1,2 Millionen Euro Kosten

Angst um die Kinder: Berliner Schule muss Bus-Basis bauen

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Ein Schulneubau mit dichtem Bus-Verkehr direkt vor der Tür: Assol Urrutia-Grothe von der Pankower „Schule Eins“ und Polizist Frank Borchardt sorgen sich um die Sicherheit der Kinder. Die BVG sieht hier kein Problem.

Ein Schulneubau mit dichtem Bus-Verkehr direkt vor der Tür: Assol Urrutia-Grothe von der Pankower „Schule Eins“ und Polizist Frank Borchardt sorgen sich um die Sicherheit der Kinder. Die BVG sieht hier kein Problem.

Foto: Thomas Schubert / Berliner Morgenpost

Gefangen im Vertrag: Die „Schule Eins“ eröffnet bald den ersten Schulneubau Berlins mit eigener BVG-Wendeschleife – gegen ihren Willen.

Berlin. Es gibt Tage, da fühlt sich Assol Urrutia-Grothe als Schulplanerin, Investorin und Verkehrsfachfrau in einer Person. Aber eigentlich geht es ihr hier, auf einem Beton-Platz aus DDR-Zeiten in Pankows Hadlichstraße, nur um eins: 450 Kinder sollen ab August in einem Neubau auf eben diesem Platz Unterricht bekommen. Und sie sollen unbeschadet an ihren Lernort gelangen. Ein Widerspruch, der an Urrutia-Grothe vom Schulträger „Pankower Früchtchen“ hängen zu bleiben droht. „Das ist eine Katastrophe“, sagt sie zum zweiten Teil des Bauvorhabens für die Erweiterung der „Schule Eins“. Der zweite Teil, das ist der 1,2 Millionen Euro teure Neubau der Wendeschleife für Busse der BVG – direkt hinter dem neuen Lernort.

Laut Vertrag mit dem Bezirksamt Pankow ist dieses Projekt der Verkehrsinfrastruktur nicht etwa Sache der BVG oder des Senats. Sondern ein Fall für die „Pankower Früchtchen“. Ohne die Zusage, auch die Wendeschleife zur Abfertigung von sechs jeweils rund 17 Tonnen schweren Gelenkbussen zu konstruieren, hätte die „Schule Eins“ Ende der 2010er-Jahre keine Erlaubnis für ihren Erweiterungsbau bekommen. Missmutig stimmten Urrutia-Grothe und ihr Team zu. Missmutig kamen sie all ihren Verpflichtungen nach.

Pankower Früchtchen, BVG, Polizei, eine Klinik und die Post teilen sich ein Nadelöhr

Aber jetzt, kurz vor der Eröffnung des Schulneubaus auf dem Betonplatz in der Hadlichstraße, zeigt sich, wie verworren und gefährlich die Verkehrssituation aus Sicht der 450 Kinder tatsächlich sein wird. Wie dicht die Gelenkbusse durch die verbliebene Gasse zwischen Schulneubau und der örtlichen Polizeiwache in ihre derzeit noch provisorische Wendeschleife gondeln. Wie schlecht die Sicht auf die Straße ausfällt durch den hohen Neubau mit ockerfarbener Fassade. „Es ist einfach nur gefährlich“, urteilt Urrutia-Grothe.

„Wir sind fassungslos, dass es so gewollt ist“, sagt sie zur Bestätigung, dass die „Pankower Früchtchen“ das Provisorium hinter der neuen Privat-Schule nun tatsächlich in einen kleinen Busbahnhof verwandeln sollen. Auf einem Rondell, mit einer schmalen Zufahrt, die sich Polizei, Krankenwagen der Klinik Caritas Maria Heimsuchung, die Deutsche Post und die Bewohner eines neuen Quartiers mit 300 Wohnungen teilen werden.

Hilferuf der „Schule Eins“: BVG sieht keine Gefahr für Kinder

Doch bei der BVG sieht man kein Problem und hält an der Planung fest. „Wir schätzen die Gefahr für die Schulkinder als äußerst gering ein. Die Hadlichstraße, die seit Jahren mit Linienverkehr befahren wird, ist ein Wohngebiet, in dem Tempo 30 gilt“, erklärt ein Sprecher. „Für die Erreichbarkeit des alten Schulgebäudes und zur Erhöhung der Sicherheit, wurde bereits ein Fußgängerüberweg eingerichtet. Das neue Schulgebäude befindet sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite, auf der die ankommenden Schüler quasi direkt vor der Tür aussteigen können.“

Dass Urrutia-Grothe die Lage anders sieht und jetzt im Namen der „Schule Eins“ Alarm schlägt, ändert nichts am bestehenden Vertrag. Eine Verpflichtung, die Pankows Verkehrsstadträtin Manuela Anders-Granitzki (CDU) als bindend sieht, auch wenn sie noch unter Vorgänger-Stadträten verhandelt wurde. Dabei lautet die weiterhin Argumentation so, dass die Privatschule für ihren Erweiterungsbau eine öffentliche Fläche – nämlich den Parkplatz – belegen darf. Und dafür im Gegenzug die Verkehrssituation neu ordnen muss. Auf eigene Kosten und unabhängig von einer möglichen Gefahr für Kinder durch Busse.

