Wer am Abend durch das Bötzowviertel in Berlin-Prenzlauer Berg (Pankow) geht, könnte glauben, er sei in einem Dorf, nicht in einer Großstadt, findet Roland Hoppenheit, Wirt der „Saphire Bar“. Hoppenheit lebt seit 53 Jahren in Berlin und führt die Bar seit 23 Jahren. Er hat Höhen und Tiefen erlebt. So wie heute war es aber noch nie, so seine Wahrnehmung. Früher war die Bar bis 4 oder 5 Uhr morgens voll, heute wird spätestens kurz nach Mitternacht gezahlt.

Arnswalder Platz
Ist das Bötzowviertel provinziell? Im zentralen Park am Arnswalder Platz sucht man Partygänger jedenfalls vergeblich – daran hat auch die 430.000 Euro teure Sanierung der Anlage mit dem „Brunnen der Fruchtbarkeit“ 2017 nichts geändert.© BM | Iris May

Hoppenheit beschreibt es so: „Die Straßen sind ab 20 Uhr meist so leer wie in einem brandenburgischen Dorf.“ Auch die Restaurants seien oft kaum besetzt. „Gegen 22 oder 22.30 Uhr ist einfach Schicht im Schacht.“ Hoppenheit hat seine Beobachtungen in einem Post auf Instagram geschildert, den bei Redaktionsschluss rund 27.000 Menschen gesehen und 240 Menschen kommentiert haben. Tenor: Kaum jemand kann sich Ausgehen noch leisten. Außerdem sei es abends zu gefährlich geworden.

Anwohner über das Bötzowviertel

Der Bötzow-Kiez liegt im östlichen Teil des Berliner Ortsteils Prenzlauer Berg. Im Kern befinden sich die Bötzow- und die Hufelandstraße, die von der Danziger Straße im Nordosten, dem Volkspark Friedrichshain im Süden und der Greifswalder Straße im Westen umgeben werden. Der Bötzow-Kiez gehört zu den teuersten Wohnlagen in ganz Berlin. Das Immobilienportal Engel & Völkers schreibt: „Die Bewohnerschaft besteht größtenteils aus gut verdienenden Fachkräften, Kreativen und Akademikern.“

Steve in Mamas Banh
Schauspieler Steve Windolf lebt im Bötzow-Kiez. Die Morgenpost traf ihn im vietnamesischen Restaurant „Mamas Banh“ beim Suppe-Essen.© BM | Iris May

Der Schauspieler Steve Windolf („Ku’damm 56“, „SOKO Köln“) wohnt im Kiez und sagt: „Es gibt viele Kneipen, die nicht um 10 Uhr schließen, und das Kino sorgt dafür, dass hier nicht um 10 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden.“ Sind die Bewohner hier Ausgeh-Muffel? Windolf vermutet: „Das Problem ist, dass sie wahnsinnig teure Cocktails anbieten, 16 bis 18 Euro heutzutage.“ Zudem trinke man weniger: „Leute achten vielleicht ein wenig mehr auf ihre Gesundheit.“ Empfindet er den Kiez als zu gefährlich, um nachts auszugehen? „Nein. Schade finde ich aber, dass der Park um 22 Uhr sein Licht ausmacht.“

Weindepot in Bötzowkiez
Der Berliner Dirk Piethe führt die Weinhandlung Jacques‘ Wein-Depot in der Bötzowstraße in Prenzlauer Berg.© BM | Iris May

Dirk Piethe lebt schon fast sein ganzes Leben in Berlin. Der Inhaber von Jacques‘ Wein-Depot sagt über das Nachtleben im Kiez: „Im Sommer ist bis Mitternacht noch etwas los. Allerdings geht man hier nicht nach 22 Uhr noch essen, und niemand fährt um 23 Uhr extra her, um sich an die Bar zu setzen.“ Der Kiez sei kein Hotspot für Partygänger, die gebe es eher in der Bergmannstraße, der Kastanienallee oder rund um die Kulturbrauerei. „Und das Viertel ist nicht sexy oder gehypt wie die Gegend um die Kollwitzstraße.“

Viele tendieren zum „Einigeln“

Barbesitzer Hoppenheit denkt, dass die Pandemie das Ausgehverhalten nachhaltig verändert hat. „Vorher konnte man hier auch um 22 Uhr noch problemlos ins Restaurant gehen.“ Seine Sorge: „Die Leute ziehen sich immer mehr ins Private zurück.“ Früher kamen oft Vierer- oder Sechsergruppen, die gemeinsam etwas tranken. „Kann ja auch ein Bier oder ein Glas Wasser sein.“ Heute sehe er fast keine größeren Gruppen mehr. „Als ob die Gesellschaft sich komplett abkoppelt. Man trifft sich kaum noch mit Freunden.“

