr Archäologen an Universitäten damit befassen sollten. Die Untersuchungen sollten mehr Informationen über den Alltag der Lager- bzw. KZ-Insassen geben, ergänzt Pollock.

Beim ersten Stopp am Rande des Softballfeldes in der Nähe des Columbiadamms zieht der Wissenschaftler große Fotos aus einer Aktentasche. Linien, die auf einem Luftbild zu sehen sind, zeigen die Umrisse des früheren Zwangsarbeiterlagers der Weser Flugzeugbau GmbH. Um zu wissen, wo sie graben müssen, plotten die Archäologen historische Luftaufnahmen der Royal Air Force auf neue Luftbilder.

Zwangsarbeiter bauten Flugzeuge

Entlang des Columbiadamms hatte die Weser Flugzeugbau mehr als 15 Baracken aufgestellt, in denen die meist aus Osteuropa stammenden Zwangsarbeiter auf engstem Raum zusammenlebten. Eine extreme Situation für die Menschen, die hier Flugzeuge produzieren mussten, mit denen später ihre Heimatländer bombardiert werden sollten.

Beim zweiten und dritten Stopp des Archäologie-Rundgangs geht es um frühere Splitterschutzgräben. Die Forscher haben hier den Betonboden und den Eingang eines solchen Schutzgrabens freigelegt. Darin sei nur Platz zum Stehen gewesen, die Zwangsarbeiter hätten bei Bombenangriffen dicht gedrängt gestanden, so Bernbeck – auch das ein Beleg für die Rassenideologie der Nazis. Dicht an der Oberfläche fanden die Forscher Stücke, die vom Lageralltag erzählen. Beispielsweise das Stück eines besonders engmaschigen Stacheldrahtzauns.

Einen letzten Halt legt die Gruppe vor einer rechteckigen Grabungsfläche gegenüber dem heutigen Polizeigebäude am Columbiadamm ein. Hier befand sich früher ein Militärarrestgebäude aus Kaiserzeiten, das die Nazis von 1934 bis 1936 als KZ nutzten. Systematisch inhaftierte und folterte das Regime darin Juden, Homosexuelle, politische Gefangene – über kürzere Zeiträume und um „psychologischen Terror“ auszuüben, so Bernbeck.

Wegen des Flughafenbaus musste das Gebäude 1938 weichen, die verbliebenen Inhaftierten wurden nach Sachsenhausen gebracht. Heute sieben die FU-Archäologen die Erde, um nach Alltagsgegenständen aus dem frühen KZ zu suchen. Nicht umsonst finden die von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung finanzierten Grabungen im Jahr der zerstörten Vielfalt statt – sie haben auch mit Gedenken zu tun.

Mehr Infos: www.ausgrabungen-tempelhof.de; Führungen jeden Freitag, 15 Uhr, Treff am roten Info-Häuschen/Eingang Columbiadamm (neben der Mauer des Columbia-Friedhofs).