Die Mittagssonne scheint auf die Bronzeskulptur am Hermannplatz. Früher drehte sich das tanzende Paar langsam um die eigene Achse. Heute steht es still. Dafür rennt ein Mann mit hoch erhobener Faust den Bürgersteig entlang. Er brüllt etwas Unverständliches. Immer wieder. Passanten laufen eilig an ihm vorbei. Ältere Männer sitzen auf Bänken und lassen Gebetsperlen durch ihre Finger gleiten. Ein Streifenwagen kommt mit quietschenden Reifen hinter ihnen zum Stehen. Drei Uniformierte steigen aus, laufen dem Brüllenden hinterher, reden mit ihm, steigen wieder in ihren Wagen, fahren fort. Und der Mann brüllt weiter. Die Faust stolz gereckt.
Neukölln ist ein Bezirk, in dem Männer noch Cowboys sind. Sie gehen breitbeinig, spucken auf die Straße, markieren, dass sie da waren. Als Frau wird man nach allen Regeln der Kunst umgarnt. "Hey, Süße!", heißt es immer wieder, pubertär neckisch wird man angerempelt und kassiert Pfiffe. Willkommen im wilden Süden.
Neukölln ist aber auch der Berliner Bezirk, der seit Jahren als "das nächste große Ding" gehandelt wird. Der Stadtteil, der von Künstlern, Touristen und Yuppies gezähmt werden soll. Besonders der Reuterkiez gilt als Kolonie der Erstsemester und Jung-Galeristen. Hier lebt spannende Randgruppe neben spannender Randgruppe. Hipster neben Migrant. Längst geht es vielen auf die Nerven, das Getue um diesen Mischbezirk, dessen Spitzname fast schon ein Schimpfwort ist: Kreuzkölln. Nur was ist in den viel beschriebenen Straßen zwischen Kottbusser Damm, Sonnenallee und Maybachufer abseits des Spektakulären zu finden? Höchste Zeit, sich selbst ein Bild zu machen - von Mittag bis Mitternacht.
Der Kottbusser Damm markiert die Grenze zwischen Neukölln und Kreuzberg. Seine westliche Straßenseite gehört zu Kreuzberg, seine östliche zu Neukölln. Und beiden Seiten ähneln mittags einem Basar. Obst- und Gemüse-Auslagen reihen sich aneinander. In Telecafés kann man günstig ins Ausland telefonieren, und in den Boutiquenfenstern hängen Büsten mit bunten Kleidern. In türkischen Supermärkten wie dem Nasib Gida und dem Bolu gibt es Honig mit Waben, Sucuk in allen Größen und in Sirup eingelegte Nüsse. Auf der Kreuzberger Seite gibt es beim sudanesischen Imbiss "Nil" Gerstenmilchshake und auf der Neuköllner Seite bei "La Femme" frisches türkisches Gebäck. Mit Speisen und Getränk in der Hand lässt es sich herrlich auf den Bänken des Hohenstaufenplatzes aushalten und ältere Kreuzberger Herren beim Boulespiel anfeuern.
Weiter östlich, auf der Neuköllner Pannierstraße, werden im Friseursalon Shagi auch montags die Haare geschnitten. Meistens zumindest. Die Öffnungszeiten des Salons richten sich ganz danach, wie sich der libanesischstämmige Inhaber fühlt: "Manchmal mache ich um elf auf, manchmal um zwölf, das hängt ganz davon ab, wie lange ich schlafe", sagt Shagi, während der aus seinen Boxen tönende Lambada Urlaubsstimmung im Salon verbreitet. Seit acht Jahren blitzt Shagis Schere über den Männerköpfen des Kiezes.
Frauen bedient er nicht. "Ich habe eine OP hinter mir, das ist mir zu anstrengend und dauert auch zu lange", sagt er. Auch Färben mag er nicht mehr, die Chemikalien seien ungesund für ihn. Ein schneller Shagi-Schnitt dauert zehn Minuten und kostet zehn Euro. Quittungen schreibt er auf die Rückseite von Drucker-Testpapier. Er lächelt. Sein Kunde lächelt. Seine Ohren liegen nun wieder frei.
Kuchen und Notebooks
Wenige Meter weiter in der Weserstraße verändert sich das Gesicht des Kiezes. Jutebeutel sind hier nicht mehr bessere Einkaufsnetze, sondern legitime Handtaschen. Blonde Mädchen radeln in Stoffturnschuhen an Studenten mit durchsichtigen Bibliothekstüten vorbei.
Wo ehemals der Arbeiter-Samariter-Bund mit einer Filiale vertreten war, strahlt jetzt eine leuchtend rosafarbene Ladenfassade. Bei "Bullys Bakery" sitzt der Gast auf bunten Gartenstühlen, isst Kuchen und guckt dabei auf seinen Notebookbildschirm. Wenige Meter weiter steht ein historischer Fotoautomat. Ein junger Mann, der auf seinen Fotostreifen wartet, erklärt, er schätze an Neukölln, dass es nicht so überlaufen sei wie Mitte oder Prenzlauer Berg.
Abends wird der Kottbusser Damm zur Neonmeile. Das Gemüse ist verschwunden, stattdessen laden bunte Casinos und Wettcafés zum Spiel. Auf der Pannierstraße hingegen schwebt Grillduft durch die Straße. Er kommt aus der Kleingartenkolonie "Freie Stunde". Hinter dichten Hecken begrüßen dort Familien den Feierabend mit Fleisch, Salat und elektronischer Musik. In der nahen Weserstraße diniert man hingegen direkt hinterm Ladenfenster. "Vin Aqua Vin" heißt ein winziger Weinhandel, der wie an diesem Abend manchmal auch zum Dinner lädt. Schwäbische Küche steht auf dem rustikalen Tisch. "Aber wir halten hier auch Weinseminare ab", verspricht einer der Angestellten. Bis zu acht Weine kann man an einem Abend in dem kleinen Handel testen. Zum Rauchen geht es nach draußen: "30 werden war furchtbar", sagt ein Gast mit Weinglas und Zigarette. "Aber zum Glück ist das jetzt schon 30 Jahre her."
Am Maybachufer, das laut modifiziertem Straßenschild hier "MyPackUfer" heißt, lassen sich idyllische, fast schon kitschige Stadtsommernächte verbringen. Ein Schwan zieht seine Bahnen, während sich ein junges Paar in den Armen hält. Das große Kreuzköllner Abenteuer ist hier nicht zu finden. Zurück geht es in Richtung Reuter- und Weserstraße. Auf der eigentlich ruhigen Hobrechtstraße plötzlich laute Musik. Eine offene Tür, davor zwei Stühle und Bier. "Ist das hier eine Bar?" "Nein. Das ist 'ne Wohnung."
Friseursalon Shagi Pannierstraße 58. Mo.-Sbd. geöffnet je nach Laune
Türkischer Supermarkt Nasib Gida Kottb. Damm 22. Mo.- Sbd., 8-20 Uhr
Weinhandel Vin Aqua Vin Weserstraße 207. Mo.-Fr., 17-20 Uhr, Sbd., 14-21 Uhr.
Café "Bullys Bakery" Friedelstr. 7. Mo. bis Fr., 7-18 Uhr, Sbd., 9-18 Uhr, So., 10-18 Uhr

