Bürgerbeteiligung

Im Dialog mit den Wissenschaftlern

Anwohner und Interessierte begleiten den Prozess des Rückbaus und stellen auch kritische Fragen.

Das Helmholtz-Zentrum Berlin liegt in Wannsee am Stadtrand und grenzt an Potsdam-Babelsberg. Der Reaktor ist in dem blassblauen Gebäude in der Bildmitte untergebracht.

Das Helmholtz-Zentrum Berlin liegt in Wannsee am Stadtrand und grenzt an Potsdam-Babelsberg. Der Reaktor ist in dem blassblauen Gebäude in der Bildmitte untergebracht.

Foto: Dirk Laubner / HZB/Dirk Laubner

Etwa drei Kilometer Luftlinie vom Helmholtz-Zentrum-Berlin (HZB) und dem Forschungsreaktor entfernt wohnt Wolfgang Pohl. „Ich habe kein ständiges Gefühl der Bedrohung“, sagt der Referent einer Stiftung. Andere Anwohner würden das kritischer sehen. Dass er jetzt den Prozess des Reaktor-Rückbaus aktiv begleitet, hat für ihn andere Gründe. „Ich interessiere mich natürlich dafür, was in meinem Stadtteil passiert“, sagt der 62-Jährige. Die Nachbarschaft sei in Wannsee gut vernetzt, das mache es leicht. Aber noch wichtiger sind ihm umweltpolitische Themen und Fragen. In den späten 1970er-Jahren hat er in der Anti-Atombewegung mitgemacht. „Ich war schon immer ein Gegner der Atomenergie“, sagt der Anwohner. Jetzt wolle er wissen, wie der Rückbau vonstatten gehen wird, und deshalb komme er zu den regelmäßigen Gruppentreffen.

Gleich nach der Auftaktveranstaltung im November 2017, als das Helmholtz-Zentrum den Rückbau verkündete, wurden eine Begleitgruppe und eine Dialoggruppe gegründet. In der Begleitgruppe sitzen Anwohner, Interessierte, Vertreter von Parteien, Verbänden und Organisationen. Sie treffen sich alle zwei Monate, um sich über ihre Fragen und Erkenntnisse auszutauschen. In der Dialoggruppe sind zusätzlich auch Mitarbeiter des Helmholtz-Zentrums vertreten, die Anregungen aufnehmen und weiterleiten oder Fragen mit ihrem wissenschaftlichen Hintergrund beantworten.

„Das HZB hat die Bildung der Dialoggruppe angeregt, weil wir die Bedenken der Anwohnenden bezüglich des Rückbaus aufnehmen und in unseren Planungen berücksichtigen wollen“, erklärt Hannes Schlender, Projektleiter für die Rückbaukommunikation. Unter anderem wolle man Konfliktthemen so früh wie möglich erkennen – und diese nach Möglichkeit einvernehmlich lösen. Neue, gute und realisierbare Ideen würden auch in den Rückbauprozess einfließen. „Es bestehen also Gestaltungsräume, die wir gemeinsam suchen wollen“, so Schlender. Wie lange die Gruppen den Rückbauprozess begleiten, ist offen. „Wir haben keinen Endpunkt für die Gespräche vorgesehen“, sagt der Projektleiter.

Ideen, die Wissenschaftler nicht in Betracht ziehen

Wolfgang Pohl ist von Anfang an dabei. Ihn interessieren Fragen wie: Welche Belastungen treten beim Rückbau für die Umwelt auf? Wie kann die Bevölkerung am besten geschützt werden? „Wir versuchen in der Begleitgruppe zu verstehen, was fachlich abläuft“, so Pohl. Die Gruppe habe aber auch manchmal Ideen, die die Wissenschaftler nicht in Betracht ziehen würden. Derzeit diskutiere man zum Beispiel über die Frage, ob es sinnvoll sei, die gesamte Anlage zu zerlegen und zu entsorgen oder sie nur zu entkernen und die Hülle stehen zu lassen. Unstrittig sei, dass das hoch radioaktive Material rausmüsse, sagt Pohl. Aber was soll mit der Betonhülle geschehen?

Da gehen die Meinungen auseinander. Einige Mitglieder der Begleitgruppe könnten sich vorstellen, dass die Hülle nach der Entkernung mit einem Dach oder einer Betondecke stehen bleibt. „Damit wäre die Menge an Atommüll geringer, und es gebe auch weniger Transporte“, sagt Wolfgang Pohl. Aber für das Helmholtz-Zentrum sei das keine Option. Warum nicht, könne er nicht nachvollziehen. Der Anwohner befürchtet, dass das schwach belastete Material der Außenhaut, das unterhalb der zulässigen Grenzwerte liegt, zerkleinert wieder zum Einsatz kommen könnte, zum Beispiel im Straßenbau. Das will er verhindern. Die Mitarbeiter des HZB widersprechen dieser These. Sie haben der Gruppe erklärt, dass sie die Hülle in großen Betonblöcken abtragen und entsorgen. Von Zerkleinerung ist keine Rede. „Noch ist es eine schwebende Diskussion“, so Pohl.

Das liege nicht zuletzt an den verschiedenen Zielstellungen im Rückbau-Prozess, sagt Bernd Lisek. Das Helmholtz-Zentrum wolle den Reaktor möglichst schnell loswerden. „Und wir wollen, dass alles mit einer möglichst geringen Strahlenbelastung passiert“, sagt der Mathematiker, der sich ebenfalls von Anfang an in der Begleitgruppe engagiert. Lisek ist kein Anwohner, er ist in die Märkische Schweiz gezogen. Er ist aber auch in der Gruppe „Anti Atom Berlin“ aktiv, die sich nach den Protesten in Gorleben gegründet hat. In den 1990er-Jahren hat er eine Zeit lang in Costa Rica gelebt und sich in einem privaten Waldprojekt biologische und ökologische Kenntnisse angeeignet. Später war er auch in der technischen Sicherheit tätig. Das größte Problem beim Rückbau des Forschungsreaktors sieht Lisek darin, das Atommüll-Material loszuwerden. Was wird damit? Wo bleibt es? Diesen Fragen will er in der Gruppe nachgehen.

Das Helmholtz-Zentrum ist rein rechtlich nicht dazu gezwungen, eine Begleit- und eine Dialoggruppe einzurichten. „Es ist aber gut, dass es das Verfahren gibt“, sagt Wolfgang Pohl. Nicht nur für Anwohner. Auch für das Helmholtz-Zentrum sei es ein wichtiges Forum. „Sie müssen dort Fragen beantworten, die sie sich selbst nie gestellt hätten.“ Und das in einer sehr frühen Phase. Somit wüssten sie jederzeit, aus welcher Richtung kritische Stimmen kommen könnten.

Auch Bernd Lisek sieht Vorteile auf beiden Seiten. „Die Arbeit in den Gruppen hat für alle positive Konsequenzen“, sagt der 65-Jährige. Jeder profitiere von dem Wissen der anderen Seite. Die Begleitgruppe sei mit Menschen mit den verschiedensten Erfahrungshintergründen, Berufen, Interessen und dem Willen, sich in die Materie zu vertiefen, sehr gut aufgestellt. Das Helmholtz-Zentrum habe den Vorteil, diese Kenntnisse und Fähigkeiten nutzen zu können. „Es wurden schon mehrfach Anregungen aus der Gruppe vom Helmholtz-Zentrum aufgenommen“, sagt Lisek.

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