„Der Weltraum, unendliche Weiten“, heißt es im Intro der womöglich bekanntesten Science-Fiction-Serie der Welt, „Raumschiff Enterprise“. Die Faszination für die Astronomie ist dabei ungebrochen: Im vergangenen Jahr besuchten knapp 290.000 Menschen das Zeiss-Großplanetarium in Berlin. Das sind die höchsten Zahlen seit seiner Eröffnung 1987 und fast 30.000 mehr als im bisherigen Rekordjahr 2019 noch vor der Corona-Pandemie. Mitverantwortlich für diesen Erfolg könnte die realitätsnahe Darstellung des Firmaments durch einen Sternprojektor sein.
Eine Technik, die vor genau 100 Jahren erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Während ein solcher Projektor in München seine Premiere feierte, reklamiert die Einrichtung in der Hauptstadt für sich, die größte und meistbesuchte ihrer Art im deutschsprachigen Raum zu sein. Tim Florian Horn, Vorstand der Stiftung Planetarium Berlin, liefert einen Einblick in die Anziehungskraft der Materie.
„Der Sternenhimmel fasziniert die Menschheit seit ihren Anfängen“, sagt Horn. Dabei habe der Anblick für ihn etwas „Erhabenes“, rege zum Nachdenken über Fragen an, woher wir kommen und ob wir allein im Universum sind, sagt er. Dabei ist der 41-Jährige seit dem Besuch eines Astronomie-Vereins mit zwölf Jahren selbst im „Sternenfieber“. Nach einem Studium der „Multimedia Production“ in Kiel und einer ersten Station als Produktionsleiter am Hamburger Planetarium, führte ihn sein Weg in die USA, wo er auch noch Astronomie studierte. Seit seiner Rückkehr nach Deutschland vor zehn Jahren leitet er das Zeiss-Großplanetarium, ist seit 2016 als alleiniger Stiftungsvorstand auch noch für drei weitere astronomische Einrichtungen verantwortlich.

Zeiss-Großplanetarium war Prestigebau für Ost-Berlin
Die Bedeutung des Zeiss-Großplanetariums für das damals noch geteilte Berlin erläutert Horn so: „Das Planetarium sollte ein Palast der Sterne werden.“ Denn das Unternehmen Carl Zeiss aus Jena gehörte auch zu DDR-Zeiten zu den führenden Herstellern von Sternprojektoren weltweit. Bis zur Eröffnung nur wenige Jahre vor dem Mauerfall gab es in Ost-Berlin als Hauptstadt der DDR keine solche Einrichtung. Entsprechend hoch war der Anspruch an den Prestigebau im Bezirk Pankow.

Eine Rolle mag dabei auch die Tatsache gespielt haben, dass es im Westteil schon ein Großplanetarium gab: das Planetarium am Insulaner. 1965 am Fuße des Berges eröffnet, auf dem sich die Wilhelm-Foerster-Sternwarte befindet, ist das älteste noch in Betrieb befindliche derartige Gebäude in Berlin. Es sollte als Ersatz für einen im Krieg zerstörten Vorgänger am Zoo dienen. „Und hat ebenfalls einen Sternprojektor von Zeiss bekommen – allerdings aus Westproduktion“, wie Horn erklärt.
Technik transportiert Faszination für die Astronomie
Denn während das Ursprungsunternehmen in Jena zum volkseigenen Betrieb wurde, baute ein Teil der Belegschaft eine neue Firma mit demselben Namen in Oberkochen in Baden-Württemberg auf. Seit diesem Sommer nun wird das Planetarium in Schöneberg umfassend modernisiert und soll in gut zweieinhalb Jahren wiedereröffnen. Mit einem neuen Sternprojektor, dann aus dem ebenfalls wiedervereinten Unternehmen Zeiss.
Mehr zum Thema Astronomie lesen Sie hier:
Die Geschichte der Sternwarten in Berlin reicht allerdings noch weiter zurück. Anders als im Planetarium können dort reale Himmelsobjekte mit einem Teleskop beobachtet werden. Mit der 1896 eröffneten Archenhold-Sternwarte verfügt Berlin über die nach eigenen Angaben älteste in Deutschland. Wie die vorher genannten Einrichtungen wird sie seit 2016 von der Stiftung Planetarium Berlin betrieben. Zusammen verzeichneten sie mit 411.000 Besucherinnen und Besuchern im vergangenen Jahr einen Höchstwert. Dazu gibt es mit der 1982 eröffneten Bruno-H.-Bürgel-Sternwarte im Bezirk Spandau noch eine weitere astronomische Einrichtung in Berlin.

