Zusammenfassung

  • Vor der Bundestagswahl 2025 waren Belästigungsvorwürfe gegen Stefan Gelbhaar veröffentlicht worden.
  • Der Grünen-Politiker kandidierte nicht erneut um einen Sitz im Bundestag – und klagte in Teilen mit Erfolg gegen Falschberichterstattung.
  • Nun will Gelbhaar zurück in die Politik: Er will sich als Kandidat fürs Abgeordnetenhaus aufstellen lassen.

Rund zehn Monate war Stefan Gelbhaar von der politischen Bildfläche verschwunden. Kurz vor der Bundestagswahl 2025, als er für die Grünen in Pankow erneut in den Bundestag einziehen wollte, berichteten Medien über Belästigungsvorwürfe von Frauen aus der eigenen Partei. Gelbhaar stritt alles ab und klagte vor Gericht in Teilen erfolgreich wegen Falschberichterstattung, da sich einige der eidesstattlichen Aussagen als erfunden herausstellten. Der Bundesvorstand der Grünen stellte Strafanzeige gegen eine Politikerin. Doch der Image-Schaden für Gelbhaar war angerichtet und einige Frauen blieben bei ihren Aussagen.

Donnerstag

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Jetzt plant Gelbhaar sein Comeback: 2026 möchte er für die Grünen bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus antreten und für den Wahlkreis 6 in Berlin-Pankow im Landesparlament mitmischen. Im exklusiven Morgenpost-Interview spricht der Politiker über die Beweggründe seiner Kandidatur, seinen Blick auf die Vorwürfe und darüber, wie er gemeinsam mit seiner Partei in die Zukunft blicken möchte.

Herr Gelbhaar, warum haben Sie sich entschieden, für das Abgeordnetenhaus zu kandidieren? 

Stefan Gelbhaar: Ich bin Berliner – die Stadt treibt mich an, sie nervt mich, sie inspiriert mich. Der aktuelle Senat bringt alle auf die Palme, löst weder die Verkehrs-, Schulplatz- noch die Wohnungsprobleme. Ich mache gern Politik – trotz allem, was damit zusammenhängt. Und ich finde, dass diese Kandidatur jetzt der richtige Schritt ist. Darin wurde ich von vielen Menschen bestärkt.

Es gibt aber eine Vorgeschichte. Sie sind das Gesicht eines der größten politischen Skandale der jüngeren Vergangenheit. Ihre Partei hat Sie deshalb für die Bundestagswahl 2025 nicht mehr aufgestellt. Was hat sich seitdem geändert, dass Sie jetzt wieder kandidieren? 

Gelbhaar: Das war eine sehr bittere Zeit im Januar. Danach ist die Intrige mitten im Wahlkampf aufgeflogen. In einem entscheidenden Bundestagswahlkampf so was so durchzuziehen, ist ziemlich unfassbar. Teil von Politik ist leider auch Intrige, wobei das Wort hier verharmlosend ist. Robert Habeck hat von großer krimineller Energie gesprochen. Meine Partei konnte das enorme mediale Echo mit Blick auf den Wahlkampf nicht tragen.

Mittlerweile kann ich das ein Stück weit akzeptieren, es ist Zeit vergangen. Alle konnten die krassen Geschehnisse ein Stück weit verarbeiten und reflektieren. Meine Kandidatur ist auch ein Angebot, Gespräche zu führen, in Ruhe aufzuarbeiten und zu heilen. Und vor allem gemeinsam als Bündnisgrüne einen starken Wahlkampf hinzulegen.

Sie sprechen von einer Intrige. Aber es gibt Frauen, die bei ihren Vorwürfen bleiben. Sie kritisieren übergriffiges Verhalten und Situationen, in denen sie sich nicht wohlgefühlt haben. Streiten Sie ab, dass es Fehlverhalten Ihrerseits gab?