Saphire Bar Pberg
Die „Saphire Bar“ bietet rund 300 Cocktails an. Auch Eigenkreationen des Chefs wie „Pyramide der Erkenntnis“ oder „Tanz der galaktischen Aliens“.© BM | Privat

Dabei sei genau das wichtig: „Wenn man sich trifft, kann man seinen Horizont erweitern. Man kann Freude teilen.“ Er beobachtet, dass Menschen zunehmend in einer virtuellen Welt leben. Dazu kommt ein Gefühl der Unsicherheit. „Es ist alles so gefährlich geworden. Dabei gibt es im Prenzlberg doch gar nicht permanent Raubüberfälle.“ Das Fazit vieler: „Einigeln.“

Zwei Wirte, zwei Standpunkte

In den Kommentaren bei Hoppenheit begründen viele den Rückzug vor allem als finanzielle Entscheidung. Das Leben sei eben teurer geworden, heißt es. Der Wirt lässt das nur teilweise gelten. „Ich habe auch keinen Lamborghini vor der Tür“, sagt er. Er spricht von der Mittelklasse im Bötzow-Kiez. „Alle sagen, dass alles so teuer ist. Aber schauen die auch auf die Preise der 90er?“ Urlaub werde weiterhin gemacht, im Sommer seien viele Autos weg. „Aber regional wird auf jeden Cent geschaut, und der Wirt ist der Böse.“ Dabei könne man doch auch einen Tonic für vier Euro trinken.

Barbesitzer klagt über Ausgeh-Muffel im Bötzow-Kiez – andere Wirte sind happy
Unternehmerin Trang Le betreibt das beliebte, vietnamesische Restaurant „Preeda“ in der Bötzowstraße. Es bietet auch Cocktails an.© FUNKE Foto Services | Florian Boillot

Trang Le, die studierte Unternehmerin und Besitzerin des beliebten Thai-Restaurants „Preeda“, lebt seit 2005 im Bötzowviertel. Ihr Restaurant, das nicht weit weg von der „Saphire Bar“ liegt, ist überaus beliebt im Kiez. Die 90 Sitzplätze sind heiß begehrt. Der beliebteste Cocktail ist die „Guave-Margarita“ für 12 Euro.

Bei den Uhrzeiten stimmt die Vietnamesin Hoppenheit teilweise zu: „Unter der Woche ist nach 23 Uhr Schluss, am Wochenende etwa nach Mitternacht. Und nach 21 Uhr kommt selten eine zweite Runde.“ Trinken die Menschen weniger Alkohol? „Zu uns kommt man eher zum Essen, auch wenn wir Cocktails anbieten“, sagt sie. Feiern die Menschen hier nie nachts? „Für Partys geht man wohl lieber in den Simon-Dach-Kiez oder nach Kreuzkölln“, sagt Trang Le.

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Das sagen Dehoga und Polizei

Und ist es wirklich gefährlich, abends auszugehen? Der Bezirk Pankow verzeichnet laut Polizei Berlin weit weniger Straftaten als der Spitzenreiter Mitte. Im Gebiet Prenzlauer Berg Ost erfasst die Polizei vor allem Delikte wie Ladendiebstahl oder Sachbeschädigung. Seltener Körperverletzung. Der Prenzlauer Berg ist kein Kriminalitäts-Hotspot. Die registrierten Kriminaldelikte sind hier sogar gesunken: von 43.058 Straftaten im Jahr 2016 auf 35.560 Fälle im Jahr 2025.

Bötzw Kiez
Prenzlauer Berg: Blick ins Bötzowviertel. Einige der Bewohner ziehen sich hier gerne mit einem guten Tropfen und Freunden in die eigenen vier Wände zurück. Mehrere Weinhandlungen zeugen davon.© BM | Iris May

Und die Getränkepreise? Die Preissteigerung in der Gastronomie ist tatsächlich statistisch belegbar. Zwischen Januar 2022 und Januar 2026 sind alkoholische Getränke laut Dehoga um 18,8 Prozent teurer geworden. Alkoholfreie Getränke sogar um 35,2 Prozent. Der Branchenreport 2026 des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga fasst es so zusammen: „Der Getränkeausschank bleibt ein schwieriges Segment. Kneipen, Bars und ähnliche Betriebe leben stark vom freiwilligen Abend- und Freizeitkonsum. Wenn Budgets knapper werden, verlagern Gäste den Konsum nach Hause.“