Stefan Gelbhaar (48) trägt schwer an dem, was in den vergangenen Monaten passiert ist. Der Berliner Bundestagsabgeordnete der Grünen hatte nach zum Teil erfundenen Vorwürfen von sexuellen Übergriffen sein sicher geglaubtes Mandat in Pankow verloren. Entsprechend müde und grau sieht er in einem Bericht des NDR-Medienmagazins Zapp aus, der jetzt in der ARD-Mediathek und auf YouTube zu sehen ist. Darin gehen die Autorinnen dem Fall selbst nach, aber such dem Umgang verschiedener Medien damit. Besonders brisant war, dass der RBB den falschen Anschuldigungen einer angeblichen Betroffenen geglaubt hatte, ohne deren Identität zu prüfen. Gleichwohl bleiben Vorwürfe gegen Gelbhaar von weiteren Frauen über grenzüberschreitendes Verhalten es mächtigen, älteren Mannes gegenüber jungen Frauen weiter bestehen.

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„Ist ein Flirt ein grenzüberschreitendes Verhalten?“, fragt Gelbhaar die Interviewerin zurück. Es gehe um ein ungleiches Machtverhältnis, antwortet die Journalistin. Die Frage sei, wie sehr Macht ein Teil dieser Beziehungen sei. Gelbhaar kontert, Macht gebe es überall und es gebe in einer „riesigen Partei“ wie den Grünen „keine Pflicht und keinen Anspruch, miteinander zu interagieren“. Die jungen Frauen und Männer bei den Grünen seien nicht schüchtern, viele zeigten sich sogar „sehr sendungsbewusst“, sagt Gelbhaar weiter.

Gelbhaar weist seiner Parteifreundin Schedlich eine zentrale Rolle in der Affäre zu

Er ist mit Erfolg gegen seine Parteikollegin, die Berliner Landes-Abgeordnete Klara Schedlich, vorgegangen. Sie hatte von ungewollten Berührungen an Arm und Rücken, nächtlichen Chats und Einladungen in eine private Wohnung berichtet. Das darf sie nun nicht weiter verbreiten.

Gelbhaar schreibt der jungen Politikerin eine zentrale Rolle in dem Fall zu. Sie habe gemeinsam mit der Urheberin der erfundenen Vorwürfe weiter gehender Übergriffe den Kontakt zum RBB gesucht, sagt er in dem Bericht und so die für ihn „verheerende Berichterstattung“ mit ausgelöst, die zu Rücktritten unter anderem des RBB-Chefradakteurs geführt hatte.

Das erste Interview mit Zapp brach Stefan Gelbhaar ab, machte dann einen zweiten Versuch

Weil er die Fragen an ihn vorverurteilend findet, bricht Gelbhaar nach Angaben von Zapp ein erstes Interview ab. Später revidiert er seine Meinung und setzt das Gespräch mit der Zapp-Reporterin fort, in seinem Urlaub an der Ostsee. Er erinnert an die weitreichenden „menschlichen Konsequenzen“ der falschen RBB-Berichterstattung, nicht nur für ihn selbst, sondern auch für andere. Dabei hätte man, so Gelbhaar, sehr leicht herausfinden können, dass die angegebene Person nicht existierte und an der angegebenen Adresse nicht wohnte.

Nachdem der Fehler des RBB mit der nicht überprüften Kronzeugin gegen Gelbhaar aufgeflogen war, neigten laut Zapp viele Medien dazu, den Politiker vollends zu rehabilitieren. Das Magazin stellt aber mit Bezug zur MeToo-Debatte auch heraus, dass es sich bei einigen von Gelbhaars Kontakten zu Frauen eben doch um „Grenzfälle“ gehandelt habe. Gerade in der grünen Partei hätten die Frauen nicht erwartet, dass ihnen so etwas passiert. Linda Kanellos-Okur, für das katholische Erzbistum Berlin im Rundfunkrat des RBB, hat das letzte Wort in dem Beitrag. Für alle Opfer sexueller Gewalt sei es durch die fehlerhafte Berichterstattung nun viel schwerer geworden, mit Vorwürfen durchzudringen.