Wer es endlich geschafft hat, sich einen Termin im Bürgeramt zu ergattern und sich im Warteraum des Amts im Rathaus Pankow niederlässt, weiß vielleicht nicht, dass er noch vor einigen Jahren seinen Platz mit einem massiven Betonblock hätte teilen müssen. Hier erfahren Sie alle Infos zu dem mysteriösen Zimmer und einem zweimal wiederentdeckten Lost Place.

Das sind die Fakten zum vergessenen Zimmer im Rathaus Pankow im Überblick:

  • Adresse: Warteraum Bürgeramt Pankow, Rathaus Pankow, Breite Straße 24a-26, 13187 Berlin-Pankow
  • Geschichte: Errichtung des Rathauses 1901 bis 1903; Bunkerbau und Versiegelung des Rathauszimmers 1942/1943; erste Wiederentdeckung mit Sanierungsarbeiten 1984; zweite Wiederentdeckung und Wiederherstellung 2001
  • Führungen: keine
  • Status: ehemaliger Lost Place
  • Planung: Keine

Wo liegt das Rathaus Pankow genau?

Das Rathaus Pankow befindet sich in der Breiten Straße 24a-26 im Ortsteil Pankow. Mit der S- und U-Bahn ist der nächste Bahnhof die Station Pankow (S2, S8, S85 und U2), von der es etwa 600 Meter Fußweg bis zum Rathaus sind. Direkt vor dem Rathaus halten die Buslinien 250, 255, 155 und die M1 (Station Rathaus Pankow).

Lost Places in Pankow
Lost Places in Pankow

weitere Videos

    Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des vergessenen Zimmers:

    Ausgangslage: Ein Rathaus für die Landgemeinde Pankow

    Rathaus Pankow, Postkarte um 1934
    Rathaus Pankow, Postkarte um 1934© picture alliance / arkivi | - | picture alliance / arkivi | -

    Das Pankower Rathaus wurde ab 1901 nach Entwürfen des Architekten Wilhelm Johow gebaut. Die Errichtung des neogotisch-neobarocken Bauwerks war ein Prestigeprojekt für die damals noch vor den Toren der Stadt gelegenen Pankower und von einigem Lokalpatriotismus begleitet.

    So schrieb das Niederbarnimer Kreisblatt: "Die festliche Grundsteinlegung bildete für die hiesige Bevölkerung ein geschichtliches Ereignis ersten Ranges. Der Bauplatz war mit bunten Flaggen und Girlanden geschmückt." Bereits nach einem Jahr Bauzeit konnte der Bürgermeister seine Dienstwohnung in der ersten Etage beziehen. 1903 wurde das Gebäude fertiggestellt – inklusive einem Zimmer, das später vergessen werden sollte.

    Vergessenes Rathauszimmer: Wechselvolle Geschichte bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs

    Der Rathausbau legte den Startschuss zur Entwicklung Pankows. In der Umgebung entstanden neue Straßensysteme und Neubauten schossen aus dem Boden, die das Bild des Stadtteils bis heute prägen. Das Rathaus selbst wurde zu einem Mikrokosmos deutscher Geschichte. So öffneten sich beispielsweise mit der massenhaften Rekrutierung im Ersten Weltkrieg erstmals die Rathaustüren für Frauen in der Gemeindeverwaltung und nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten wurden jüdische Beamte und Antifaschisten verfolgt und aus ihren Posten gedrängt.

    Vergessenes Rathauszimmer: Ein Bunker für die Festung Berlin

    Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs wurde Berlin zum Ziel alliierter Luftangriffe. In der Folge wurde in den Jahren 1942 und 1943 die Kellerräume des Rathauses rechts vom Ratssaal zu einem Luftschutzbunker ausgebaut. Der Bunker war nie für den Schutz der Bevölkerung Pankows gedacht. Er sollte als Einsatzleitstelle fungieren und inklusive Gefängniszellen und Fernmeldeanschlüssen die Fortführung des Krieges sicherstellen.

    Zum Ende des Krieges hin, als die Fronten der Hauptstadt näher rückten, sollte diese als letzten Bastion ausharren und zur Festung Berlin ausgebaut werden. Das Rathaus Pankow wurde 1944 zur "zentralen Verteidigungsstelle" erklärt. Der Kommandobunker diente jetzt auch der Unterbringung von Beamten, Wehrmachtsangehörigen und Polizisten aus den aufgelösten Revieren.

    Vergessenes Rathauszimmer: Warum wurde das Zimmer befüllt?

    Rätselraten um mysteriösen Betonsarkophag im Rathaus Pankow: Ein mysteriöser "Fund" beschäftigt die Mitarbeiter des Rathauses Pankow 2001. Bei Bauarbeiten stießen Handwerker im Erdgeschoß auf ein Zimmer, das fast vollständig mit einem Betonsarkophag ausgefüllt ist.
    Rätselraten um mysteriösen Betonsarkophag im Rathaus Pankow: Ein mysteriöser "Fund" beschäftigt die Mitarbeiter des Rathauses Pankow 2001. Bei Bauarbeiten stießen Handwerker im Erdgeschoß auf ein Zimmer, das fast vollständig mit einem Betonsarkophag ausgefüllt ist.© picture-alliance / Berliner_Kurier | Uhlemann Thomas | picture-alliance / Berliner_Kurier | Uhlemann Thomas

    Der eigentliche Bunker befand sich in den Kellerräumen des Rathauses. Zu seinem Schutz wurde der Raum über dem Bunker bis unter die nächste Decke mit Stahlbeton aufgefüllt. Der dicke Stahlbetonblock garantierte die Stabilität der Bunkeranlage bei Granat- und Bombentreffern aus der Luft und wurde im Hochparterre bis etwa einen Meter unter die nächste Etage gezogen. Die Kellerfenster vom Bunker und die Fenster darüber wurden zugemauert.

