Diese Kneipe in Prenzlauer Berg ist keine beliebige. Diese Kneipe darf nicht sterben – so viel machen die Protestteilnehmer schon in der ersten Minute ihrer Versammlung klar. „Dass wir uns dem Kommerz immer wieder opfern, ist eine Schande“. „Diese Plattmacherei, diese lahm gelegten Viertel. Es ist Zeit, sich zu wehren.“ Es ist ein eher ungewöhnlicher Zeitpunkt zum Verteidigungskampf mit solchen Sätzen. Neben Bernd und Ronald haben sich an diesem frühen Mittwochnachmittag rund drei Dutzend weitere Menschen auf dem Grünstreifen der Metzer Straße im Kollwitzkiez in Prenzlauer Berg zusammengefunden. Gemeinsam kämpfen sie für den Erhalt des den meisten hier über viele Jahre lieb und teuer gewordenen Kultur-Treffpunkts, direkt auf der anderen Straßenseite. Gegen den Schub der Gentrifizierung.

Donnerstag

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Es geht um die WATT-Bar, deren Betreiberin Sindy Kliche und eine eigens gegründete Initiative um die Rettung der Gaststätte kämpfen, die wie ihre Vorgänger in diesen Räumlichkeiten ein breit gefächertes Kulturangebot und ein buntes Publikum vereinen. Die Morgenpost hatte vor einigen Wochen berichtet.

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WATT-Bar in Prenzlauer Berg: „Es geht darum, Aufmerksamkeit zu schaffen“

Die Initiative „WATT retten“ hat an diesem Tag zum ausdrücklich stillen Protest aufgerufen. Friedlich, ohne Provokation, ohne Zwischenrufe. Anlass war eine angekündigte Begehung der Bar-Räumlichkeiten durch Eigentümer, Nachmieter und Architekten. Kliche kritisiert, dass die Besitzer des Eckgebäudes – selbst Kulturschaffende – den Mietvertrag ohne Gesprächsbereitschaft auslaufen lassen wollen. Wie Kliche der Morgenpost erzählt hat, sollte es im Dezember zuerst um Vertragsverhandlungen gehen.

Stattdessen sei ihr bei dem Termin ein Schreiben überreicht worden, dass der Mietvertrag nicht verlängert werde. „Es geht darum, Aufmerksamkeit zu schaffen“, sagt Robert Mießner, Sprecher der Initiative, der Morgenpost, während die Protestierenden auf das Erscheinen der ganz in der Nähe wohnenden Eigentümer warten. Mit ganz konkreten Hoffnungen will Mießner die Veranstaltung nicht verbinden.

Protest vor WATT-Bar Prenzlauer Berg
„Leben ohne WATT?“ Die für die Rettung der beliebten Bar gegründete Initiative „WATT retten“ hat am Mittwochnachmittag zum stillen Protest aufgerufen.© Berliner Morgenpost | Sebastian Struwe

Beliebtem Treffpunkt droht das Aus: „Es ist nicht bloß eine Szenekneipe“

Die meisten der Teilnehmer des heutigen Tages sind etwas älteren Semesters, nur ganz vereinzelt stehen Jüngere im Pulk. Viele der Protestteilnehmer haben die Bar schon besucht, bevor sie das WATT war. Viele haben hier schon seit DDR-Zeiten Bier getrunken und sich über Kunst, Kultur und das Leben unterhalten. Gleich mehrfach fällt auf dem Grünstreifen der Begriff „Wohnzimmer“. Auch Silka benutzt ihn. „Damit die Kultur lebendig bleibt, braucht es solche Orte“, sagt sie. Franka kennt den Kiez seit 1978 und drückt es etwas emotionaler aus: „Jeder, der einen kulturellen Ort wie diesen platt macht, ist in meinen Augen ein Verbrecher.“

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Auch Bernd besucht die Bar schon seit vielen Jahren, bedauert allerdings auch ganz generell das Sterben der Berliner Eckkneipen. Daniela geht es ähnlich. „Es hat über die Jahrzehnte so viel zugemacht“, erzählt sie. Das WATT zähle zu den letzten guten, die übrig geblieben sind. „Es ist nicht bloß eine Szenekneipe. Da findet so viel Kulturelles statt“, merkt sie an.

Protest vor WATT-Bar Prenzlauer Berg
Rund 40 Menschen haben sich auf dem Grünstreifen vor der WATT-Bar in Prenzlauer Berg versammelt. Mit dabei: Das im Kiez mittlerweile bekannte Plakat „WATT muss bleiben“.© Berliner Morgenpost | Sebastian Struwe

Plötzlich tritt die Betreiberin des WATT vor die Protestierenden

Eine Dreiviertelstunde nach Start des stillen, aber klar formulierten Aufbegehrens, hat auf der anderen Straßenseite noch immer niemand die Bar betreten. Keine Nachmieter und Architekten, vor allem aber nicht das Eigentümerpaar, dem der Protest gilt. Kommen sie noch? Meiden sie ganz bewusst die Szenerie? Bereits bei einer ähnlichen Veranstaltung im April sei niemand erschienen, sagt Mießner. „Nicht, dass sich das wiederholt.“

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Ein Hauch von Niedergeschlagenheit liegt in der Luft – als plötzlich Sindy Kliche aus der Bar tritt und auf die wartende Menge zugeht. Diese wiederum formiert sich gespannt im Halbkreis um sie. Es habe in der Bar ein Gespräch mit einem Vertreter der Hausverwaltung gegeben, sagt sie. Die sehe sich in vermittelnder Rolle und habe eine Idee. Eine Rückmeldung der Eigentümer dazu gebe es jedoch noch nicht.

„Die Hausverwaltung hat eine Empfehlung ausgesprochen, zu versuchen in Kontakt zu kommen, mit ganz konkreten Mietpreisvorstellungen“, erzählt sie die aufmunternde Botschaft und wirkt nicht viel weniger überrascht als ihre Unterstützer um sie herum: „Was mir bis dato suggeriert wurde, war: Es gibt keine Verhandlungsbasis, der Nachmieter steht fest, der Drops ist gelutscht. Vielleicht ist doch noch nicht die letzte Messe gesungen.“