Doch zurück zum Zeiss-Großplanetarium mit 307 Sitzplätzen an der Prenzlauer Allee: „Unser erster Sternprojektor, der Cosmorama, war der erste computergesteuerte Projektor“, blickt Tim Florian Horn zurück. Dieser verrichtete bis 2014 seinen Dienst in der Kuppel, angetrieben von einem Chip von Robotron, dem volkseigenen Computerhersteller der DDR, ehe das Planetarium in einer zweijährigen Umbauphase umfassend modernisiert wurde.
Moderne Planetarien erlauben Reise durch Raum und Zeit
Wie sehr Technik und Astronomie Hand in Hand gehen, erlebt man, wenn Horn begeistert die Fähigkeiten des neuen Sternprojektors erläutert. Das Modell – nach wie vor von der Firma Zeiss – sorgt in Kombination mit acht Planeten- und zehn Videoprojektoren als sogenannte Fulldome-Technik dafür, dass nicht nur der Himmel abgebildet werden kann, wie er von unserem Sonnensystem aus zu sehen ist. Gewissermaßen ist sogar eine Reise durch Raum und Zeit möglich. „Damit können wir auch von der internationalen Raumstation ISS auf die Erde blicken oder binnen Sekunden zum 4,2 Lichtjahre entfernten nächstgelegenen Stern Proxima Centauri fliegen“, so der Planetariums-Chef und fügt an: „Mit einem Raumschiff mit heutiger Technik würde der Flug übrigens 100.000 Jahre dauern.“

Die Sterne werden dabei gestochen scharf mit 8K in die Kuppel projiziert, was der doppelten Auflösung moderner Flachbildfernseher entspricht. Reichte 1987 ein Chip, wird die dazu nötige Rechenpower nach Angaben von Tim Florian Horn heute von 40 Servern auf einer Etage unter dem Kuppelsaal bereitgestellt. LED-Technik sorge dabei dafür, dass die Projektion noch lichtstärker wird und zugleich weniger Strom verbraucht. Entsprechend weitgefächert seien heute die Möglichkeiten des Planetariums, dessen Programm mit der Wiedereröffnung eine Neuausrichtung zu einem „Wissenschaftstheater“ erfahren habe.
Planetarien in Berlin erreichen mit Neuausrichtung immer mehr Menschen
Neben dem Blick in den Sternenhimmel stehen heute Filme für Kinder und Erwachsene mit Bezug zur Astronomie auf dem Programm, dazu gibt es „kosmische“ Konzerte, die durch die musikalische Untermalung mit 50 Lautsprechern in der Kuppel besonders eindrücklich wirken. Zusätzlich werden immer wieder Workshops angeboten. Jüngst berichtete erst der deutsche Astronaut Matthias Maurer von seinem sechsmonatigen Aufenthalt auf der ISS, von dem er erst im vergangenen Jahr zurückgekehrt ist.
Für Tim Florian Horn macht die Besonderheit des Planetariums heute auch aus, wie schnell auf aktuelle Ereignisse reagiert werden kann. „Wenn das James-Webb-Weltraumteleskop Aufnahmen neuer Entdeckungen aus dem All veröffentlicht, können wir die Bilder per Tastendruck herunterladen und zeigen“, sagt er. Daten, wie die Flugbahn eines neuen Kometen, seien meist bereits wenige Tage nach der Entdeckung im System. So könnten die neuesten Erkenntnisse der Astronomie anschaulich präsentiert werden. Für den 41-Jährigen einer der schönsten Aspekte an seinem Job.
Grüner Komet: Aktuelle Himmelsereignisse üben große Anziehungskraft aus
Als im Februar dieses Jahres etwa der grüne Komet C/2022 E3 die Erdumlaufbahn passierte – auch Neandertaler genannt, weil er zuletzt zu Lebzeiten der Urmenschen die Erde streifte – richtete etwa die Archenhold-Sternwarte Sonderöffnungszeiten in den Abendstunden ein, um den Menschen einen Blick auf das Himmelsphänomen zu ermöglichen. Hunderte Menschen kamen dazu nach Alt-Treptow.

Eine Gefahr für das Planetarium durch neue Entwicklungen wie Virtual-Reality-Brillen oder immer besser werdende Teleskope für Laien sieht Tim Florian Horn übrigens nicht. Eher im Gegenteil. „Das Interesse am Thema Astronomie ist groß“, sagt er, und es werde von immer erschwinglich werdender Technik eher noch befeuert. Er sieht das als Chance, auch Besucher zu begeistern, die früher eher nur drei Mal im Leben ins Planetarium gekommen wären: als Kind, als Eltern und Großeltern.
Mehr aus Berlin lesen Sie hier:
Denn es gibt noch einen weiteren Aspekt, der das Planetarium ausmacht. „Nur hier kann man gemeinsam zu den Sternen fliegen“, sagt Horn. Viele der Programme sind live moderiert, auch vom Vorstand selbst. Zuschauer könnten auch bei vollem Saal Fragen stellen und so gemeinsam ein Aha-Erlebnis haben. Und das gemütlich, zurückgelehnt in Sesseln, die den unverstellten Blick in die Kuppel ermöglichen.