Gelbhaar: Die Vorgänge sind aufgeklärt, die gerichtlichen Entscheidungen gegen einzelne Medien wegen falscher Verdächtigungen als auch gegen ein Mitglied wegen falscher Behauptungen waren da sehr klar. Der Bericht der Kommission des Bundesvorstandes hat eine Intrige bestätigt. Ich hätte mir allerdings gewünscht, das Ombudsverfahren abzuschließen, um Verständnis und Lösungen zu finden. Das kann ich aber nicht erzwingen – dazu gehören zwei Seiten.

Glauben Sie nicht, dass viele von den Leuten, die Sie da kritisch betrachten, sich mehr Selbstkritik wünschen würden, bevor Sie zurück in die Politik kommen?

Gelbhaar: Die Intrige bestimmt seit fast einem Jahr meinen Alltag. Ich habe sehr intensiv über alles nachgedacht und mit vielen Menschen gemeinsam und durchaus hart in der Sache reflektiert – über Intrige und Verleumdung wie auch über zwischenmenschliche Enttäuschungen, Missverständnisse, kommunikative Fehler. Wir leben in einer Welt von ungleichen Machtdynamiken. Es gehört zu meinem Selbstverständnis, mich damit auseinanderzusetzen, auch, mich dazu beraten zu lassen. Das habe ich in den letzten Monaten nochmal intensiver getan.

Stefan Gelbhaar Grünen-Politiker
Stefan Gelbhaar beim Interview in der Morgenpost-Redaktion.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Trotzdem bleibt bei vielen ein Störgefühl.

Gelbhaar: Das Störgefühl teile ich. Störgefühle sind immer schwierig. Daran kann und muss man arbeiten. Und das Unwohlsein so überwinden. Ich hätte mir mehr direkte Gespräche gewünscht und wünsche sie mir.

Warum treten Sie jetzt wieder für die Partei an, in der Ihrer Ansicht nach Mitglieder an der Intrige gegen Sie beteiligt waren?

Gelbhaar: Es gibt viele Mitglieder, die mich durch die gesamte Zeit aktiv und sichtbar unterstützt haben. Und zudem: Eine Partei darf sowas nicht durchgehen lassen. Insofern ist meine Kandidatur ein Angebot, als Bündnisgrüne gemeinsam zu zeigen: Intrigen sollen nicht erfolgreich sein. Das wäre für die politische Kultur wichtig und heilsam.

Zweiter Punkt: Ich glaube, dass wir als Bündnisgrüne es noch nicht geschafft haben, in der Aufarbeitung eine gemeinsame Erzählung zu dem Ganzen zu finden, die alle Seiten mitberücksichtigt. Das ist aber wichtig. Das wird nicht durch Aussitzen gelingen. Mag sein, dass meine Kandidatur für einige störend ist, aber Politik ohne Stören hat es noch nie gegeben. 

Gegen falschen Applaus kann man sich nur schwer wehren.

Stefan Gelbhaar, Bündnis90/Die Grünen, über Zuspruch aus rechten Kreisen

Es gab nach dem Bekanntwerden des Falls Stimmen, die sagten, jetzt werde ein Verhaltensmuster der Grünen einem Grünen selbst zum Verhängnis. Was sie meinten, war wohl eine Art der schnellen Verurteilung. Werden in Ihrer Partei manchmal voreilige Schlüsse gezogen? 

Gelbhaar: Wenig ist den Menschen näher, als schnell zu urteilen. Und da sind Mitglieder von Bündnis 90/Die Grünen natürlich keine Ausnahme. Uns als Partei ist auf die Füße gefallen, dass wir keine Strukturen für einen ordnungsgemäßen Umgang mit solchen Vorwürfen haben. Der Bundesparteitag wird das nun ändern. Gut so. Denn: Bündnis 90/Die Grünen hat sich seit jeher Gleichberechtigung und Gleichstellung verschrieben, und das braucht es unbedingt.