Im stark verdichteten Alt-Pankow gab es aus Sicht des Bezirks keine Alternativen

„Aus straßenplanerischer Sicht wird keine Möglichkeit des Verzichts der notwendigen Bus-Wendeschleife gesehen“, erklärt Stadträtin Anders-Granitzki nach erneuter Prüfung den Standpunkt ihrer Behörde. „Der gewählte Standort der Buswendeschleife entspricht sowohl den technischen und funktionalen Anforderungen eines notwendigen Linienbusbetriebes als auch den verkehrlichen und somit erheblich den öffentlichen Interessen.“ Am neuen Knotenpunkt Hadlichstraße sei mit einer „ausreichenden Qualität der Verkehrsabwicklung“ zu rechen.

Anders gesagt: Alle andere Möglichkeiten, die Buswendeschleife der BVG im inzwischen stark verdichteten Stadtgebiet von Alt-Pankow unterzubringen, sind nicht leistungsfähig genug. Und so kollidieren an der Hadlichstraße wieder einmal verschiedene Notwendigkeiten des enorm wachsenden Bezirks: Es braucht gleichzeitig neue Schulplätze und neue Kapazitäten für Öffentliche Verkehrsmittel. Bedürfnisse für soziale Infrastruktur und Planungen für eine Anpassung der Mobilität an immer mehr Einwohner treten in Widerspruch.

Bis 2024 muss die Wendeschleife vollendet sein – aber die Busse kommen schon jetzt

Formell ist das Problem mit einem Vertrag zwischen der Schule, dem Bezirk Pankow und der BVG gelöst. In der Realität sieht sich die Schule mit dem Bau eines Bus-Knotens mit einem berlinweit einmaligen Projekt allein gelassen. Sie muss die Verwerfungen des Stadtwachstums auf eigene Rechnung glätten. Und das auf eigene Gefahr, wie man bei den „Pankower Früchtchen“ befürchtet.

Tatsächlich hat sich Assol Urratia-Grothes Team an der Hadlichstraße Fürsprecher ins Boot geholt, die als Leidtragende des Engpasses dastehen könnten. Spätestens dann, wenn 2024 die heute nur provisorisch eingerichtete Bus-Wendeschleife sich in eine vollwertige Basis samt Personalhäuschen verwandelt hat. Aber schon jetzt donnern die langen Gelben der BVG im Takt weniger Minuten zwischen dem Schulneubau und der Pankower Polizeiwache vorbei.

Pankower Polizei-Wache nennt Lösung „unbefriedigend“

„Eine unbefriedigende Sache“, meint der Erste Polizeihauptkommissar Frank Borchardt. „Wir sind gespannt auf den Echtbetrieb mit Verkehr durch die zusätzlichen Kinder.“ Aus Borchardts Sicht könnte es verschiedene Optionen geben, um die Unfallgefahr durch unmittelbare Nähe von Schülern und Bussen zu entkräften. Denkbar seien Regelungen für eine Einbahn- oder Anliegerstraße, die den Verkehrsfluss am Engpass senken. Egal wie es kommt – Streifenwagen der Polizei werden sich künftig durch dichten Busverkehr manövrieren müssen, wenn sie in den Einsatz gehen.

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„Es muss hier sicher zugehen“, fordert die Pankower Grünen-Verkehrsexpertin Patrizia Flores. „Schade, dass eine Schule eine Wendeschleife bauen muss, obwohl sie etwas für Pankow sehr Wichtiges schafft: Plätze für Kinder.“ Flores ist nur eine von vielen Fachpolitikern, die Urrutia-Grothe an der Hadlichstraße derzeit zum Ortstermin empfängt. Über alle Fraktionen hinweg baut sie ein Bündnis für die Sicherheit der Kinder. „Ab Ende August werden hier Hunderte Kinder zwischen altem und neuen Gebäude hin und her pendeln. Wir brauchen eine Lösung, bevor etwas passiert.“

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