    Vergessenes Rathauszimmer: Wie gelangte man in den Bunker?

    Durch einen Eingang zur ehemaligen Verteidigungsstelle Pankow kamen Besucher auf der rechten Seite zum Polizeirevier, welches sich in den 1927 errichteten Rathausanbau erstreckte, auf der linken Seite gelangte man in den Kommandobunker. Der ehemalige Eingang ist heute verschlossen, aber noch sichtbar am rechten Flügel des Gebäudes unterhalb eines Ziergiebels neben dem Haupteingang des Rathauses. Weitere Wege in den Bunker führten über den Ratskeller auf der linken Gebäudeseite und über den Hof. In den Kellerräumen befand sich auch der 1942 eingerichtete Zellentrakt, der mit massiven stählernen Panzertüren gesichert war.

    Vergessenes Rathauszimmer: Was passierte mit der Anlage nach dem Krieg?

    An der Fassade des Rathauses lassen sich heute noch mehrere Ausbesserungen ausmachen, die auf Granattreffer aus der Zeit des Krieges stammen, der Bunker aber hielt stand. Nach dem Ende des Krieges wurde das Pankower Rathaus von 1945 bis 1949 Sitz der sowjetischen Kommandantur.

    Die Bunker und die Zellen wurden wohl mindestens bis zum Sachsenhausen-Prozess gegen den KZ-Kommandanten Anton Kaindl und weiteres KZ-Personal im Oktober 1947 weiter genutzt. Mit der Übergabe des Rathauses an die Pankower Bezirksverwaltung 1949 fielen sowohl der Bunker als auch das darüber gelegene "Betonzimmer" in einen jahrzehntelangen Dornröschenschlaf.

    Vergessenes Rathauszimmer: Das Zimmer wird ein erstes Mal wiederentdeckt

    Blick in den Hohlraum zwischen normaler Zimmerwand und Betonklotz.
    Blick in den Hohlraum zwischen normaler Zimmerwand und Betonklotz.© picture-alliance / Berliner_Kurier | Uhlemann Thomas | picture-alliance / Berliner_Kurier | Uhlemann Thomas

    Niemand zeigte Interesse an den ungenutzten Strukturen, und bald gerieten sie einfach in Vergessenheit. Jahr um Jahr verging: Ehen wurden getraut – und wieder geschieden –, Brüderküsse ausgetauscht, Kinder gezeugt, Jugendweihen gefeiert, die Berliner Mauer wurde gebaut, Honecker SED-Chef und die DDR UN-Mitglied. Unterdessen wurde der Bunker und das vergessene Zimmer des Rathauses Pankow nicht betreten und eine Schicht von Staub legt sich auf die nächste.

    1984 – fast vierzig Jahre nach der letzten Nutzung der Anlagen – begannen in Berlin Ost wie West die Vorbereitungen für die 750-Jahr-Feier der Stadt, die 1987 stattfinden sollte. In diesem Zuge standen am Pankower Rathaus umfassende Gebäuderestaurierungen an. Mit den Bauarbeiten wurden die versperrten Fenster am rechten Gebäudetrakt geöffnet und der Betonklotz und der Bunkereingang wurden zum Staunen der beteiligten Arbeiter freigelegt. Dabei blieb es aber auch. Die Fassade wurde zwar tadellos in Stand gesetzt, der dahinterliegende Trakt aber wieder verschlossen und vergessen.

    Vergessenes Rathauszimmer: Das Zimmer wird ein zweites Mal wiederentdeckt

    Es sollten weitere siebzehn Jahre vergehen bis das Zimmer erneut gefunden und schließlich betreten wurde. 2001 stießen Rathausmitarbeiter auf den versperrten Rathaustrakt. Da der Betonblock massiv war, musste das Technische Hilfswerk bemüht werden, um den Riesen endlich aus dem Weg zu räumen und das Zimmer über dem Rathausbunker freizulegen. Heute ist das vergessene Zimmer Teil des Wartebereichs des Bürgeramtes rechts vom Foyer. Es gibt aber noch Überreste und Spuren, die an den gewaltigen Betonblock erinnern.

    Vergessenes Rathauszimmer: Diese Spuren sind heute noch sichtbar

    vl_pankow_rathaus_BM_Berlin_Berlin.jpg
    © Zentralbild | ae

    Am Boden des Wartezimmers kann man auch heute noch die Lage des Betonblocks ausmachen, wenn man weiß, worauf man achten muss: Es befindet sich eine gut sichtbare Dehnungsfuge im Belag, die die Position der Kante des abgetragenen Betonblockes wiedergibt. An einer Seite des Warteraums wurde eine Spielecke für Kinder eingerichtet. Zum hinteren Fenster hin gibt es einen erhöhten Sockel, der über vier Stufen erreichbar ist. Bei dem Sockel handelt es sich um letzte Überreste des Betonblockes, der in diesem Teil des Zimmers nicht vollständig abgetragen wurde.

    Vergessenes Rathauszimmer: Und was ist aus dem Bunker geworden?

    Die Reste der Leitstelle im Keller wurden seit 2016 umgebaut. Hier sollte ein Triebwerksraum und die Schächte für neue Fahrstühle entstehen. Mit den Sanierungs- und Umbauarbeiten war geplant, das Rathaus Pankow barrierefrei zu gestalten. Dazu sollten drei neue Aufzüge die zwei bisherigen Fahrstühle ergänzen. Der Zellenblock im Rathauskeller wird heute teilweise für die Unterbringung von Archivgut genutzt.