Ebenso wichtig ist, dass die Partei sich insbesondere mit dem „Bündnis 90” im Namen als rechtsstaatliche Partei sieht, fühlt und führt. Es gilt, betroffene Menschen ernst zu nehmen, Vorwürfen nachzugehen und Sachverhalte zu klären. Dann gelingt es, eine feministische Rechtsstaatspartei zu sein, die in aller Härte für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung kämpft und arbeitet.

Aus rechten Kreisen bekommen Sie Applaus. Ist das nicht schädlich für die Grünen?

Gelbhaar: Gegen falschen Applaus kann man sich nur schwer wehren, dieser Applaus ist völlig daneben und befremdet mich. Denn klar ist doch: Diese Intrige hat Menschen geschadet, und zwar insbesondere Frauen. Sie erleben alltäglich Belästigung, Missbrauch und Gewalt. Gewisse Kreise sehen den Fall aber als Bestätigung, dass Frauen lügen. In meinem Fall gab es das, aber die gesellschaftliche Normalität ist leider eine andere.

Das klingt, als wollten Sie sagen: Es gibt Fälle, in denen Frauen übergriffiges Verhalten erfahren – aber nicht bei mir. Sind Sie bereit zu akzeptieren, dass manche Frauen sich in Ihrer Nähe unwohl gefühlt haben?

Gelbhaar: Die Gerichtsurteile sind sehr klar und ich bitte darum, das auch anzuerkennen. Aber dabei will ich nicht stehen bleiben. Denn: Unwohl fühlen, das kann passieren und das passiert. Gerade in der Politik. Ich möchte gerne klären, wie es zu unterschiedlichen Wahrnehmungen, aber auch Falschbehauptungen kommen konnte. Intensiv habe ich darüber nachgedacht, wo und wie ich Anlässe für ein „Unwohlfühlen“ gesetzt haben könnte und meine Schlüsse gezogen. Ich wünsche mir da Wege zu Gesprächen, zu einer Mediation. Denn es geht um unterschiedliche Wahrnehmungen, herauszuarbeiten, was leid tut, um Verantwortung und Achtsamkeit im Miteinander.

Warum glauben Sie, dass Sie jetzt eine realistische Chance haben, in Ihrem Wahlkreis zu gewinnen?

Gelbhaar: Ich kenne den Wahlkreis, bin mit ihm seit vielen Jahren verwoben, kenne Menschen und Institutionen hier, vom Kinderbauernhof über die Freunde des Mauerparks bis zum Mitmachmuseum. Ich habe hier Bäume gepflanzt, an der Verkehrsinfrastruktur mit geplant, Mieterinnen und Mieter beraten und unterstützt. Ich bringe ein bisschen Erfahrung, Ideen und den Elan mit, Lösungen zu finden.

Stefan Gelbhaar Grünen-Politiker
Stefan Gelbhaar (Grüne) möchte 2026 für den Wahlkreis Pankow 6 ins Berliner Abgeordnetenhaus einziehen.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Aber warum treten Sie ausgerechnet in Pankow an, wo all das passiert ist?

Gelbhaar: Ich bin halt Pankower. Ich will, dass die Schwimmbadruine in Pankow, wo ich Schwimmen gelernt habe, nach über 20 Jahren endlich mal wieder aufgebaut wird. Ich weiß, was alles bei der Verkehrspolitik in Pankow gehen könnte, wenn der Senat da mal die Hufen hochkriegt. Ich finde es krass, wenn mir Mieterinnen und Mieter am Arnim-Platz erzählen, dass ihre Vermieterin einen Hausmeister bestellt, der ihnen Benzin in den Hausflur kippt. In und für Berlin und eben insbesondere Pankow Politik zu machen – das treibt mich an.

Glauben Sie, die weiblichen Grünen-Wählerinnen werden Sie wählen?

