Der BUND schlägt Alarm und fordert eine Umplanung beim Neubau der Ollenhauerstraße. Laut dem Naturschutzverein würden nach der aktuellen Planung „ohne Not alle 131 Straßenbäume gefällt werden“. Im Rahmen einer Komplettsanierung wird der gesamte Querschnitt der Straße verändert. Neben der Erneuerung der Fahrbahn und des Mittelstreifens werden die Geh- und Radwege den Vorgaben des Mobilitätsgesetztes entsprechen ausgebaut. Dies bedeutet, dass der Verkehrsraum sowie die Sicherheitsabstände, notwendige Entwässerungseinrichtungen und Grünstreifen völlig neu sortiert werden müssen. Und dabei sind nach bisheriger Planung viele Bäume im Weg. Die Bauarbeiten sollen ab 2026 ausgeschrieben und 2027 beginnen.
Der Umbau der Straße ist ein Dauerthema. Zuletzt in der Bezirksverordnetenversammlung Ende September. Dort rief Reinickendorfs Verkehrs-Bezirksstadträtin Julia Schrod-Thiel (CDU) in Erinnerung, dass die „wichtige übergeordnete Verbindungsstraße“ wegen der enormen Belastung und „deutlich überschrittener“ Nutzungszeit nicht mehr dem heutigen Standard entspreche. Die Verteilung der Flächen sei von sehr engen Vorgaben bestimmt, um allen Belangen und Beteiligten gerecht zu werden. Die Verteilung der Flächen ergebe sich aus den Verkehrsstärken. Rund 14,5 Millionen Euro wird laut Schrod-Thiel der Neubau des rund 1,1 Kilometer langen Straßenabschnitts kosten, der beim Abzweig der Kögelstraße nördlich des Kurt-Schumacher-Platzes beginnt und kurz vor der S-Bahn-Brücke am Bahnhof Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik endet.
Kompromiss: Radwege schmaler bauen?
In der Bezirkspolitik erhoben sich schnell Gegenstimmen. Linken-Politiker Felix Lederle fand, dass man schon anders planen könnte, „Wenn man nicht nur auf den Autoverkehr und Parkflächen setzt, könnte man viele Bäume retten“. Auch Grünen-Verkehrsexperte Jens Augner fand „Luft nach oben, was die Detailplanung angeht“. Die stadtentwicklungspolitische Sprecherin der SPD, Angela Budweg, gestand dem Bezirksamt „eine schwierige Abwägung“ zu, war aber auch nicht zufrieden. Sie brachte die Kompromiss-Idee ins Spiel, dass man den Radweg doch auf die Fahrbahn verlegen könne – auch wenn er dann schmaler sei als im Mobilitätsgesetz festgelegt. Das müsse man dann abklären.
Tilo Schütz, Verkehrsexperte des BUND Berlin, findet nun: „Nachvollziehbar ist, dass die abschnittsweise sehr schmalen Gehwege verbreitert werden sollen. Nicht akzeptabel und nicht erforderlich ist, dass alle 131 Bäume gefällt werden.“
Auf Morgenpost-Anfrage korrigiert das Bezirksamt die Zahl der vom BUND genannten Bäume von 131 auf 116. Nur diese Anzahl solle „entnommen werden“. Eine Abweichung davon sei nicht möglich. „Im Rahmen der geplanten Maßnahme wurde der mögliche Erhalt der Straßenbäume untersucht. Aufgrund der geringen Breiten für die Nebenanlagen (Geh- und Radweg) kann der Standort der jetzigen Bäume nicht erhalten werden. Hinzu kommt, dass erfahrungsgemäß der baubedingte tiefe Eingriff ins Erdreich zwangsläufig zu erheblichen Beschädigungen im Wurzelbereich führen wird“, antwortet ein Bezirksamts-Sprecher.
Bezirksamt beteuert, dass die Bäume „selbstverständlich“ ersetzt werden
Das Bezirksamt betont, dass „selbstverständlich“ die entnommenen Bäume ersetzt werden. „Die Standorte der Neupflanzungen werden entsprechend der zukünftigen Wegeführungen neu geordnet. 74 Bäume werden in den Nebenanlagen neu gepflanzt. Darüber hinaus ist auch der Mittelstreifen für eine Ersatzpflanzung vorgesehen.“ Die Maßnahme werde auch dafür genutzt, um Baumsorten zu pflanzen, die besser an die aktuellen klimatischen Verhältnisse angepasst sind. Darüber hinaus würden Bäume mit einem erheblich größeren Stammdurchmesser gepflanzt als gefordert.
Doch damit ist der BUND nicht zufrieden. Der beabsichtigte Umbau der Straße bedeute „eine massive Verschlechterung der Lebensqualität“ für die Anwohner, findet der Naturschutzverein. Zum Beispiel verlören die unter Denkmalschutz stehenden Wohnbauten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts „die schützenden Alleebäume ersatzlos“, es seien nur 70 insulare Neupflanzungen in anderen Straßenabschnitten vorgesehen.
50 Jahre alte Spitzahorne sollen abgeholzt werden
Der BUND Berlin fordert zwei Umplanungen: Im südlichen, von Gewerbe geprägten Abschnitt sollten Radstreifen und Parkplätzen getauscht werden, so könnten die Bäume erhalten bleiben. Im nördlichen Abschnitt mit den Wohnblocks aus den 1920er Jahren sollte der Mittelstreifen zu Gunsten der Seitenräume weiter verschmälert werden, zudem müsste abschnittsweise bei den Radstreifen und Radwegen vom Maximalmaß von 2,50 Meter abgewichen werden.
Es gebe aus biologischer Sicht keinen Grund, die Bäume abzuholzen. Insbesondere die im Durchschnitt fast 50 Jahre alten Spitzahorne an den Straßenrändern der Ollenhauerstraße zeigten laut BUND eine gute Vitalität, freistehende Exemplare verfügen über eine sehr gute Kronenentwicklung. Auch die vereinzelt an der Ostseite stehenden, rund 70 Jahre alten Schwarzpappeln „wirken recht vital“.
Uwe Bahr, Baumschutzexperte des BUND Berlin, sagt: „Insgesamt bilden die genannten Baumarten in den jeweiligen Teilabschnitten der Ollenhauerstraße für die Randbebauung mit Wohnkomplexen unverzichtbare Schattenräume in Zeiten des Klimawandels. Dazu kommt noch die Bedeutung von Altbäumen für die Stadtnatur, nicht nur wegen der Nisthöhlen. Dies ist bei Fällung durch Nachpflanzung nicht zu kompensieren.“