Gelbhaar: Mir haben viele Frauen in dieser Zeit beigestanden und mich zur Kandidatur ermutigt. Ich arbeite für eine Gesellschaft des Miteinanders und setze mich klar für Gleichberechtigung und Gleichstellung ein. Das passt zu Bündnis 90/Die Grünen, für diese Grundsätze stehe ich und versuche sie konkret mit Leben zu füllen. In der Vergangenheit habe ich das getan, das will ich auch in Zukunft.

Sie treten gegen Ihre Parteikollegin Sunčica Klaas an. Was macht Sie zum besseren Kandidaten?

Als Bündnis 90/Die Grünen wollen wir den Wahlkreis wieder gewinnen, das ist kein Selbstläufer. Erinnert sei an den überraschenden Verlust des sicher geglaubten Bundestagswahlkreises Friedrichshain-Kreuzberg. Wesentliche Themen wie Verkehr und Klima, Mieten und Schule werden entscheidend sein. Da kann ich ein bisschen was, zum Beispiel mit dem Deutschlandticket, vorweisen. Außerdem passt es, wenn in diesem Wahlkreis an der Bornholmer Brücke und rund um die Gethsemane-Kirche ein Ost-Berliner seinen Hut in den Ring wirft.

„Das Kapitel Politik ist noch nicht zu Ende geschrieben.“

Stefan Gelbhaar, Bündnis90/Die Grünen, über sein geplantes Comeback

Sollten Sie ins Abgeordnetenhaus einziehen, würden Sie den Wahlkreis Ihres Kollegen Andreas Otto erben. Welche seiner Themen wollen Sie fortsetzen, wo wollen Sie neu anpacken?

Gelbhaar: Andreas Otto hat die großen und auch kleinere Themen vorangebracht, Holzbau in Berlin verankert, sich um Jahn-Sportpark, Collosseum und Radverkehr, wie auf der Schönhauser Allee, gekümmert. Er ist wesentlich mit dafür verantwortlich, dass der Mauerpark heute so groß ist. Wenn es um Ost-Themen geht, wird er gefragt. Diese Themen müssen allesamt fortgeführt werden. Und noch mehr. Der zweite Zugang zur S-Bahn-Station Prenzlauer Allee gehört forciert. Das Comeback vom Knaack-Club ist seit langem versprochen und nicht umgesetzt. Ich will einen neuen Anlauf beim Mietendeckel, der die Bundeskompetenzen beachtet. Das „Bezahlbare-Mieten-Gesetz” der Abgeordnetenhausfraktion hat den Finger bereits in die Wunde gelegt. Ich hadere mit der A100 und glaube, wir können diese irren Planungen zum Erliegen bringen, ja, stoppen. 

Verraten Sie mal, wie das geht. 

Gelbhaar: Ich meine, dass dies durch ein Landesgesetz möglich ist. Ich habe dazu einen Entwurf geschrieben und würde den gerne fachlich im Abgeordnetenhaus diskutieren.

Die Grünen treten bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus mit einer Landesliste an für jene, die nicht direkt einen Wahlkreis gewinnen. Sehen Sie diese als Backup für sich? 

Gelbhaar: Mein Fokus ist die Wahlkreisaufstellung am 8. November.

Haben Sie in den vergangenen Monaten auch überlegt, wieder abseits der Politik Karriere zu machen?

Gelbhaar: Natürlich kann ich weiter als Anwalt arbeiten, etwa wieder Menschen aus der Umweltbewegung verteidigen, oder mich anderweitig in die Mobilität einbringen. Trotzdem ist da dieser Gedanke: Das Kapitel Politik ist noch nicht zu Ende geschrieben. Gute Gesetze erarbeiten, für Berlin arbeiten, das biete ich an. Ob das angenommen wird, da muss ich wie alle abwarten.

Verspüren Sie mit Blick auf die Wahl am 8. November Nervosität?

Gelbhaar: Ich würde mich wundern, wenn ich, kurz bevor ich meine Rede halte, nicht nervös bin. Das fände ich sehr merkwürdig.